20 Jahre Demokratie

Südafrika: 1994-2014

Die Generation, die vor 20 Jahren im Kindesalter in Südafrika den Übergang zur Demokratie erlebt hat, übernimmt allmählich – mittlerweile als junge Erwachsene – privat und im Beruf Verantwortung, und bekleidet öffentliche Ämter. Sie bestimmt also weitgehend das gesellschaftliche und politische Geschehen mit. Damit ist „der lange Weg in die Freiheit“, ein sehr besonderer Weg, trotzdem noch nicht am Ziel. Bisweilen kommt es einem eher vor, als sei jener Weg bereits verlassen und fast vergessen. Ein „Land wie jedes andere auch“ ist das „neue“ Südafrika nämlich inzwischen fast in jeder Hinsicht geworden.

Zwar ist das Bild von den langen Warteschlangen noch in frischer Erinnerung, die sich Ende April 1994 bei den ersten demokratischen Wahlen unter freiem Himmel gebildet hatten, sich allmählich zur Stimmabgabe fortbewegten und etwas von dem Aufbruch in eine neue Zukunft ahnen ließen. Frischer in Erinnerung sind aber die versteinerten Gesichter und die entsetzten Stimmen der Minenarbeiter am Platin-Bergwerk in Marikana Mitte August 2012, die überlebt hatten, als sie bei einer Demonstration für Lohnerhöhungen kurzerhand von der Polizei beschossen wurden und viele von ihnen getötet, schwer verletzt oder festgenommen worden waren. Die längst überwunden geglaubte Brutalität des Apartheidregimes schien an jenem Tage schlagartig in „neuem“ Gewand wieder auferstanden zu sein. Sie hält bis in die Gegenwart an. Tödliche Schüsse aus Polizeiwaffen auf Demonstrierende häufen sich; Menschenleben – das Leben von Menschen schwarzer Hautfarbe – scheint wieder „billig“ geworden zu sein.

Heute und gestern nebeneinander

Auch wenn die meisten Menschen in Südafrika immer noch dort wohnen (müssen), wohin sie die Gesetze der Apartheid einst gegen ihren Willen versetzt hatten – in den früheren „Bantustans/Homelands“ oder Townships -, haben mittlerweile deutlich mehr von ihnen ein Dach überm Kopf, auch Zugang zu Trinkwasser und medizinischer Grundversorgung sowie zu allgemeinbildenden Schulen. Eine Minderheit zählt bereits zur entstehenden neuen Mittelklasse, verfügt über ausreichendem Einkommen und trägt als Konsument und Steuerzahler wesentlich zur Ankurbelung der Wirtschaft bei. Grund und Boden in Städten und landwirtschaftliche Betriebe auf dem Lande aber sind nach wie vor weitgehend in Händen früherer Nutznießer der Apartheid; Weinberge und Zuckerrohrplantagen ebenso. Die Leibeigenschaft, das „Labour-Tenant System“, endete zwar mit dem Untergang des Apartheidregimes; die Farmarbeiterinnen und deren Familien aber finden sich oft auf der Straße wieder, wenn sie auf einem Arbeitsvertrag bestehen und gerechte Arbeitsbedingungen einfordern. Nicht selten werden aus Farmen, auf denen sie gelebt und gearbeitet hatten, kurzerhand private Wildreservate für zahlungskräftige Touristen, oder es werden an ihrer Stelle Menschen angestellt, die als Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten oft keine Arbeitsgenehmigung haben und jedes, auch noch so schlechte Angebot annehmen (müssen).

Weder eine Familie Van der Merwe in Pretoria noch eine Familie Buthelezi im ländlichen Mahlabathini haben in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten nennenswerte Veränderungen in ihrer Nachbarschaft erleben können. Neue Namen gibt es zwar für einige Feiertage, Straßen, Städte und Landstriche; die Kreise ihres täglichen Umgangs, die Gepflogenheiten und die Rituale bei „traditionellen“ Festen sind hier wie dort aber weitgehend unverändert geblieben. Gemeinsamkeiten im privaten Alltag beschränken sich auf flüchtige Begegnungen in Einkaufszentren, im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz; zum Gottesdienst, zu Hochzeiten, Kindergeburtstagen oder Trauerfeiern, selbst zum „Tag der Versöhnung“, dem besonderen Feiertag am 16. Dezember, kommen die Menschen, wenn überhaupt, weitgehend noch so wieder zusammen, wie Generationen vor ihnen – den unsichtbaren Trennlinien entsprechend, die aus der Apartheidzeit oft gedankenlos aufrechterhalten und weitergeführt werden.

Bewusstwerdung und neue Perspektiven

Die Zahl der Menschen hat zugenommen, die als Wohnungslose am Rande Kapstadts, Johannesburgs und anderer Städte ohne Wasseranschluss, Toiletten, geschweige denn Schulen oder Verkehrsanbindung ums Überleben kämpfen müssen. Von den Bewohnern angrenzender Stadtteile sind sie oft nicht wohlgelitten und werden von Verwaltung und Polizei regelrecht schikaniert. Ihre Selbsthilfeorganisationen, das Netzwerk „AbaHlali baseMjondolo“, müssen Veränderungen zum Besseren vor Gericht erstreiten.

Die positive Kehrseite dieser sozialen Verhältnisse ist, dass immer mehr „einfache“ Menschen durch erfahrene Enttäuschungen aktiv werden, Verbündete suchen und um ihre Rechte kämpfen. Die wachsende Sensibilisierung trägt dazu bei, dass die parteipolitische Landschaft allmählich differenzierter wird und Menschenrechtsorganisationen tiefer verwurzeln und eine breitere Basis bekommen. Es entstehen neue politische Parteien, die bewirken könnten, dass auch diejenigen, die bisher eher vertröstet wurden und enttäuscht zusehen mussten, wie Regierende Vertrauen verspielen und Macht missbrauchen, endlich zu ihrem Recht kommen und besser leben können.

Schule und Beruf – Anspruch und Wirklichkeit

Refilwe in Soweto und Marianne in Stellenbosch lernen in Mathematik und Biologie inzwischen zwar dieselben Inhalte, werden eines Tages in der Abschlussprüfung aber mit Sicherheit verschieden abschneiden, denn die Lernbedingungen in den Schulen ihrer jeweiligen Wohnorten unterscheiden sich fast wie zu Schulzeiten ihrer Eltern und Großeltern vor der formellen Abschaffung der Apartheid. Kann Marianne nach wie vor zu Fuß zur Schule in ihrem Wohnviertel gehen oder dorthin mit dem Auto gebracht werden um dort in der Sprache zu lernen, die sie zu Hause als ihre erste (oder einzige) spricht und versteht, nämlich Englisch oder Afrikaans, ist Refilwe täglich mit dem Sammeltaxi oder einer zufälligen Mitfahrgelegenheit oder zu Fuß lange unterwegs, wenn sie nicht wie viele aus ihrer Nachbarschaft sich einfach mit der schlechter ausgestatteten Schule im Township abfinden will.

Von Refilwe wird verlangt, dass sie sich zu Hause und sonst eher auf Englisch verständigt und unterhält, wenn sie den Anforderungen im Unterricht und später im Beruf gewachsen werden will. SeSotho, ihre Muttersprache, wird wie die anderen „offiziellen“ Landessprachen seTswana, siSwati, isiXhosa, isiZulu, isiNdebele, xiTsonga, tshiVenda und sePedi, zugunsten des Englischen weder im Bildungs- noch im Wirtschaftsalltag als gleichberechtigtes Medium anerkannt. Die einst erhoffte Mehrsprachigkeit und die in der Verfassung verankerte kulturelle Vielfalt werden regelrecht ausgehöhlt; Südafrika wird in Wirklichkeit immer weniger mehrsprachig. In Mariannes Schule käme zudem niemand auf die Idee, lieber in einem Township zur Schule zu gehen; dazu ist das Gefälle in der Ausstattung und in der Lehrqualität immer noch zu krass.

Spektakel mit Potential

Nicht zu Unrecht bleibt die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 als eine der Unternehmungen in Erinnerung, die Land und Leute am Kap und in großen Teilen Afrikas erstmals vorwiegend wohlwollend und bewundernd ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gerückt hat. Schon die Vorfreude und dann erst recht die Begeisterung der Mannschaften und ihrer Fans wirkten ansteckend, brachten Menschen zusammen und stifteten Gemeinschaft über sichtbare und unsichtbare Grenzen hinweg. Dieses sportliche Ereignis hat die Vision einer „Regenbogennation“ tatsächlich ein Stückchen erlebbare Wirklichkeit werden lassen. Südafrika wurde für kurze Zeit (wieder) Teil Afrikas und der Weltgemeinschaft. Doch die Arbeiter der Stadien-Baustellen, die durch Streiks beharrlich dafür hatten kämpfen müssen, dass das Wettrennen um die rechtzeitige Fertigstellung der benötigten Infrastruktur nicht ausschließlich auf Kosten der Arbeiter gewonnen wurde, sind weiterhin unterbezahlt und unversorgt.

Das Projekt WM-2010 hatte sich aber immerhin bereits im Vorfeld ungeplant zu einer Anstoß dafür entwickelt, dass die Arbeiterbewegung ihre mit der Demokratisierung errungenen Rechte und Machtmittel erproben und gezielt einsetzen konnte, was dann tatsächlich ein wenig dazu beitrug, dass das große Sportereignis nicht völlig skrupellosen Geschäftemachern überlassen blieb. Die geschaffenen Verkehrsnetze, das erworbene Know-how und die Stadien stellen zudem einen Beitrag dazu dar, dass Südafrika in das Gefüge aufstrebender Wirtschaftssysteme, wie sie in Ländern wie Brasilien, Indien und China zu finden sind, hineinwachsen kann.

"Regenbogennation"? "ubuNtu"?

Von der Generation, die vor 20 Jahren im Kindesalter den Übergang zur Demokratie erlebt hat, sind heute keine alt genug, um sich an die Zeiten erinnern zu können, als Menschen aus Apartheid-Südafrika in ihren Nachbarländern Simbabwe, Sambia, Somalia und anderen Zuflucht gesucht und gefunden hatten. Täglich müssen heute Menschen aus jenen Nachbarstaaten erleben, dass sie fast überall gemieden, ausgegrenzt, ausgenutzt, ungerecht behandelt und oft tödlich angegriffen werden. Worin, fragt man sich, erweist sich das viel besungene „ubuNtu“, die bedingungslose Mitmenschlichkeit, die die „Regenbogennation“ auszeichnen sollte, wenn nicht einmal im Verhältnis zum schutzlosen Mitmenschen, der als Flüchtling ums nackte Überleben kämpft?

Nelson Mandela wird im Jubiläumsjahr 2014 zweifellos noch präsent sein und prägend wirken. Ob und wie es gelingt, in seinem Sinne gerade im Alltag Schritt für Schritt zueinander und miteinander auf dem „langen Weg in die Freiheit“ zu gehen, bleibt aber abzuwarten und der größte Wunsch für die Menschen Südafrikas.

Ben Khumalo-Seegelken.


Wer war Nelson Mandela?

Ein biographischer Umriss. Persönliche Bemerkungen und Lesung aus „Langer Weg zur Freiheit.“

Ben Khumalo-Seegelken

Gedenkfeier am Freitag, 20. Dezember 2013, 18:30 Uhr

in der St. Katharinenkirche, An der Hauptwache, Frankfurt/M

http://www.woek.de/web/cms/upload/pdf/kasa/aktuell/2013_12_20_programm.pdf


Ich bitte, dass Sie aufstehen.

Nelson Rolihlahla Mandela verstarb am 5. Dezember 2013 in Johannesburg, Südafrika, im Alter von 95 Jahren. Er wurde in Südafrika und weltweit tagelang öffentlich betrauert. Am 15. Dezember 2013 wurde Nelson Mandela beigesetzt.

Wir gedenken seiner und feiern sein Leben - sein Wirken auf dem langen Weg zur Freiheit!

Danke. Bitte setzen Sie sich wieder hin.

*

Ein Bild kommt mir in den Sinn: Der damals 80 jährige Nelson Mandela steht am Redepult vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen - heute vor 15 Jahren. Es ist ein halbes Jahr vor Ende seiner Amtszeit als Präsident der Republik Südafrika. Er erinnert sich:

„Als ich geboren wurde, ging der Erste Weltkrieg zu Ende, und jetzt, da ich mich aus dem öffentlichen Leben zurückziehe, ist schon ein halbes Jahrhundert seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vergangen. Ich habe nun jenen Abschnitt auf einem langen Weg erreicht, wo ich das tun will, was jedem Mann und jeder Frau zustehen sollte: mich zurückziehen und in Ruhe und Frieden in dem Dorf leben, in dem ich geboren wurde.“

Mandela fährt fort:

„Während ich in Qunu, dem Dorf meiner Kindheit und Jugend, sitze und alt werde wie die Hügel dort, hege ich weiter die Hoffnung, dass in meinem Land und meiner Heimat, auf meinem Kontinent und überall auf der Welt eine Riege echter [Führungspersönlichkeiten] die Dinge in die Hand nimmt“, so Madiba weiter, „die nicht zulassen, dass man Menschen die Freiheit verweigert wie uns damals, dass man Menschen zu Flüchtlingen macht wie uns damals, dass man Menschen zum Hungern verdammt wie uns damals, dass man Menschen ihrer Würde beraut wie uns damals.“

Nelson Rolihlahla Mandela. Wer war er?

Aus seiner Kindheit und Jugend erinnert sich Nelson Mandela: „ … ich erfuhr, dass - nach dem Tod meines Vaters - der Regent des Königshauses im Thembuland, Jongintaba, sich erboten hatte, mein Pflegevater zu werden, mich in seiner Familie aufzunehmen, dass ich mit ihnen in seiner Wohnstätte am Großen Platz, eMqhekezweni, lebe. … Der Regent hatte nämlich nicht vergessen, dass er aufgrund der Intervention meines Vaters amtierendes Oberhaupt geworden war.“

Die Kindheit und Jugend in Obhut des Regenten Jongintaba ist Mandela selbst im hohen Alter in dankbarer Erinnerung geblieben:

„Ich wusste, dass ich - anders als die meisten, mit denen ich in der Pubertät in der Initiationsschule gewesen war – später nicht mit Picke und Schaufel in den Minen schuften würde. Häufig hatte der Regent zu mir gesagt: „Dir ist es nicht bestimmt, dein Leben damit zu verbringen, das Gold des weißen Mannes zu schürfen und nicht einmal zu wissen, wie du deinen Namen schreibst.“ Ich sollte Ratgeber für Sabatha, den König, werden, und zu diesem Zweck brauchte ich eine Ausbildung. Meine Pflegefamilie sorgte dafür und scheute dabei keine Mühe.“

Der lange Weg in die Freiheit führt den heranwachsenden Rolihlahla Mandela durch Missionsschulen und Grundstudium hindurch. Der Jugendliche - der junge Mann - wechselt vom Lande in den Bannkreis der Großstadt Johannesburg; er „überquert Flüsse mit uns unbekannten Namen“ – wie man im Land der Thembu zu sagen pflegt -, lernt Menschen kennen und entdeckt Lebensumstände, die ihm zeitlebens nicht mehr loslassen.

Der Protest- und Widerstandsbewegung African National Congress [ANC] war Nelson Mandela 1938 beigetreten. "Ich habe" so Madiba weiter, "1944 mit Walter Sisulu, Oliver Tambo und anderen die Jugendliga des ANC mitgegründet. Ich organisierte 1952-53 hauptverantwortlich die Defiance Campaign, die Kampagne massenhaften Zivilungehorsams und bewusster Übertretung ungerechter Gesetze, wirkte ebenfalls maßgebend bei den Miet- und Busboykotts der frühen 1950er Jahre mit". In dem darauffolgenden Jahrzehnt hat Mandela als Stratege und Aktivist die wachsende Welle organisierten Protestes und Widerstandes gegen die Apartheid entscheidend mitgeprägt.

Mandela rückblickend: „Ich wusste ganz klar, dass der Unterdrücker ebenso frei sein muss wie der Unterdrückte. Ein Mensch, der einen anderen Menschen seiner Freiheit beraubt ist Gefangener seines Hasses. Er ist eingesperrt hinter den Gittern seiner Vorurteile und seiner Engstirnigkeit“.

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Der junge Rechtsanwalt Nelson Mandela war 1958 gerade einer Verurteilung im langwierigen Hochverratsprozess entgangen, die für ihn und seine Mitangeklagte Tod durch Erhängen bedeutet hätte, da lernte er nach Scheidung seiner ersten Ehe Nomzamo Winnifred Madikizela kennen. Nelson und Winnie heirateten. Den Eheleuten Mandela standen äußerst herausfordernde Jahre und Jahrzehnte bevor.

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In den 1960er ging ganz Südafrika wie durch die Hölle hindurch: Das Massaker von Sharpeville, die Verhängung des Ausnahmezustandes und das Verbot der Freiheitsbewegung – des African National Congress [ANC] und des Pan Africanist Congress [PAC] – sowie die zunehmende Verschärfung von Maßnahmen zur Verfolgung aller, die die Apartheid in Frage stellten. UMkhonto weSizwe, der Speer der Nation, wurde in dieser Zeit ins Leben gerufen; damit war der bewaffnete Widerstand geboren. Nelson Mandela wirkte maßgebend mit.

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Untertauchen oder ins Exil gehen oder beides: Die Fortsetzung des langen Weges zur Freiheit erforderte Umdenken, neue Schritte und neues Vorgehen. In die Staaten Ost-, West- und Nordafrikas, ja bis nach England führte der Weg des Freiheitskämpfers Nelson Mandela. Kaum in Südafrika zurück: Gefangennahme, Verurteilung und wieder Einkerkerung - diesmal auf Robben Island, der berüchtigten Gefangeneninsel für politische Gegner des Unrechtregimes.

Zum Anklagten Nummer Eins ist Nelson Mandela geworden, als 1964 der Apartheidstaat die Untergrundzentrale der verbotenen Freiheitsbewegung ANC entdeckte und sämtliche dort versammelten Führungsköpfe festnahm. Ihnen wurde mit Mandela zusammen Sabotage zur Last gelegt und sie wurden für schuldig erklärt und verurteilt. [Im Rivonia-Gerichtsprozess] Wieder drohte Tod durch Erhängen.

„ … nicht ich“, erklärte Mandela zur Eröffnung des Verfahrens, „sondern die Regierung [das Apartheidregime] sollte auf der Anklagebank sitzen. Ich bekenne mich nicht schuldig.“ Anstelle einer Verteidigungsrede beschlossen Mandela – der Angeklagte Nummer Eins – und seine Mitangeklagten ein politisches Statement abzugeben. Besonders diese Sätze gingen um die Welt: „Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft und ich habe gegen die schwarze Vorherrschaft gekämpft. Mein teuerstes Ideal ist eine freie und demokratische Gesellschaft, in der alle in Harmonie mit gleichen Chancen leben können. Ich hoffe, lange genug zu leben, um dies zu erreichen. Doch, wenn es so sein sollte, ist dies ein Ideal, für das ich bereit bin, zu sterben.”

27 Jahre sollen vergehen, ehe die Welt das Gesicht jenes jungen Eiferers für Freiheit und Gleichberechtigung wieder sehen konnte. 27 Jahre, in denen das System der Entrechtung und Unterdrückung immer unerbittlicher wütete und nicht einmal vor friedlich demonstrierenden Schulkindern und schutzlosen, enteigneten und vertriebenen Familien Halt machte. 27 Jahre, in denen Nelson Mandela und seine Mitgefangenen und unzählige andere in den Gefängnissen des Apartheidstaates und als politische Flüchtlinge in vielen Ländern der Welt Entbehrung, Zermürbung und oft Gewalt und Folter bestehen mussten und dabei jedoch die Hoffnung auf Freiheit wach hielten. Nelson Mandela ist in dieser Zeit weit über die Grenzen seines Landes hinaus zum Gesicht des Kampfes um Gerechtigkeit und zum Symbol der Sehnsucht nach Freiheit geworden.

„Eines der Probleme, die mich im Gefängnis zutiefst beschäftigten, war das falsche Bild, das ich ungewollt in der Welt verbreitet hatte: Man betrachtete mich als Heiligen. Doch ich war dies nicht, selbst wenn man auf die bodenständige Definition zurückgreift, wonach ein Heiliger ein Sünder ist, der sich zu bessern sucht.”

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Der inzwischen 71-jährige Nelson Mandela, der am 11. Februar 1990 aus jahrzehntelanger Haft neben seiner Ehefrau Winnie aufrecht und mit erhobenem Kopf in die Öffentlichkeit zurückkehrt, wirkt auf seine einstigen Verfolger und Peiniger vergebungsbereit - weder verbittert noch nachtragend. Auf die Unzähligen im Lande, denen es mit dem langen Weg zur Freiheit nach wie vor ernst war, wirkt der freigelassene Nelson Mandela ermutigend auch durch seinen Humor.

„Als ich die Türen des Gefängnisses durchschritt“, erklärt er später, „war dies meine Mission: Zugleich den Unterdrückten und den Unterdrücker befreien.”

Ein neues Zeitalter hatte begonnen – nicht nur für Südafrika.

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Der Friedensnobelpreis, den Nelson Mandela zusammen mit seinem einstigen Hauptherausforderer und späterem Verhandlungspartner Frederik Willem de Klerk, dem letzten Chef des Apartheidregimes, zuerkannt bekam, hat - als Genugtuung - das anerkannt und bestätigt, wofür der Freiheitskämpfer Mandela immer bereit stand. Er hat aber auch Mut, Zuversicht und Ausdauer für die dann folgenden Schritte gegeben. Harte Verhandlungen benötigten einen Menschen, der dann alle wieder zusammenführen und versöhnen konnte, als sie in noch größeres Unglück hineinzustürzen drohten. Eine Einigungsfigur. Nelson Mandela war zum Vater – ja zur Hebamme der jungen Nation im Land der Guten Hoffnung herangereift.

*

Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela hat nach abgeschlossenen Verhandlungen und nachdem das Unrechtsregime der Apartheid abgewählt worden war, die erste Regierung seines Landes geleitet, der wir die Verabschiedung der Verfassung des ersten demokratischen Rechtstaates auf südafrikanischem Boden verdanken, und der wir insbesondere die Errichtung und Einberufung der Wahrheits- und Versöhnungskommission verdanken – jener Kommission, die unserer Welt wichtige Denkanstöße gegeben hat und die Maßstäbe für Aussöhnungsprozesse in anderen Gegenden der Erde gesetzt und Handlungsperspektiven gezeigt hat. Vergangenheitsaufarbeitung und Neuanfänge können seitdem besser vonstatten gehen und eher auch gelingen.

1997 blickt Mandela zurück und zieht Bilanz: „Alle Bestandteile der Nation arbeiten, unser Land aufzubauen und daraus ein Wunder zu machen. Das lässt mich hoffen, wenn ich mich schlafen lege. Ich zweifele keinen einzigen Augenblick, dass wenn ich in die Ewigkeit eingehe, ich ein Lächeln auf den Lippen haben werde.”

*

Nelson Rolihlahla Mandela lebte bei seinem Tode schon lange im wohlverdienten Ruhestand, nun mit Graca Machel, der Kampfgefährtin und Freundin, mit der er seit 1998 verheiratet war. Altersbedingt zog er sich immer stärker aus der Öffentlichkeit zurück. Mandela-Konzerte im In- und Ausland – und er dabei in seinem Mandela-Look und mit seinem Madiba-Jive. Diese und viele andere Anlässe ließen Madiba zum Idol vieler Kinder und vieler Jugendlicher und Erwachsener, aber auch zum Vorbild für die, die in anderen Ländern zum Leiten und zum Regieren gewählt wurden: dass sie Menschen unter Menschen bleiben und als höchstes Gut Mitmenschlichkeit – ubuNtu - anstreben und wahren: Umuntu ngumuntu ngabantu – Ich bin, weil wir sind; da wir sind, also bin ich!

Diesen Weg setzen wir fort – den Weg zur Freiheit – den Weg zur Mitmenschlichkeit!

Hamba kahle, Rolihlahla! Lala ngoxolo!

Ben Khumalo-Seegelken

http://www.benkhumalo-seegelken.de/

20.12.2013


Der lange Weg zur Freiheit

Wir trauern um Nelson Mandela, der uns Anregungen, Mut und Inspiration gegeben hat.

Kaum ein anderer Mensch unserer Zeit verkörpert die Ideale von Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung so sehr wie Nelson Mandela, der gestern am 5. Dezember 2013 im Alter von 95 Jahren gestorben ist. Mandela stand für diese Ideale als Freiheitskämpfer, Gefangener, Politiker und als Person. Integrität, Unbeugsamkeit, Lebenslust und Humor zeichneten seinen Charakter aus. Mandela wurde deshalb schon zu Lebzeiten zu einem Mythos.

Weltweit sehnen sich die Menschen nach Politikerinnen und Politikern, die menschenrechtlichen Zielen inhaltlich und persönlich treu bleiben. Übersehen wird oft, dass diese von politischen Bewegungen und persönlichen Bindungen getragen werden müssen. Trotz jahrzehntelanger Inhaftierung Mandelas und anderer Führer des Befreiungskampfes erlebte der Anti-Apartheid-Widerstand in Südafrika seit den 1980er Jahren einen breiten Aufschwung. Dieser war den Zielen der Freiheitscharta aus dem Jahre 1955, des Programms des African National Congress (ANC), verpflichtet. Untergrundkampf und Exil, Entbehrungen und menschliche Verluste durch den Aggressionskrieg der Apartheidregierungen gegen die schwarze Bevölkerung konnten den südafrikanischen Widerstand nicht brechen. Nelson Mandela wurde auf der Gefangeneninsel Robben Island nicht nur durch seine politischen Ideale, sondern auch durch enge Freundschaften getragen. Seit Mitte der 1960er Jahre wurde Mandela weltweit zu einem Symbol besonders der kirchlichen und bürgerlichen Anti-Apartheid-Bewegung, mit dem Motto „Freiheit für Nelson Mandela“.

Bis weit in die 1980er Jahre war Mandela für die Spitzen von Politik und Wirtschaft der westlichen Welt ein Feindbild. Noch 1988 geißelten der US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margret Thatcher Mandela als „Terroristen“. Hintergrund hierfür war die enge Verbundenheit ihrer Länder mit dem Apartheidstaat als Bastion der antikommunistisch verstandenen „Freiheit“ sowie als Land der unbegrenzten Gewinnmöglichkeiten für die Wirtschaft ihrer Länder.

Neben den USA und Großbritannien gehörte auch die Bundesrepublik Deutschland zu den Verbündeten des Apartheidregimes, wobei besonders die militärisch-nukleare Kooperation eine Rolle spielte. Die Zusammenarbeit wurde Mitte der 1970er Jahre vom ANC und der Anti-Apartheid-Bewegung aufgedeckt. Die Bundesrepublik hatte Südafrika sogar völkerrechtswidrig zu einem Nuklearstaat mit aufgerüstet, so dass das Land Anfang der 1990er Jahre über eigene Atombomben verfügte.

Als erster demokratisch gewählter Staatspräsident Südafrikas setzte sich Nelson Mandela für eine Aufarbeitung der Geschichte des Apartheidstaates ein. Die Arbeit der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ unter Leitung von Erzbischof Desmond Tutu gilt als weltweit vorbildlicher Versuch, die unter einem drakonischen staatlichen Repressionsregime begangenen Verbrechen gesellschaftlich ohne Rückgriff auf das Strafrecht aufzuarbeiten. Da sich wichtige Akteure aus der früheren Regierung und dem alten Militärapparat dem Versöhnungsgedanken verweigerten, gelang dieser Versuch nur in Ansätzen. Auch viele ausländische Firmen lehnten eine Mitverantwortung ab und wiesen die Vorstellung von Entschädigung für früheres Unrecht weit von sich. Noch heute warten die meisten Apartheidopfer auf eine ausreichende Entschädigung.

Die demokratischen Wahlen von 1994 haben Südafrika die politische Freiheit gebracht. Der ANC stellt seither die Regierungen. Doch die mit dem Programm der Befreiungsbewegung ANC verbundenen Forderungen nach Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Mitsprache sind in weiten Teilen nicht eingelöst. Trotz 20-jähriger ANC-Regierung ist Südafrikas Gesellschaft von Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Armut, Frauendiskriminierung, Kriminalität und wachsender Spaltung in Arm und Reich geprägt. Die Korruption in Politik und Verwaltung ist ein Dauerproblem wie auch die Gewalt in den zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen.

Zur Freiheit Südafrikas ist es noch ein langer Weg.

Nelson Mandela rief schon im Wahlkampf 1994 seine Anhängerinnen und Anhänger zu kritischer Wachsamkeit gegenüber Partei und Regierung im zukünftigen Südafrika auf. Die vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die heute für ein gerechtes Südafrika eintreten, können sich auf ihn berufen.

Für die Informationsstelle Südliches Afrika [ issa] und Afrika Süd, Peter Ripken, 1. Vorsitzender; Hein Möllers, Redaktion;
Für die Koordination Südliches Afrika [ Kosa] Monika Scheffler;
Für die ehemalige Anti-Apartheid-Bewegung [ AAB] Ingeborg Wick, damalige Geschäftsführerin.

Bielefeld/Bonn, den 6. Dezember 2013.


*Die Koordination Südliches Afrika e.V. (KOSA) ist Nachfolgeorganisation des Vereins "Afrika-Süd Aktionsbündnis" (AAB), der ehemaligen Anti-Apartheid-Bewegung. Heute arbeitet KOSA als bundesweiter Zusammenschluss von entwicklungspolitischen Gruppen und Einzelpersonen, die mit ihrer Arbeit die vielfältigen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der Europäischen Union und den Ländern des Südlichen Afrika kritisch und solidarisch begleiten. Dazu gehören: Aachener Südafrika Initiative, Aktion Bundesschluss, Bochumer Initiative Südliches Afrika, Informationsstelle Südliches Afrika (ISSA), Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA), Koordinierungskreis Mosambik (KKM), Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika, Medico International, SODI International Berlin, Weltfriedensdienst, Welthaus Bielefeld, Zimbabwe Netzwerk.


Offener Brief: Menschenrechtsverletzungen durch deutsche Unternehmen im Ausland

AUFRUF an die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, wegen einer Mitverantwortung für das Unrecht der Apartheid in Südafrika die Entschädigung der Opfer zu fördern.

Offener Brief »

... eine Stimme, die nicht verstummen darf!

MARIKANA 16. September 2013: Gut ein Jahr nach dem "Massaker von Marikana", bei dem Mitte August letzten Jahres 34 streikende Minenarbeiter von der Polizei erschossen wurden, ist der Abschluss der laufenden juristischen Untersuchung noch nicht in Sicht.
Die Untersuchungskommission, die eine "rückhaltlose Aufklärung" der Umstände des Massakers bewirken sollte, sollte die Ergebnisse bis zum Januar dieses Jahres vorlegen. Mehr als sechs Monate später wartet die Öffentlichkeit immer noch auf den Bericht.
Weder wurden die Hintergründe des Streits zweier Gewerkschaften aufgeklärt, die Auslöser waren für den "wilden" Streik, noch wurde die Polizei für die Unverhältnismäßigkeit ihres Einsatzes zur Rechenschaft gezogen. Und das, obwohl inzwischen feststeht, dass die Polizisten nicht ausschließlich in Notwehr geschossen hatten, wie sie behaupten.
Man hofft zudem, dass die Ergebnisse der Untersuchungskommission beispielweise auch das zerrüttete Verhältnis zwischen den Bergarbeitern und der Regierungsallianz ANC-Cosatu-SACP, von der sich die Arbeiter verraten und verkauft fühlen, kitten helfen würde.

Einschüchterung und Ermordung von Zeugen

Die Überlebenden und die Angehörigen der verletzten, inhaftierten und der getöteten Arbeiter haben bisher immer wieder erleben müssen, dass bei aller Aufmerksamkeit, die dem Massaker vor allem in den Medien geschenkt wurde, sie selber aber selten nach ihren Erlebnissen und Meinungen gefragt werden. Oft werden sie schlicht übergangen, vor Zeugenaussagen vor der Untersuchungskommission verunsichert, eingeschüchtert oder gar angegriffen. Kürzlich wurde wieder eine Vertreterin einer der beteiligten Gewerkschaften unweit der Mine erschossen.
Von den Angehörigen, die Mitte Mai aus den ferngelegenen Herkunftsorten der Minenarbeiter im früheren "Homeland" Transkei im Ostkap und den Nachbarstaaten Lesotho und Swaziland gekommen waren, um an einer Sitzung zur Anhörung vor der Untersuchungskommission teilzunehmen, haben im Rahmen eines Workshops, den die Menschenrechtsorganisation Khulumani Support Group mit ihnen durchgeführt hat, acht Frauen, Witwen, Interviews gegeben, in denen sie von sich und dem gemeinsamen Leben mit den getöteten Ehemännern berichten.

Stimmen, die Gehör finden sollen

Khulumani hat die Interviews inzwischen veröffentlicht. Das Heft, "Hear our Stories", stößt auf großes und anhaltendes Interesse nicht nur in den Herkunftsorten der Überlebenden und Angehörigen, sondern und gerade auch in den Townships bei Kapstadt, Johannesburg und Durban. Das Heft stellt eine geballte Stimme dar, die nicht verstummen darf, die unbedingt Gehör finden soll, wenn die Arbeit der Untersuchungskommission auch nur annähernd dazu beitragen sollte, das erlittene Unrecht beim Namen zu nennen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Nachtrag

Heute [30. September 2013] erhalte ich von der Menschenrechtsorganisation Khulumani folgende Meldung: "… Die Lage in und um Marikana hat sich drastisch verschlechtert. Der Staat weigert sich immer noch, die Anwaltskosten der inhaftierten und gefolterten Minenarbeiter und die der Familien der Minenarbeiter, die getötet wurden, mitzutragen. Dies hat zur Folge, dass außer den Witwen derzeit keine anderen betroffenen Personen den Anhörungen der Farlam-Untersuchungskommission beiwohnen können.
"Das Team der Verteidiger vor der Kommission unter Leitung von Matthew Chaskalson und Geoff Budlender legte letzte Woche Beweise vor, wonach an den [schriftlichen] Aussagen, die es für die Farlam-Untersuchungskommission vorbereitet hatte, vorschriftswidrig herumgepfuscht wurde und sie nachträglich rekonstruiert worden seien. Siehe dazu den beiliegenden Artikel von Freitag, den 27. September 2013 aus der Mail & Guardian."

Ich frage mich: Was müssen die Überlebenden und die Angehörigen noch alles über sich ergehen lassen und sich erst erkämpfen, ehe ihrer Hoffnung Recht gegeben wird, dass ihnen Recht widerfährt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden?

Ben Khumalo-Seegelken

"KwaMachanca" = "Wo die Antilope selbst am helllichten Tage angstfrei und sorglos grasen kann" / "KwaMpunz'edl'emini!"