Südafrika - Geschichte, Gerechtigkeit, Theologie

20 Jahre Demokratie – Südafrika : 1994-2014

SüdafrikaAn der Küste von Kapstadt

Die Generation, die vor 20 Jahren im Kindesalter in Südafrika den Übergang zur Demokratie erlebt hat, übernimmt allmählich – mittlerweile als junge Erwachsene – privat und im Beruf Verantwortung, und bekleidet öffentliche Ämter. Sie bestimmt also weitgehend das gesellschaftliche und politische Geschehen mit. Damit ist „der lange Weg in die Freiheit“, ein sehr besonderer Weg, trotzdem noch nicht am Ziel. Bisweilen kommt es einem eher vor, als sei jener Weg bereits verlassen und fast vergessen. Ein „Land wie jedes andere auch“ ist das „neue“ Südafrika nämlich inzwischen fast in jeder Hinsicht geworden.

Zwar ist das Bild von den langen Warteschlangen noch in frischer Erinnerung, die sich Ende April 1994 bei den ersten demokratischen Wahlen unter freiem Himmel gebildet hatten, sich allmählich zur Stimmabgabe fortbewegten und etwas von dem Aufbruch in eine neue Zukunft ahnen ließen. Frischer in Erinnerung sind aber die versteinerten Gesichter und die entsetzten Stimmen der Minenarbeiter am Platin-Bergwerk in Marikana Mitte August 2012, die überlebt hatten, als sie bei einer Demonstration für Lohnerhöhungen kurzerhand von der Polizei beschossen wurden und viele von ihnen getötet, schwer verletzt oder festgenommen worden waren. Die längst überwunden geglaubte Brutalität des Apartheidregimes schien an jenem Tage schlagartig in „neuem“ Gewand wieder auferstanden zu sein. Sie hält bis in die Gegenwart an. Tödliche Schüsse aus Polizeiwaffen auf Demonstrierende häufen sich; Menschenleben – das Leben von Menschen schwarzer Hautfarbe – scheint wieder „billig“ geworden zu sein.

Heute und gestern nebeneinander

Auch wenn die meisten Menschen in Südafrika immer noch dort wohnen (müssen), wohin sie die Gesetze der Apartheid einst gegen ihren Willen versetzt hatten – in den früheren „Bantustans/Homelands“ oder Townships -, haben mittlerweile deutlich mehr von ihnen ein Dach überm Kopf, auch Zugang zu Trinkwasser und medizinischer Grundversorgung sowie zu allgemeinbildenden Schulen. Eine Minderheit zählt bereits zur entstehenden neuen Mittelklasse, verfügt über ausreichendem Einkommen und trägt als Konsument und Steuerzahler wesentlich zur Ankurbelung der Wirtschaft bei. Grund und Boden in Städten und landwirtschaftliche Betriebe auf dem Lande aber sind nach wie vor weitgehend in Händen früherer Nutznießer der Apartheid; Weinberge und Zuckerrohrplantagen ebenso. Die Leibeigenschaft, das „Labour-Tenant System“, endete zwar mit dem Untergang des Apartheidregimes; die Farmarbeiterinnen und deren Familien aber finden sich oft auf der Straße wieder, wenn sie auf einem Arbeitsvertrag bestehen und gerechte Arbeitsbedingungen einfordern. Nicht selten werden aus Farmen, auf denen sie gelebt und gearbeitet hatten, kurzerhand private Wildreservate für zahlungskräftige Touristen, oder es werden an ihrer Stelle Menschen angestellt, die als Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten oft keine Arbeitsgenehmigung haben und jedes, auch noch so schlechte Angebot annehmen (müssen).

Weder eine Familie Van der Merwe in Pretoria noch eine Familie Buthelezi im ländlichen Mahlabathini haben in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten nennenswerte Veränderungen in ihrer Nachbarschaft erleben können. Neue Namen gibt es zwar für einige Feiertage, Straßen, Städte und Landstriche; die Kreise ihres täglichen Umgangs, die Gepflogenheiten und die Rituale bei „traditionellen“ Festen sind hier wie dort aber weitgehend unverändert geblieben. Gemeinsamkeiten im privaten Alltag beschränken sich auf flüchtige Begegnungen in Einkaufszentren, im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz; zum Gottesdienst, zu Hochzeiten, Kindergeburtstagen oder Trauerfeiern, selbst zum „Tag der Versöhnung“, dem besonderen Feiertag am 16. Dezember, kommen die Menschen, wenn überhaupt, weitgehend noch so wieder zusammen, wie Generationen vor ihnen – den unsichtbaren Trennlinien entsprechend, die aus der Apartheidzeit oft gedankenlos aufrechterhalten und weitergeführt werden.

Bewusstwerdung und neue Perspektiven

Die Zahl der Menschen hat zugenommen, die als Wohnungslose am Rande Kapstadts, Johannesburgs und anderer Städte ohne Wasseranschluss, Toiletten, geschweige denn Schulen oder Verkehrsanbindung ums Überleben kämpfen müssen. Von den Bewohnern angrenzender Stadtteile sind sie oft nicht wohlgelitten und werden von Verwaltung und Polizei regelrecht schikaniert. Ihre Selbsthilfeorganisationen, das Netzwerk „AbaHlali baseMjondolo“, müssen Veränderungen zum Besseren vor Gericht erstreiten.

Die positive Kehrseite dieser sozialen Verhältnisse ist, dass immer mehr „einfache“ Menschen durch erfahrene Enttäuschungen aktiv werden, Verbündete suchen und um ihre Rechte kämpfen. Die wachsende Sensibilisierung trägt dazu bei, dass die parteipolitische Landschaft allmählich differenzierter wird und Menschenrechtsorganisationen tiefer verwurzeln und eine breitere Basis bekommen. Es entstehen neue politische Parteien, die bewirken könnten, dass auch diejenigen, die bisher eher vertröstet wurden und enttäuscht zusehen mussten, wie Regierende Vertrauen verspielen und Macht missbrauchen, endlich zu ihrem Recht kommen und besser leben können.

Schule und Beruf – Anspruch und Wirklichkeit

Refilwe in Soweto und Marianne in Stellenbosch lernen in Mathematik und Biologie inzwischen zwar dieselben Inhalte, werden eines Tages in der Abschlussprüfung aber mit Sicherheit verschieden abschneiden, denn die Lernbedingungen in den Schulen ihrer jeweiligen Wohnorten unterscheiden sich fast wie zu Schulzeiten ihrer Eltern und Großeltern vor der formellen Abschaffung der Apartheid. Kann Marianne nach wie vor zu Fuß zur Schule in ihrem Wohnviertel gehen oder dorthin mit dem Auto gebracht werden um dort in der Sprache zu lernen, die sie zu Hause als ihre erste (oder einzige) spricht und versteht, nämlich Englisch oder Afrikaans, ist Refilwe täglich mit dem Sammeltaxi oder einer zufälligen Mitfahrgelegenheit oder zu Fuß lange unterwegs, wenn sie nicht wie viele aus ihrer Nachbarschaft sich einfach mit der schlechter ausgestatteten Schule im Township abfinden will.

Von Refilwe wird verlangt, dass sie sich zu Hause und sonst eher auf Englisch verständigt und unterhält, wenn sie den Anforderungen im Unterricht und später im Beruf gewachsen werden will. SeSotho, ihre Muttersprache, wird wie die anderen „offiziellen“ Landessprachen seTswana, siSwati, isiXhosa, isiZulu, isiNdebele, xiTsonga, tshiVenda und sePedi, zugunsten des Englischen weder im Bildungs- noch im Wirtschaftsalltag als gleichberechtigtes Medium anerkannt. Die einst erhoffte Mehrsprachigkeit und die in der Verfassung verankerte kulturelle Vielfalt werden regelrecht ausgehöhlt; Südafrika wird in Wirklichkeit immer weniger mehrsprachig. In Mariannes Schule käme zudem niemand auf die Idee, lieber in einem Township zur Schule zu gehen; dazu ist das Gefälle in der Ausstattung und in der Lehrqualität immer noch zu krass.

Spektakel mit Potential

Nicht zu Unrecht bleibt die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 als eine der Unternehmungen in Erinnerung, die Land und Leute am Kap und in großen Teilen Afrikas erstmals vorwiegend wohlwollend und bewundernd ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gerückt hat. Schon die Vorfreude und dann erst recht die Begeisterung der Mannschaften und ihrer Fans wirkten ansteckend, brachten Menschen zusammen und stifteten Gemeinschaft über sichtbare und unsichtbare Grenzen hinweg. Dieses sportliche Ereignis hat die Vision einer „Regenbogennation“ tatsächlich ein Stückchen erlebbare Wirklichkeit werden lassen. Südafrika wurde für kurze Zeit (wieder) Teil Afrikas und der Weltgemeinschaft. Doch die Arbeiter der Stadien-Baustellen, die durch Streiks beharrlich dafür hatten kämpfen müssen, dass das Wettrennen um die rechtzeitige Fertigstellung der benötigten Infrastruktur nicht ausschließlich auf Kosten der Arbeiter gewonnen wurde, sind weiterhin unterbezahlt und unversorgt.

Das Projekt WM-2010 hatte sich aber immerhin bereits im Vorfeld ungeplant zu einer Anstoß dafür entwickelt, dass die Arbeiterbewegung ihre mit der Demokratisierung errungenen Rechte und Machtmittel erproben und gezielt einsetzen konnte, was dann tatsächlich ein wenig dazu beitrug, dass das große Sportereignis nicht völlig skrupellosen Geschäftemachern überlassen blieb. Die geschaffenen Verkehrsnetze, das erworbene Know-how und die Stadien stellen zudem einen Beitrag dazu dar, dass Südafrika in das Gefüge aufstrebender Wirtschaftssysteme, wie sie in Ländern wie Brasilien, Indien und China zu finden sind, hineinwachsen kann.

„Regenbogennation“? „ubuNtu“?

Von der Generation, die vor 20 Jahren im Kindesalter den Übergang zur Demokratie erlebt hat, sind heute keine alt genug, um sich an die Zeiten erinnern zu können, als Menschen aus Apartheid-Südafrika in ihren Nachbarländern Simbabwe, Sambia, Somalia und anderen Zuflucht gesucht und gefunden hatten. Täglich müssen heute Menschen aus jenen Nachbarstaaten erleben, dass sie fast überall gemieden, ausgegrenzt, ausgenutzt, ungerecht behandelt und oft tödlich angegriffen werden. Worin, fragt man sich, erweist sich das viel besungene „ubuNtu“, die bedingungslose Mitmenschlichkeit, die die „Regenbogennation“ auszeichnen sollte, wenn nicht einmal im Verhältnis zum schutzlosen Mitmenschen, der als Flüchtling ums nackte Überleben kämpft?

Nelson Mandela wird im Jubiläumsjahr 2014 zweifellos noch präsent sein und prägend wirken. Ob und wie es gelingt, in seinem Sinne gerade im Alltag Schritt für Schritt zueinander und miteinander auf dem „langen Weg in die Freiheit“ zu gehen, bleibt aber abzuwarten und der größte Wunsch für die Menschen Südafrikas.

Ben Khumalo-Seegelken.

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