Predigt über Lukas 18,1-8

iNdlu eNcome

im ökumenischen Gottesdienst

zum 100. Geburtstag von Beyers Naudé

in der Stadtkirche zu Uppsala/Schweden

am Sonntag, den 10. Mai 2015

1 Wabaxoxela umzekeliso, ebachazela ukuthi kufanele bakhuleke njalo, bangalahli ithemba.  I  Wathi kubo:   I 1 Er erzählte ihnen ein Gleichnis dafür, wie notwendig es ist, allezeit zu beten und nicht müde zu werden.  Er sagte:  2 „Kwakukhona umahluleli emzini othile. Le ndoda yayingamesabi oPhezukonke, ingenandaba namuntu.  I  3 Kulowo muzi kwakukhona nomfelokazi owayelokhu eya kulo mahluleli, afike athi kuye: `Aké ungizwele odabeni lwami nalo muntu esibhekene naye ecaleni!´ 2  „In einer Stadt lebte ein Richter, der weder Gott fürchtete noch einen Menschen achtete. 3 Auch eine Witwe lebte in jener Stadt; die kam immer wieder zu ihm und sagte: `Verschaffe mir Recht gegenüber meinem Gegner! ´   I  4 Kwamthatha isikhathi eside umahluleli elokhu engafuni, kepha kuthé ekugcineni, wakhuluma yedwa, wathi: `Yize noma ngingamesabi oPhezukonke, ngingakhathali ngamuntu, 5 kodwa lo mfelokazi olokhu engibelesele, engifundekela, ngizomzwela ngenxa yalokho, hleze agcine esengithukuthelele, wangenzakalisa.´“  I 4 Eine Zeit lang wollte der Richter nicht. Dann aber sagte er sich: `Wenn ich auch Gott nicht fürchte und keinen Menschen achte, 5 werde ich doch dieser Witwe Recht verschaffen, weil sie mich belästigt; sonst kommt sie noch am Ende und schlägt mich ins Gesicht. ´  I  6 UJesu waqhubeka wathi: „Aké nizwe ukuthi uthini umahluleli okhohlakeleyo!  7 Nithi kambe oPhezukonke kayikubazwela yini abekhethelo lakhe abakhuleka kuye imini nobusuku, aphendule, abezwele?  Nithi uyokwephuza ukubezwela, abahlenge na? 8 Ngiyanitshela, ngithi uyosheshe abezwele.   I  Kodwa-ke, ekubuyeni kweNdodana yesintu, nithi iyoluthola emhlabeni ukholo olungako emphakathini?“ 6 Da sagte Jesus: „Hört, was der ungerechte Richter sagt. 7 Aber Gott sollte den Auserwählten, die Tag und Nacht zu Gott schreien, kein Recht schaffen und für sie keinen langen Atem haben? 8 Ich sage euch: Gott wird ihnen Recht schaffen in kurzer Zeit! Wird der Mensch nun bei seinem Kommen Glaubenstreue finden auf Erde?“

*

Jesus erzählt: `Endlich wendet sich das Blatt. Die Entscheidung fällt. Das Flehen findet schließlich Gehör. Eine kann wieder hoffen – kann wieder Land sehen. Endlich!´   I

Der höchste Verantwortliche in Fragen der Justiz an jenem Ort hat beschlossen, sich nicht länger taub zu stellen.  Er will nun nicht mehr stur bleiben.  Er will die Bitte zulassen und Recht walten lassen.  I

„Wenn nun selbst dieser Vertreter staatlicher Macht sich dazu entschließen kann, schließlich zuzuhören, Recht walten zu lassen und dem Flehen das ersehnte gute Ende zu bereiten, wieviel mehr wird Gott ähnlich handeln gegenüber denen, die in ihrem Überlebenskampf fest mit ihm rechnen“, fragt der Erzähler dieses Gleichnisses. I Jesus stellt außerdem die Frage:

Da Gott ein offenes Ohr behalten und dem Flehen ein gutes Ende bereiten will, könnte es so sein, dass auch Menschen zufrieden werden und in Zukunft so miteinander leben, wie es Gott in ferner Zukunft gefallen würde?  I

Liebe Gemeinde,  vorerst eins nach dem andern:   I

Die Witwe erkennt, dass sie nicht einfach darauf warten darf, dass im Rechtstreit nach Gesetz und Recht geurteilt wirdI  Diese Frau weiß wohl aus Erfahrung: Sie muss mehr tun – sie muss aufstehen, aufbrechen, ihre Stimme erheben und darum ringen, gehört zu werden.    I   Sie weiß von der Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit derer da oben, von  Rechtsbeugung und Unrecht.  I

*

Liebe Gemeinde, wie sehr sich die Zeiten und die Umstände ähneln  –  damals und heute, hier wie dort, auch wenn hier und heute vieles doch oft ganz anders sein will.  I   Viele von uns heute wissen aus Erfahrung ebenso: Recht muss leider oft erst erstritten, Gehör erst erkämpft werden, erst recht wenn die Kraft gerade noch zum Überleben reicht und du niemanden sonst an deiner Seite hast –  etwa wie die Witwe in dem Gleichnis, das Jesus erzählt.  I

°Die Waisen, Witwen und die Überlebenden des Massakers der Minenarbeiter in Marikana, in Südafrika, vor drei Jahren –   I

°die Waisen, die Witwen und die Überlebenden der menschenfeindlichen Angriffe in Durban, Johannesburg und anderen Orten neulich  –   I

°die Waisen, die Witwen und die Überlebenden der  Ertrunkenen und Ertrinkenden im Mittelmeer vor Lampedusa gerade jetzt  –  I

wissen sie alle, wie taub, hartherzig und behäbig die da oben sich stellen und sein können, die tatsächlich Schutz gewähren könnten, eigentlich eine Lebensperspektive ermöglichen müssten und Vertrauen wiederherstellen sollen.   I

Tagein und tagaus müssen Menschen auch heute darum flehen, dass sie in ihrer Not und in ihrem Kampf ums Überleben gehört werden und [dass] ihnen zumindest dás zugestanden wird, was ihnen zusteht und was sie zum Leben brauchen.  I  Ob die da oben sich jemals ihren zuwenden und ihnen zu ihrem Recht verhelfen – [die da oben] in Pretoria, in Brüssel, in Stockholm, in New York?  I

*

Wir erinnern uns, liebe Gemeinde: I  In Südafrika und Namibia haben Menschen schon lange immer wieder aufstehen und aufbrechen müssen, um daraufhin zu arbeiten, dass endlich die Zeit zu Ende geht, in der Menschen recht- und schutzlos dastehen und einer ungewissen Zukunft entgegensehen.   I

Gerade Frauen und Männer der Generation von Christiaan Frederick Beyers Naudé, I die

°die Zeit zwischen den Weltkriegen als Kinder und als Jugendliche erlebt  I und

°die Zeit, in der Gesetze, Willkür und Waffen immer rücksichtsloser eingesetzt wurden, um Menschen zu trennen und sie gegeneinander auszuspielen, die Zeit der Apartheid,

als Erwachsene miterlitten oder mitgestaltet haben, I

[gerade die Altersgenossen Beyers Naudés] haben in ihrem Leben oft genug erleben müssen, dass Menschen an Schaltstellen der Macht in der Tat schalten und walten wie sie wollen und unsägliches Leid verursachen, wo es sehr lange braucht,  dieses Leid zu lindern und zu überwinden und endlich und mühsam aus der Welt zu schaffen. I  Bei dér Generation können und sollten wir heute  in die Schule gehen, I damit auch wir beizeiten aufzustehen und aufzubrechen wissen, um die an den Schaltstellen der Macht an ihre Aufgaben zu erinnern und ihnen ins Gewissen zu reden. I

Der Richter in dem Gleichnis, das Jesus erzählt, entschließt sich, endlich hinzuhören und zu handeln, – zwar nicht aus Einsicht, wohl aber aus Kalkül I – aus Angst davor, dass die Witwe sich womöglich rächt und er dann nicht ungeschoren davonkommt.  I   Im ureigenen Interesse beendet der Richter seine Hartherzigkeit, schreitet zur Tat und will der Witwe nun doch zu ihrem Recht verhelfen.  I

Liebe Gemeinde, die Erzählung von einst könnte

°gute Verheißung – „Evangelium“ – werden für viele,

für die etwa Ortsnamen wie `Marikana´, `Durban´, `Johannesburg´, `Lampedusa´, `Ferguson´, `Gaza´, `Damaskus´ Chiffre oder Symbol geworden sind für Untaten, die Menschen in Waisen, Witwen und Überlebende verwandeln.  I

°eine Hoffnungsperspektive: I

Klagen und Flehen bleiben nicht das letzte Wort – verhallen nicht ohne Wirkung.  I

°eine gute Aussicht: I

Die Stimme der Eingeschüchterten erreicht und bewegt verstockte Herzen. I Machthabende besinnen sich und stehen dem Recht nicht mehr im Weg.  I

Waisen, Witwen und Überlebende können endlich den neuen Tag freudig begrüßen und mit allen anderen wieder Land sehen! I

*

Ilse und Beyers Naudé lebten schon im Altersheim, als sie sich wieder einmal in einem Gespräch erinnerten: I  „Du kamst dir damals oft klein und hilflos vor und musstest Angst haben vor denen, die das Sagen hatten und uns alle mit ins Verderben zu nehmen drohten; I  sie wollten nicht hinhören und wollten nicht zuhören.  I Gut, dass damals nicht nur wir wenige, sondern viele andere mit die Stimme erhoben und Recht einforderten!“ I

Liebe Gemeinde, es ist, in der Tat gut, dass in Zeiten der Bedrückung Mitmenschen sich aufrütteln lassen, aufstehen, Partei ergreifen und mitleiden.  I Dann gelingt es wenigstens, es denen da oben gemeinsam schwerer zu machen, dass sie sich weiterhin taub stellen und unbekümmert mit ihren Untaten fortfahren.  I  Auch sie fangen dann an, nachdenklich zu werden und vielleicht auch umzudenken; I die Stimme der Verstummten dringt ein in ihr Ohr und ihren Kopf und lässt sich nicht mehr verdrängen. I

[wo Menschen verstockte Herzen erweichen, Krisentürme umwälzen und neue Lebensperspektiven anstoßen.]

*

„Ein Wunder ist geschehen!“ rief manch einer aus, als kurz nacheinander der Eiserne Vorhang aufging und die Mauer der Apartheid einstürzte. Wirklich `ein Wunder´? I

Wir sind damals ja Zeugen und Zeuginnen davon geworden, dass das Gleichnis, das Jesus erzählt, erlebbare Wirklichkeit wurde – im Ost/West-Konflikt, im Freiheitskampf Südafrikas ebenso. I „Ben“, sagte Oom Bey, `Onkel Bey´ wie wir Jüngere Beyers Naudé anzureden pflegten, I „Gebete werden erhört, I verstockte Herzen (werden) erweicht, I Zerstrittene finden zueinander und reden miteinander, I gemeinsam können sie den neuen Tag begrüßen, …“ I

Nicht lange danach, zum 80. Geburtstag vor 20 Jahren, konnte Beyers Naudé sich über ein Geburtstagsgeschenk besonders freuen:  I  „An meinem Geburtstag“, sagte er, „feiert Südafrika, feiert die Welt den Jahrestag, an dem der erste Staatspräsident des neuen demokratischen Rechtstaats Südafrika sein Amt antritt. Ich darf mitfeiern!“ I

Wir wissen: I  Zwar konnte in Südafrika `die Nacht der langen Messer´  – eine Entscheidungsschlacht etwa zwischen uMkhonto weSizwe, dem bewaffneten Flügel der Befreiungsbewegung, und den Streitkräften des Apartheidstaates  –  noch abgewendet werden, Ruhe und Entspannung ließen jedoch lange auf sich warten;  I  aber wir können uns mit größerer Zuversicht von jener Wundergeschichte anspornen lassen, die sich vor unseren Augen ereignete, bei der unser Jubilar, Beyers Naudé, mit Bitten, Flehen, Wachrütteln und Ermahnen maßgebend mitgewirkt hat. I

Lasst uns das Gleichnis, das Jesus erzählt, weiterspinnen und dabei dankbar an Menschen zurückdenken, die als es so gelebt und erlebt haben, dass sie unserer Welt eine Zukunft eröffnen.

Amen!

Ben Khumalo-Seegelken.

4 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Predigt über Lukas 18,1-8«

  1. Vielen Dank! Ich sitze auch an der Predigt zu ROGATE diesen Sonntag, doch mit Dietrich Bonhoeffer als Beispiel – „Vom Beten und Tun des Gerechten“ Die Beispiele, die du bringst, sind international und berühren hoffentlich alle.

  2. […]                          10.00 Sermon: Ben Khumalo-Seegelken […]

  3. […] Ben Khumalo-Seegelken, Uppsala, 11 May 2015. […]

  4. […] > Predigt über Lk 18,1-8  –  zum 100. Geburtstag von Beyers Naudé […]

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