Albert Luthuli. Im Glauben Verwurzelt

uAlbert Luthuli

Ben Khumalo-Seegelken:
Albert Luthuli. Im Glauben Verwurzelt

Arbeitsskizze
zur deutschen Fassung von
Scott Couper: Albert Luthuli. Bound by Faith.
Scottsville: University of KwaZulu-Natal Press (2010),
ISBN 978 1 86914 192 9 (291 pages)

 Vorwort:

60 Jahre sind bald vergangen, seit dem Südafrikaner Chief Albert Luthuli 1961 in Anerkennung seines Eintretens für Gerechtigkeit der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Und bald 25 Jahre verstrichen seit den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika 1994. Die läuteten  den von der Bevölkerungsmehrheit jenes Landes lang und schwer erkämpften Untergang des Apartheidregimes und den Aufbruch in eine rechtstaatlich und demokratisch gesicherte gemeinsame Zukunft aller Bevölkerungsgruppen ein.  Ein lebhafter Meinungsstreit sorgte und sorgt wiederholt für Zerwürfnisse und hat u.a. gar die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des African National Congress  (ANC) 2012, dem Albert Luthuli angehörte, dem er 1952 bis zu seinem Tode 1967 als dessen Präsident gedient und den er mit geprägt hat, merklich beeinträchtigt.

Stein des Anstoßes ist der Einwand, den der Historiker Scott Couper hinsichtlich der Rolle, die Albert Luthuli im bewaffneten Kampf gegen das Apartheidregime in etlichen bisherigen Veröffentlichungen zugeschrieben wird, erhebt: Luthuli, so Couper, habe niemals der von seinem jüngeren Weggefährten Nelson Mandela am 16. Dezember 1961 -nur wenige Tage nach Luthulis Rückkehr von dem Empfang des Friedensnobelpreises in Oslo-  vollzogenen Gründung des uMkhonto weSizwe (MK), des ‘bewaffneten Flügels des ANC’, zugestimmt. Auch habe er diesen Schritt, den Couper für eine ‘(beklagenswerte) Wende des ANC zur Gewalt hin’ hält, weder jemals mitgetragen noch nachvollzogen.  Gewaltfreiheit sei Luthuli im Widerstand und im Befreiungskampf nicht nur ein, sondern der Weg zum angestrebten Ziel gewesen.

Es gibt einige Weggefährten und etliche Parteigänger Nelson Mandelas heute, für die die Gründung und das Wirken des MK nach wie vor keineswegs eine Entgleisung darstellt, für die sie sich womöglich auch noch rechtfertigen müssten. Sie verstehen sie vielmehr als eine nachvollziehbare Notwendigkeit und Konsequenz im Freiheitskampf, die sie in Ehre und in dankbarer Erinnerung halten wollen. Coupers Luthuli-Biographie wird für einen offenkundig böswilligen Versuch gehalten, erstens, dem allseits als Befreier Südafrikas gefeierten ANC und seinem einstigen ‘bewaffneten Flügel’ MK anzuzweifeln, dass ihr verehrter und international hoch angesehener Altpräsident zu ihnen passt  und zweitens, zu bestreiten, dass er jemals mit – wie Couper schreibt – ‘zur Befürwortung von Gewalt umgeschwenkt’ wäre.

Die vorläufig spektakulärste Zuspitzung erhielt die bis dahin ohnehin schon leidenschaftlich bis unerbittlich geführte  Auseinandersetzung neulich, als Staatspräsident Jacob Zuma – damaliger Inhaber der in der parteipolitischen Landschaft im Südlichen Afrika hoch angesehenen Präsidentschaft der 1994 zur Regierungspartei avancierten ehemaligen Befreiungsbewegung ANC – als Gastredner auf der Jubiläumsfeier für Albert Luthuli in Durban Ende November 2010 versuchte, auf die aktuelle Diskussion einzugehen. Er widerlegte die umstrittene These zwar wortreich und betont kämpferisch, erwähnte dabei jedoch weder den Autor noch die Veröffentlichung auch nur mit einer Silbe.   Historiker und Politikkundige ließen nicht lange auf sich warten; die öffentliche Debatte hat an Substanz und Tiefe gewonnen und die Konturen der Persönlichkeit Albert Luthuli umso mehr.

Wer war Albert Luthuli?  Wer ist oder wie wird Albert Luthuli  heute von wem – außer vom ANC und seinem einstigen ‘bewaffneten Flügel’ MK –  und wozu vereinnahmt?

Scotts Luthuli-Biographie lässt durch Direktzitate und Archivmaterial die Person und die Funktionsträger selber ausführlich zu Wort kommen. Den Schüler, Lehrer, Familienvater, Landwirt, Laienprediger, Ortsvorsteher und Verantwortungsträger im politischen Widerstand lässt Couper in den Frömmigkeitstraditionen seiner Vorfahren bildhaft werden. Er entwickelt das unverwechselbare Profil eines Christen, der durch die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit herausgefordert wurde. Albert Luthuli, ein frommer,  verantwortungsvoller  und unbeugsamer  Mitstreiter für die Freiheit und eine von vielen weit über seinen Tod hinaus umworbene Identifikationsfigur.

Auf Symposien und Konferenzen in Kapstadt, Stockholm, Oslo und anderen Weltzentren würdigten im Jubiläumsjahr 2011 Geschichtskundige das Wirken des Friedensnobelpreisträgers Luthuli und schlagen dabei recht oft bewusst eine Brücke zu der seinerzeit anstehenden und mit steigender Vorfreude erwarteten 100-jährigen Wiederkehr der Gründung des ANC.  Luthuli-Biograph Scott Couper musste dabei durch Abwesenheit glänzen, denn er wurde schlicht und ergreifend nicht eingeladen!

Albert Luthuli, Desmond Tutu und Nelson Mandela sind drei der vier Friedensnobelpreisträger Südafrikas, die im Jubiläumspaar 2011/2012 und darüber hinaus die Freude über erreichte Ziele des Freiheitskampfes und die Mahnung hinsichtlich der Zukunft der jungen Demokratie am eindrücklichsten zu verkörpern vermögen und ihnen Nachdruck zu verleihen –  Albert Luthuli, als der Erstling unter Gleichen, allzumal.  Südafrika und die Welt lernen durch die Person und das Wirken Albert Luthulis die Wege und die Sackgassen näher kennen und vielleicht auch besser verstehen, die Menschen gehen mussten und müssen, wenn Gerechtigkeit kein Traum bleiben soll.   Die deutsche Ausgabe dieser sorgfältig recherchierten und anregend und unterhaltsam aufgebauten Biographie der legendären, streitbaren und umkämpften Identifikationsfigur Albert Luthuli könnte zu keinem besseren Zeitpunkt vorgelegt werden!

Ben Khumalo-Seegelken

www.biblia-zuluensis.de

2 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Albert Luthuli. Im Glauben Verwurzelt«

  1. Ist denn das Christsein mit einer Unterstützung des bewaffneten Kampfes gegen ein ungerechtes, verbrecherisches System unvereinbar? Wohl kaum. Dafür gibt es genügend Beispiele in der Kirchengeschichte, z.B. auch die Befreiungstheologie.
    Selbst auf der anderen, unterdrückerischen, kriegslüsternen Seite der Barrikade sind es Christen höchsten Ranges, die die Waffen bis zum heutigen Tag segnen.
    Der christliche Glaube ist also kein Argument.

    Chief Albert Luthuli war gewiss kein Befürworter des bewaffneten Kampfes. Aber, hat er nicht sinngemäß einmal geäußert, er habe sein Leben lang an Türen geklopft, die niemals geöffnet wurden?

    Alle Versuche des ANC, seit dessen Gründung 1912, mit dem britischen Kolonialregime und später mit dem Apartheidregime ins Gespräch zu kommen, wurden bekanntlich mit Miss- und Verachtung seitens Londons und Pretorias bedacht. Da ist es nur folgerichtig, dass in den 1950er Jahren der ANC über seine Jugendliga militanter wurde, noch immer dem Prinzip der Gewaltfreiheit verpflichtet. Erst als die Organisationen ANC und PAC verboten und somit in die Illegalität gezwungen wurden, war die Zeit für militärische Gewaltaktionen gekommen. Und selbst dann versuchte der ANC (anders als der PAC) sich von seiner bisherigen Geschichte des gewaltfreien Kampfes nicht ganz abzukoppeln: Mit dem Prinzip von uMkhonto we Sizwe, Sabotage mit Sachbeschädigung zu verüben und kein Menschenleben dabei in Gefahr zubringen. Das mag, für eine militärische Formation naiv sein, denn es ist auf Dauer nicht durchzuhalten. Aber lange Zeit haben MK-Kämpfer sich erfolgreich daran halten können.

  2. Lieber Ben,

    als Visser ‘t Hooft Anfang der 50er Jahre eine mehrwöchige Reise nach Südafrika machte, traf er auch mit Albert Luthuli zuammen! Das fand ich in einem Bericht Visser ‘t Hoofts an den Zentralausschuß. Er traf auch den Sohn von Ghandi!

    Herzlichst

    Dein Rudolf

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