Grüß Gott, Herr Seehofer!

Grüß Gott, Herr Seehofer!

Sie haben es mal wieder geschafft! Mit dem Satz: Der Islam gehört nicht zu Deutschland sind Sie in aller Munde. Klar, Sie wollen die rechte Flanke schließen und so der „Alternative für Deutschland“ den Wind aus den Segeln nehmen. Das ist so fadenscheinig wie wirkungslos. Jeder Migrationsforscher hätte Ihnen sagen können, dass die Übernahme radikaler Positionen immer nur deren Verfasser stärkt und nicht den, der sie kopiert.

Mir persönlich, als Muslim mit einer deutschen Mutter, die zum Islam konvertierte, und einem türkischen Vater, der nicht so gläubig ist, entlockt dieser Satz nicht mal mehr ein Schulterzucken. Ich habe ihn schon zu oft gehört, mir zu viele sinnlose Talkshows zu dem Thema angesehen; all diese „Debatten“, die das Wort gar nicht verdienen, drehten sich immer nur im Kreis und haben zu nichts geführt.

Ich finde es traurig, wenngleich es mich angesichts Ihrer früheren Aussagen kein bisschen verwundert, dass Sie als „Heimatminister“ damit antreten, andere erstmal auszuschließen. Zu den Anschlägen auf Moscheen hierzulande habe ich übrigens nicht ein Wort der Solidarität von Ihnen gehört. Statt dass ein Aufschrei durchs Land geht, wenn Gotteshäuser brennen, statt über solche feigen Angriffe zu sprechen, wird zum gefühlt 491. Mal über die Zugehörigkeit des Islam diskutiert.

Eine Pseudodebatte, die von einem viel wichtigeren Diskurs ablenkt, nämlich dem, wie wir in Zeiten von gesellschaftlichen Spannungen leben wollen? Was macht uns stark? Worum müssen wir arbeiten? Wo wollen wir hin? Wir alle miteinander und natürlich auch wir Muslime. Die meisten von uns müssen nicht mal integriert werden, weil wir hier geboren und sozialisiert wurden. Sie brauchen sich auch keine Sorgen darüber zu machen, dass Sie „landestypische Traditionen und Gebräuche“ oder gar christliche Feiertage aufgeben müssen. Es gibt Muslime, die bei ihrer islamischen Hochzeit Schuhplattler auftreten lassen. Und sehr viele Muslime, darunter auch ich, schlendern gerne über Adventsmärkte und genießen die freien Tage an Ostern und Weihnachten.

Die Realität ist, dass alle Menschen, die hier leben, zu diesem Land gehören und damit auch ihre Religionen. Als „Heimatminister“ sind Sie für alle Menschen in diesem Land verantwortlich, die Deutschland als ihre Heimat ansehen und nicht nur für die, die Sie mit Ihrem persönlichen Heimatbegriff verbinden.

Servus
Timur Tinç

aus: Frankfurter Rundschau, 17.03.2018, Seite 2 

siehe auch >> Gehört Seehofer zu Deutschland?

 

3 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Grüß Gott, Herr Seehofer!«

  1. Lieber Ben,

    ich bin nicht überrascht, sondern nur in meinen Befürchtungen bestätigt, dass Seehofer, was er nicht im Koalitions-Vertrag gegen die SPD (und Merkel) durchsetzen konnte, nun als Innen-Heini, der nun auch für Heimat – was immer das inhaltlich meinen mag – zuständig ist, umso mehr versuchen wird durchzudrücken. Wir müssen also sehr sehr wachsam sein und die Kräfte in CDU und SPD unterstützen, die eine offene, freie und phantasievolle Gesellschaft wollen.

    Beste Grüsse
    Hilmar

  2. Lieber Hilmar,

    gerade angesichts solcher Machenschaften sollten immer mehr von uns umso unbeirrbarer wachsam bleiben und stets die Stimme erheben und handeln. Diejenigen im Bundestag und an anderer Stelle aktiv zu unterstützen, die weiterhin auf der Grundlage des Grundgesetzes politisch handeln, wird dringender denn je!

    Lieben Gruß
    Ben.

  3. […] für den Zusammenhalt der Gesellschaft sorgen, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch CSU-Chef Horst Seehofer hat das am Freitag noch mal betont in seiner ersten Bundestagsrede als Bundesinnenminister. […]

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