Horst Dieter Schlosser: „Auf das Maul gesehen“

Horst Dieter Schlosser*:
Auf das Maul gesehen
Martin Luther oder Die Erfindung der deutschen Hochsprache

Überlieferungen bedürfen der Überprüfung Trotz aller Bemühungen um ein historisch fundiertes Bild von Luther und seinem Werk und Wirken hält sich eine Reihe von Mythen und Legenden um den Reformator, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch das diesjährige Jubiläum überdauern werden. Dazu zählt auch der nicht zu verifizierende sogenannte Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517. Aber auch andere „Überliegerungen“ bedürfen der Korrektur.

Exemplarisch seien zwei ins allgemeine Bewusstsein eingebrannte Legenden aufgerufen. Da wäre zum einen der Luther zugeschriebene sympathisch anmutende Ausspruch „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der erste schriftliche Nachweis stammt tatsächlich erst aus dem Jahr 1944. Die evangelische Kirche hat vor einiger Zeit das Ergebnis intensiver Nachforschungen bekannt gegeben, ob sich das berühmt gewordene „Zitat“ nicht doch auf Luther selbst zurückführen ließe: Man hat keinerlei Beweis finden können.

Zum anderen das geradezu sprichwörtlich gewordene „Zitat“, mit dem Luther seine Rede vor dem Wormser Reichstag 1521 beendet haben soll: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Nachweislich hat Luther diesen Satz in Worms selbst nicht gesagt. Er ist erst in einem Druck seiner Rede nachträglich eingefügt worden. Diese Erfindung trifft natürlich sehr wohl die tatsächliche Haltung des Reformators, der an seinen Positionen unbeirrt festhalten wollte.

Deutsche Bibelübersetzungen seit dem Frühmittelalter Zu den immer noch populären Legenden zählt die Behauptung, Luther sei der Erste gewesen, der die Bibel ins Deutsche übertragen und damit eine neue Epoche der deutschen Sprachgeschichte begründet habe. Teil- und Vollübersetzungen der Bibel aber sind schon seit Beginn deutschsprachiger Überlieferungen bekannt. Bis 1500 hat es insgesamt mehrere hundert Übersetzungen gegeben. Und auch durch frühe Drucke ist die Bibel in deutscher Sprache schon vor Luther verbreitet gewesen. Nach 1455, als in Straßburg der Verleger Johannes Mentel die erste Vollbibel, die sog. Mentelin-Bibel, gedruckt hatte, erscheinen – vor Luther – noch weitere dreizehn hochdeutsche, vier niederdeutsche und vier niederländische Bibeldrucke. Damit ist freilich die Frage noch nicht beantwortet, ob Luther in dieser Traditionsgeschichte nicht doch eine Vorreiterrolle zukomme.

Luther war tatsächlich der Erste, der seine Übersetzung textkritisch und theologisch auf eine neue Grundlage gestellt hat. Textkritisch neu war, dass Luther 1521/22 auf der Wartburg mit Unterstützung von Mitarbeitern, namentlich von Philipp Melanchthon, für seine Übersetzung anstelle der bis dahin als kanonisch geltenden lateinischen Vulgata den griechischen Urtext als Fundament nutzte; Erasmus von Rotterdam hatte ihn 1519 zugänglich gemacht.

Damit war auch eine fundamentale sprachliche Neuorientierung verbunden. Die vorlutherischen Übersetzungen waren in erster Linie Hilfsmittel, um die lateinische Fassung in der Vulgata zu verstehen. Deren Sprache galt neben Griechisch und Hebräisch als eine der drei „heiligen Sprachen“. Nur in diesen Sprachen – so war die Überzeugung – habe sich die Offenbarung Gottes auf authentisch Weise manifestiert.

Die Ehrfurcht vor dem angeblich authentischen Wort Gottes in Latein war auch einer der Gründen, warum in den Bibelübersetzungen vor Luther das Deutsche ohne Rücksicht auf dessen grammatische und stilistische Besonderheiten eingesetzt wurde. Diese Übersetzungen waren dadurch vom realen deutschen Sprachgebrauch ziemlich weit entfernt.

Luthers Innovation, die Bibel so zu übersetzen, dass das Ergebnis einer weithin akzeptablen Form entsprach, war nicht nur ein Akt sprachlicher Modernisierung, sondern brach auch grundsätzlich mit dem theologischen Theorem, dass eine Volksprache gegenüber dem authentischen Wort der Heiligen Schrift in einer der „heiligen Sprachen“ etwas Minderwertiges sei.

Die Gleichrangigkeit aller Sprachen hatte durchaus eine theologische Begründung, die letztlich schon auf Augustinus zurückging, in der Westkirche allerdings keine nachhaltige Geltung erlangte. Darin wurde das Pfingstwunder, wonach die verschiedensprachigen Zuhörer und Zuhörerinnen die Rede des Petrus auch ohne „Übersetzung“ verstanden haben, so gedeutet, dass sich Gott anlässlich dieser Rede unmittelbar in allen Sprachen der Zuhörenden gleichzeitig geoffenbart habe. Jede Sprache konnte damit als gleichrangiger Träger der göttlichen Offenbarung gelten, so auch Luthers Bibelübersetzung.

Die Erfindung einer deutschen Hochsprache Gegen die Behauptung, Luther habe damit eine neue deutsche Sprachepoche, das Neuhochdeutsche, begründet, sind zwei wichtige historische Fakten ins Feld zu führen, durch die diese Legende ihre zumindest sprachwissenschaftliche Grundlage verliert.

Zum einen: Schon vor Luther hatte es wesentliche Prozesse des Ausgleichs zwischen verschiedenen Sprachnormen gegeben, die Luther nutzen konnte. Da wäre vor allem der Sprachgebrauch der kaiserlichen wie der fürstliche-meißnischen Kanzlei zu nennen, die auf eine überregionale Kommunikation angewiesen waren, des weiteren die Ausgleichssprache, die in ökonomischen und politischen Zentren des Reiches wie Nürnberg gepflegt werden konnte, ebenso die Sprache mancher Buchdrucker und Verleger, die an einer weiten Verbreitung ihrer Produkte interessiert waren.

Die Bemühungen aller dieser „Instanzen“ trugen schon früh zur allmählichen Formierung einer Art Einheitssprache bei, die man schon im 15. Jahrhundert als „Frühneuhochdeutsch“ bezeichnen muss. Luthers sprachliche Sozialisation im östlichen Teil des Mitteldeutschen bot auch von sich aus eine gute Voraussetzung, an der Aufhebung regionaler Differenzen mitzuwirken. Denn das Ostmitteldeutsche war dadurch gekennzeichnet, dass es zwischen den niederdeutschen und den oberdeutschen Spracheigenheiten vermittelte und damit geradezu als Modell für den sprachlichen Ausgleich zwischen Nord und Süd dienen konnte.

Diese Entwicklung vollzog sich nicht überall gleichförmig und gleichzeitig. Aber man hat festgestellt, dass etwa in Rechtstexten der Stadt Eger/Böhmen alle wesentlichen Kennzeichen des „neuen“ Deutsch bereits um 1500, also vor Luthers literarischem Wirken, zu finden sind. Dagegen hat Luther noch längere Zeit zwischen regionalen Normen in Wortwahl und Formenbildung geschwankt, wie es sich nicht zuletzt an den verschiedenen Phasen seiner Bibelübersetzung nachweisen lässt. Erst relativ spät hat er seinen Drucker Hans Lufft in Wittenberg dazu gedrängt, in seinen Texten zumindest auf mehr formale Einheitlichkeit zu achten.

Diese Überlegungen ändern natürlich nichts daran, dass Luther als Erster den Bibeltext auf Deutsch in einer Form gestaltet hat, die dem realen Sprachgebrauch entsprach, wie ihn „die mutter im hause, die kinder auf der gassen, der gemeine man auff dem marckt“ benutzte, denen man – wie er in einer Rechtfertigung seiner Übersetzungspraxis selbst sagte – „auf das maul sehen“ müsse. Das indes war eine stilistische, keine sprachhistorische Innovation.

Zum anderen: Diese Innovation war es auch, die seine Zeitgenossen rühmten, nicht aber die Begründung einer neuen Sprachepoche. Zu seiner Zeit war man nämlich von einer anderen Legende geprägt, wonach es von alters her bereits eine kultivierte deutsche Hochsprache gegeben habe, die nur durch mangelnde Sorgfalt der Benutzer und andere negative Einflüsse in eine Vielzahl von Regionalsprachen und Dialekten zerfallen sei. Wenn eine solche Hochsprache bereits vorhanden gewesen wäre, hätte Luther auch gar keinen Anlass gehabt, etwas Neues zu erfinden.

Aber diese Legende stellte – mit Folgen bis in die Gegenwart – die tatsächliche Entwicklung auf den Kopf. Am Beginn unserer Sprachgeschichte, aber auch noch bis ins 20. Jahrhundert wirkend, waren nämlich die Dialekte vor jeder einheitlichen Hochsprache die eigentlichen „Muttersprachen“ der Deutschen, und eine normierte Hochsprache konnte sich erst aus der Zurückdrängung der Dialekte entwickeln. Die deutsche Hochsprache, linguistisch der „heuhochdeutsche Standard“, ist mithin ein Spätprodukt unserer Kulturgeschichte. Dessen Zurückverlegung in die Frühgeschichte hat indes dazu geführt, dass die Dialekte bis heute immer wieder als fehlerhaftes Deutsch diskriminiert werden.

Die Legende von der vorgängigen Existenz einer deutschen Hochsprache und deren scheinbare Wiederbelebung in der diplomatischen Kommunikation sowie in literarischen Publikationen machten es geradezu überflüssig, dass Luther oder irgendwer sonst einen sprachlichen Neuanfang hätte unternehmen müssen. Luther hatte überdies gleichsam das Glück, dass er durch seine ostmitteldeutsche Herkunft der oft verwirrenden Vielfalt der bodenständigen Dialekte in Nord und Süd nicht hilflos ausgeliefert und dadurch geradezu prädestiniert war, sich der Entwicklung des Neuhochdeutschen, wie sie sich vor und neben ihm im öffentlichen Raum vollzog, anzuschließen. Dass er diese Entwicklung zugunsten überregionaler Verständlichkeit erfolgreich nutzte, steht dagegen außer jedem Zweifel.

*Horst Dieter Schlosser. Jg. 1937, war von 1972 bis 2002 Professor für Deutsche Philologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Er beschäftigt sich als Forscher und Autor zahlreicher Bücher insbesondere mit dem Wandel der gesprochenen und geschriebenen Sprache. [Quelle: Frankfurter Rundschau, 27.10.2016, 32-33; pdf > Horst Dieter Schlosser_Auf das Maul gesehen [?] ]

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