Lutz van Dijk: Covid-19 in einem südafrikanischen Township bei Kapstadt

Lutz van Dijk

Kapstadt, Mitte März 2020
>> update: Anfang April 2020

„Wie können wir uns vorbereiten ?“ –
Covid-19 in einem südafrikanischen Township bei Kapstadt

Seit kurzem gilt Europa als das Epizentrum der Corona-Virus Krise – ein Kontinent, der im Vergleich zu Afrika als hochentwickelt angesehen wird. Was immer das im Detail bedeuten mag, ganz konkret gilt zumindest, dass angesichts der Bedrohung durch Covid-19 die meisten Menschen Zugang zu fließendem Wasser haben und sich bei Verdacht einer Virusinfektion in sogenannte Selbstisolation in die eigenen vier Wände zurückziehen können.

Was aber, wenn zehntausende von Menschen in armseligen Blechhütten auf engstem Raum beieinander wohnen und sich oft sechs und mehr Familien einen Wasserhahn und ein Klo teilen müssen ? Dies ist konkreter Alltag in vielen Townships rundum Kapstadt, wobei manche Bewohner*innen daran erinnern, dass dies noch besser ist als in einigen ländlichen Gebieten Südafrikas, wo es überhaupt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser gibt, sondern noch immer Wasser in Militär-Lastwagen nur an bestimmten Tagen geliefert wird.

Es hilft wenig, erneut darauf hinzuweisen, dass Südafrika kein armes Land ist, sondern der extreme Reichtum Weniger und die extreme Armut Vieler auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach Ende der Apartheid sogar noch zugenommen haben. Es hilft nicht, weil Covid-19 inzwischen in Südafrika angekommen ist, wenn auch noch mit erst rund 60 nachgewiesenen Fällen (Spitzenreiter bei bislang 19 afrikanischen Ländern ist Ägypten mit über 90 Fällen). Aber wir wissen inzwischen weltweit, wie explosionsartig sich das ändern kann.

Vor zwanzig Jahren zog ich mit meinem Mann von Amsterdam nach Kapstadt, um mitzuhelfen beim Aufbau eines Kinderhauses in einem der Townships südlich von Kapstadt, weil sich dort einige Aktivist*innen zusammengetan hatten, um für Kinder und Jugendlichen ein Zuhause zu schaffen, deren Eltern an Aids gestorben waren. Aufgrund der ignoranten Gesundheitspolitik des damaligen Präsidenten Thabo Mbeki gab es für die Mehrheit der Bevölkerung keine Medikamente, um Menschen mit dem HI-Virus ein Überleben zu ermöglichen. Täglich starben 500 Kinder an HIV/Aids im Land, und unsere erste Aufgabe war es, für die uns anvertrauten Kinder entsprechende Medikamente zu organisieren. Unsere Bemühungen im HOKISA Kinderhaus wurden anfangs sowohl von öffentlichen Stellen als auch von Nachbarn im Township Masiphumelele mit Mißtrauen beobachtet. Erst als Kinder, die schwer krank zu uns gebracht worden waren, nach einiger Zeit dank sorgfältiger Medikamentierung wieder auf der Straße beim Spielen gesehen wurden, wuchs das Vertrauen.

Als eines der ersten Kinderhäuser in Südafrika erhielten wir später Auszeichnungen für unsere „wertvolle Pionierarbeit“ und, obwohl weiter mitten im Township, ist es heute ein stabiler Ort der sozialmedizinischen Beratung und Betreuung weit über die pädagogische Arbeit im Kinderhaus hinaus, in dem sowohl ein Arzt seine Praxis hat als auch eine Sozialarbeiterin zur Verfügung steht. Besonders schön ist ein Netzwerk von Schulen, vor allem aus Deutschland und den Niederlanden, die unsere Arbeit seit Jahren mit Projekten wie Sponsorläufen oder Weihnachtsbasaren begleiten.

Letzte Woche nun erhielten wir vom für uns zuständigen Sozialministerium den Auftrag, einen „Dienstplan“ zu erstellen, was wir zu tun beabsichtigen, um die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen vor dem Corona-Virus zu schützen.

Gute Frage. Dem Mail des Ministeriums ist ein Plakat in mehreren afrikanischen Sprachen beigefügt, auf dem allgemeine Hygiene-Hinweise stehen, die wir bereits seit Wochen befolgen: Regelmäßig Hände waschen, Toiletten, Küchen und alle Türgriffe regelmäßig desinfizieren, kein Händeschütteln mehr sowie in den Ellbogen husten. Das alles machen unsere Kinder mit viel Ernst, denn wir haben im Kinderhaus – anders als die meisten Mitbewohner*innen im Township – fließendes Wasser, sogar warm und kalt und ausreichend Toiletten, getrennt für Mädchen und Jungen.

Darüberhinaus hatten wir bereits unter uns beschlossen, Besucher*innen aus Europa, die sich bei uns für die kommenden Wochen angemeldet hatten, abzusagen. Nun kam auch der Kinderhaus-Vorstand zusammen, um zu beraten, was wir dem Sozialministerium antworten können. Unser Arzt, ein erfahrener Mann von Anfang sechzig, erklärt ruhig: „Covid-19 wird in Kürze auch bei uns im Township sein – und es wird fürchterlich werden, weit schlimmer als alles, was selbst aus Ländern wie Italien bisher bekannt ist. Die meisten unserer Nachbarn werden sich nicht mal minimal schützen können, und bei den ersten ernsten Erkrankungen wird es auch nicht ausreichend stärkende Medikamente geben, von Krankenhausbetten ganz zu schweigen. Auch einige unserer Kinder und Jugendlichen werden sich infizieren und einige der Erzieher*innen.“ Und sonst im Township ? „Viele Menschen werden sterben, nicht nur Ältere, sondern auch viele, deren Immunsystem aus anderen Gründen eingeschränkt ist.“

Nachdem in einer Schule in einem wohlhabenen Stadtteil Kapstadts letzte Woche ein 14jähriger Junge positiv auf Covid-19 getestet wurde, haben seitdem seine und sieben weitere Schulen ihren Betrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt. Wir jedoch können niemals schließen, unsere Kinder und Jugendlichen haben nur uns als Zuhause. Wir bedenken derzeit einen Plan, nach dem wir uns, wenn es erste Infektionen auch bei uns geben sollte, aufteilen können in kleinere Gruppen von Kindern und Erwachsenen sowohl innerhalb des Kinderhauses als auch bei einigen möglicherweise privat. Selbstisolation im Township-Stil.

Dann die Frage an den einzigen Hausarzt nicht nur für uns, sondern auch für die anderen 40.000 Bewohner*innen von Masiphumelele: „Und wenn du dich infizierst ?“ Ohne Zögern antwortet er: „Dann bleibe ich 14 Tage daheim und hoffe, dass ich es überstehe. Danach komme ich wieder zum Dienst, ganz klar.“

Es steht außer Frage, dass dies für uns alle gilt. Die Stimmung bleibt während des gesamten Treffens ruhig und bedacht. Im Fernsehen sehen wir einen Abend später, wie der Präsident die Situation zur „nationalen Katastrophe“ erklärt und Einreiseverbote für alle „Risiko-Länder“ verkündet. Dazu zählt inzwischen auch Deutschland. Die sich selbst links nennende Oppositionspartei EFF verlangt, dass alle Menschen, die in nächster Zeit positiv getestet werden, in Quarantäne auf Robben Island untergebracht werden sollen, jener Gefangenen-Insel, auf der Nelson Mandela mehr als zwei Jahrzehnte inhaftiert war.

Dr. Lutz van Dijk, deutsch-niederländischer Historiker und Autor, u.a. von „Afrika – Geschichte eines bunten Kontinents“. Er ist in der Regel zwei Mal im Jahr zu Lesereisen in Deutschland, die ab Ende Mai geplante nächste Tour ist derzeit eher unsicher. Gerade erschienen ist sein Roman „Kampala – Hamburg“.

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Kommentare zu »Lutz van Dijk: Covid-19 in einem südafrikanischen Township bei Kapstadt«

  1. Dear Ben,

    it is with great concern that I am writing you. In Germany the COVID-19 (Corona) Virus has spread so far that church services over the country have been canceled from now until after Easter.

    South Afrika has been spared up to now, but the situation in SA is as concerning as I read it in the news (see below). Church gatherings have been identified transmitting the pandenmic.

    Here is a very good statement from Thomas Hirsch-Hüffell how to deal with the situation.

    Love mARTin rutkies

    Church can network and comfort
    WHAT MUNICIPALITIES CAN DO AND LEAVE NOW

    Church people are at a loss at the corona moment like all that has to be done. But they can be ‘social’, they know something about life and failure, and they have a background of a different kind. Such a Lent is new to the functioning church.

    I mean: The spread of the virus has to be influenced NOW immediately. Even with exaggerated means. And the churches can help wherever they can.
    Therefore I would cancel everything that is not vital, including church services. Some burials may have to be.

    Discussing the Lord’s Supper is of no use. Simply suspend. Some make it a question of confession. That is not now. (Incidentally, the danger arises from the bread plate, which everyone reaches into. Not from the silver goblet with wine.)

    Also no congregations such as pastors’ conventions (pastors are multipliers for everything, including viruses), old people, etc. Prefer video conferences. Or meet with selected colleagues and build a master plan with them. It is about dampening the spread immediately. So that the multiplication does not explode or does not explode so quickly.
    Leaving it up to the people themselves whether they come or not ‘sounds distinctive and democratic, also protects the decision-makers from the resentment of the crowd, but does nothing in this case. Cancellation and holding your head for it helps. Even the undecided.

    To make it easier to translate your own impotence into action, you can consider alternative forms:

    Telephone chain. People can share good texts and prayers on the phone in the church, in a chain. In the past, this was how news was spread. This affects older people who are not so good with the Internet. To do this, the community gives phone numbers to some people to start with. They can call each time to ask whether it is right. On the way you ask “Who should we, who would you like to call and pray, talk, read to?”. (Some will swagger again about data protection, which is now suspended.)

    Suggest prayers, songs and texts. A congregation can give prayers and short texts for this, they provide an idea that everyone can expand themselves.

    Sing in backyards. Cantors or choir people sing folk songs in backyards. People appear on the balconies and sing along.

    Time for a Lord’s Prayer. You can suggest a time when people, wherever they are, leave everything else for a moment and a Lord’s Prayer is praying. e.g. at noon at 12 or in the evening at 6pm.

    Live switching. At fb and on other platforms there is the function of a live connection. Many kids who now have more time can use it. Something like that can be used for small actions – e.g. in the church. They are then broadcast. A small part of the choir sings and prays for the country.
    Technically gifted people may even manage to bring prayer requests into this small gathering, by phone or on the Internet. They are then recorded audibly. The carbon round prays for the virtual round. Intercession is the same way. Now visible.

    Newsletter. If this action is recorded and linked, you can use it to feed a newsletter. Or with other spiritually friendly things and information.

    Telephone conference. Full-time and part-time employees with a management mandate can coordinate in telephone or video conferences. You don’t have to meet skin to skin or touch tram handles. This medium is also suitable for small devotions. Each cell phone can connect up to 7 people.

    Bells. The bells shouldn’t ring in an inflationary way; But reliably at the usual times. Even if there is no worship. Perhaps a trio is sitting on Sunday at 10 and praying and singing.

    News from M&G

    “In a week, the number of South Africans who have contracted the Covid-19 coronavirus has gone from one to 17 — the number the minister of health announced on Thursday. That seems like a small jump. Statistically, however, it is a big increase.

    To understand what this trajectory could mean, the Mail & Guardian Data Desk has run a basic growth rate calculation using two rates — that of the current spread in the country and that of the average rate of infection in the rest of the world (excluding China). The current average infection growth rate is 13% globally — the number of people being infected is growing by 13% each day. So if one person is infected today, 1.13 people in total are infected tomorrow. By day 6, two people could be infected. If 100 people are infected today, 127 in total could be infected tomorrow.

    This growth continues until the virus runs out of people to infect because of actions such as quarantining. At that point it reaches what is called an inflection curve and the rate of its spread slows and reverses, which is what seems to be happening in the original epicentre of the outbreak, Wuhan in China.

    If you use the 13% rate for South Africa, from the 17 people who have already tested positive for Covid-19, the probability is that 665 people could be infected in the next 30 days. On average, 12% of those people will end up critically ill and needing to go to hospital, with between 2 and 8% dying.

    If you use South Africa’s current growth rate of coronavirus, which is on average 57%, and if this rate continues, 100000 people will be in need of hospital care in less than a month.

    A growth in the virus of that scale has not been seen, with global infections now passing 120000. There is agreement, however, that there will be an uptick in the number of infections in South Africa.

    Dr Leaza Jernberg, an independent researcher and consultant, said that the trend in the rest of the world is of exponential increase, where the infection rate is doubling in some countries. She had not seen the M&G numbers and was commenting in general.”

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