Adriana Altaras: „Ein fester Bestandteil – damals und heute“ 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Adriana Altaras*:

„Ein fester Bestandteil – damals und heute“

1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

[Radiosendung: NDR Kultur, 21.02.2021]

||

1700 Jahre Judentum in Deutschland – da frage ich mich natürlich: Seit wann gibt es überhaupt Deutschland? Ich googele: „Die Geschichte Deutschlands beginnt nach herkömmlicher Auffassung mit der Entstehung des römisch-deutschen Königtums im 10./11. Jahrhundert. So lese ich es bei Wikipedia.

Es gibt das Deutschland der Aufklärung und von Lessings Ringparabel. Und das der Romantik Fichtes mit viel Gefühl, Leidenschaft und Seele, vor allem der gequälten Seele. Die Staats-bildung selbst begann erst nach dem 30-jährigen Krieg, im 16./17. Jahrhundert, also noch viel später.

Die Juden wiederum siedelten sich unter den Römern in Köln an, also viel, viel früher. Sie kamen vor 2000 Jahren als römische Sklaven aber auch als freie Bürger in die Rheinmetropole. Sie waren Lehrer oder trieben Handel. Jetzt fand man die dazugehörige Mikwe, also ein jüdisches Tauchbad aus jener Zeit.

Das mit den 1700 Jahren stimmt also vorne und hinten nicht, aber ich bin ja auch keine Historikerin und will nicht kleinlich sein: In einem Edikt des römischen Kaisers Konstantin wurde im Jahre 321 die Kölner jüdische Gemeinde zum ersten Mal erwähnt. 321-2021, das sind 1700 Jahre. Also feiern wir jetzt 1700-jähriges Jubiläum. Punkt.

Außerdem liebe ich Jubiläen. Da wird noch mal in Erinnerungen geschwelgt, wie schön alles früher war. Wie glücklich alle waren. Und das Wetter war auch viel besser.

Im 18. Jahrhundert zum Bespiel waren Juden unter den diversen Fürstentümern recht beliebt. Sie mussten nur ein bisschen mehr Steuern als die anderen zahlen, aber eigentlich ging es ihnen ganz prima.

Sie durften zwar lange nicht in allen Berufen arbeiten, aber als Geldverleiher schon. Der arme Herzog hätte nie in den Krieg ziehen können ohne dass ihm das Bankhaus Rothschild Geld geliehen hätte, mit überhöhtem Zinssatz natürlich. „Na der Jud kann halt mit dem Geld…“ hieß es dann. Aber das ist eine andere komplizierte Geschichte die mein Freund Lion Feuchtwanger sehr schön zu Papier gebracht hat.

Und weil sich die Juden auf Teufel komm raus assimilieren wollten, von den Christen als ebenbürtig anerkannt werden, Beamte, Richter und Ärzte werden wollten (warum auch nicht?!) ließen sie sich auch hin und wieder taufen. Das half alles nur bedingt. Sie blieben Juden. „Ah schau mal da, der Herr Kommerzialrat, tut ganz deutsch ist aber bloß ein getaufter Jude…“

Aber alles in allem ging es den Juden gut. Keine Pogrome wie in den Nachbarstaaten, wozu die Klagen? Ihre Emanzipation machte Fortschritte. Kaum eine Fakultät, die nicht mehrere Lehrstühle mit Juden besetzt hatte. Doktoren und Richter, alles Juden, eine Erfolgsgeschichte.

Schon allein dafür lohnen Jubiläen!

Oder es wird im Jubiläumsjahr fürchterlich gemahnt. So auch in den vergangenen Jahren, als sich die Befreiung der Lager Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen jährte. Nein, nie, nie wieder darf so etwas wieder möglich sein. Da war alles Monster am Werk!

Dann denke ich an Hannah Arendt (der zu Ehren, ganz ohne Jubiläum, eine wunderbare Ausstellung gewidmet wurde: „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“,). Hannah glaubte nicht an Monster, sondern an das Böse in jedem Menschen. Deshalb bin auch ich vorsichtig mit Prognosen. Nie, nie wieder sollen Juden verfolgt werden. Dafür braucht es kein Jubiläum, keine Agenda, keine Speisekarte auf der es vermerkt ist. Das ist mehr als selbstverständlich, oder habe ich etwas verpasst? Überhaupt steht doch in der deutschen Verfassung, dass kein Mensch wegen seiner Religion, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Ausrichtung diskriminiert werden soll. Es lesen einfach zu wenige die Verfassung.

Ich liebe Jubiläen, aber von 1700 Jahren kann ich nur bei 60 Jahren mitreden und davon war ich die ersten sieben in Italien. Also rede ich über meine 53 jüdischen Jahre in Deutschland. Oder über meine 53 Jahre als Jüdin in Berlin?

Berlin selbst wird überschüttet mit Jubiläen: Vor einem Jahr wurden 30 Jahre Mauerfall gefeiert. Dieses Jahr der Tag der Wiedervereinigung.100 Jahre Avus (Automobil Verkehrs und Übungsstraße zwischen Westend und Nikolassee) stehen uns bevor. 60 Jahre Bau der Berliner Mauer. Und bestimmt wird das 10-jährige Jubiläum des eigentlichen Eröffnungstermins des BER Flughafens begangen.

Ich frage mich, was steckt dahinter, dass man bei solchem Jubiläums-Überschuss auch noch 1700 Jahre Juden in Deutschland feiern will?

Im Grunde ist es doch ganz selbstverständlich, dass Juden in Deutschland gelebt haben. Sie haben überall gelebt, in ganz Europa, warum also nicht in Deutschland?

Natürlich gab es Antisemitismus. Der ist so alt wie die Juden selbst. Es gab den religiös bedingten Judenhass, von der Kirche munter aufgestachelt und es gab den bürgerlichen Antisemitismus. Wie in Italien oder in Frankreich.

Bis zum Holocaust ging es ihnen in Deutschland nicht schlechter und nicht besser als sonst wo.

Hätte es den Holocaust nicht gegeben….

Wenn ich an diesem Punkt angelangt bin, könnte ich die Feder niederlegen. Den Computer zuklappen, denn danach geht nichts mehr. Es hat die Shoah gegeben, und seitdem ist kein Stein mehr auf dem anderen. Und ganz provokativ gesagt: Hätte es den Holocaust nicht gegeben, würde man die 1700 Jahre und mehr jüdisches Leben in Deutschland gar nicht erwähnen müssen.

Die Frage, die sich mir heute stellt: Warum kamen die Juden nach allem wieder zurück nach Deutschland. In das Land, wo die Eltern und Großeltern der Menschen die sie nun trafen, mitgemischt hatten beim großen Morden. Wie ging es ihnen damals und wie geht es ihnen heute? Dabei kann ich nun allerdings mitreden mit meinen 53 Jahren Bundesrepublik.

Fangen wir mal so an: Für viele war Deutschland ihre Heimat, aus der sie vertrieben worden waren, in die sie zurück wollten. Für meine Mutter zum Beispiel, die in Zagreb geboren worden war, im Gebiet des ehemaligen K.u.K. Reiches und dorthin nicht zurück konnte, war Deutschland eine Option, denn sie sprach deutsch.

Als meine Eltern mit mir nach Gießen kamen, waren wir Außerirdische. Meine Eltern erzählten wenigen dass sie Juden waren, sicher ist sicher. In Gießen gab es noch ein paar andere, wenige Juden. Meist polnischer Abstammung die nachdem sie in einem displaced-person-Camp einige Jahre verbracht hatten in Deutschland hängen geblieben waren. In Frankfurt gab es eine ganze Gruppe an Juden, die gemeinsam aus dem DP Camp Föhrenwald nach Frankfurt gezogen waren. Sie sind bis heute befreundet und ich kenne keine so heterogene Gemeinde wie die Frankfurter.

Es gab traurige, unglückliche Überlebende, die sich mit kleinen Vertreterjobs über Wasser hielten, schön nachzulesen bei „Die Teilacher“ von Michel Bergmann, und es gab skrupellose Geschäftsmänner, die Bordelle und Spielhöllen unterhielten. Es war ihnen egal, wenn die deutsche Gesellschaft sie verachtete, sie hatten nicht mehr viel zu verlieren denn ihre Familien waren in Rauch aufgegangen. Ihre Liebe zu Deutschland und zu den Deutschen hielt sich in Grenzen.

Das ist alles lange her, aber die Ressentiments sind sicher noch spürbar. Die Kinder und Kindeskinder der Überlebenden, die in Deutschland leben, tragen die Trauer ihrer Eltern und Großeltern noch in sich, aber sie sind freiwillig in Deutschland. Und gerne. Nicht immer, aber im Prinzip schon. Die Anderen sind ausgewandert, unter anderem nach Israel, einige tun es noch. Man beäugt sich gegenseitig.

Welche Lebensentscheidung war die Richtige? Hier zu bleiben oder in das `heilige Land´ zu gehen? Das habe ich mich auch oft gefragt.

Jüdin unter Juden sein, hat etwas für sich. Ich wäre nicht weiter aufgefallen. Schade vielleicht…

Und hätte ich in Israel so oft Putzfrauen in Filmen gespielt wie in Deutschland oder wäre ich dort eine Frau unter vielen gewesen, die ganz selbstverständlich, Geliebte, Mütter, Huren und Professorinnen darstellen darf? Wohlmöglich ist das eher meinem Aussehen geschuldet als meiner Religionszugehörigkeit. In Israel gibt es einfach auch mehr Brünette.

Und dann ist da die Sprache. Die schöne deutsche Sprache. Ich kann kein hebräisch, es wäre mir schwer gefallen als Schauspielerin zu reüssieren. Ich hätte Deutschland vermisst, seine Wälder und Flure und jetzt klinge ich schon wie all die deutschen Juden die damals nicht weggegangen sind aus ihrem geliebten Deutschland. Die sich nicht vorstellen konnten, dass man sie deportieren würde…

Natürlich ist inzwischen alles besser. Das deutsche Fernsehen hat die Farben entdeckt. In jedem anständigen deutschen Tatort gibt es Migranten, Schwarze, Juden. Maria Schrader hat mit ihrem Film „Unorthodox“ den Emmy geholt. Man ist offen, kosmopolitisch und feiert sich. Zurecht.

Meine Söhne sind waschechte Berliner. Ihr Freundeskreis ist alles, nur nicht homogen. „Hey bro“ sagen sie zu ihren Freunden, die alles Berliner sind, deren Eltern aus Belarus, Armenien, der Türkei oder Baden-Württemberg stammen.

Und gleichzeitig häufen sich die antisemitischen Vorfälle – und das ist doch der eigentlich Grund, warum wir 1700 Jahre Juden in Deutschland feiern sollen. Vermute ich. Denn der Zentralrat der Juden ist alarmiert und ich muss zugeben: Ich bin es auch.

Ich, der meine Freunde bescheinigen, dass ich die Letzte bin, die geht. Die Letzte, die wahrnehmen möchte, was um sie herum passiert. Auch ich bin verstört.

Was ist los in diesem Land? In einem der reichsten, sichersten, demokratischsten Länder der Welt? Hab ihr keine anderen Sorgen als den Holocaust zu leugnen und Juden zu schikanieren?

Es ist schwer, geradezu unmöglich mit Politikern populistischer Parteien zu diskutieren. Ich unterliege ihren hanebüchenen Argumenten. Werde wütend oder verliere mich in Fassungs-losigkeit. Dagegen anzugehen will gekonnt sein. Ich bewundere die Bundestagsabgeordneten, die versuchen mit Mitgliedern der AfD auf Basis von vernünftigen Argumenten zu debattieren. Aber der Antisemitismus in der Linken, und in den bürgerlichen Kreisen macht mir weitaus mehr zu schaffen. Er ist viel weniger greifbar, subtil und sehr gemein. Vor allem steht er unter dem Zeichen: Das darf doch jetzt endlich mal gesagt werden.

Hm.

Schwierig.

Israel wird kritisiert. Fair enough. Es betreibt eine Politik die mich beschämt, ich bin von der Siedlungspolitik alles andere als überzeugt, und obwohl ich Jüdin bin, bin ich keine Israelin und nicht verantwortlich für die dort betriebenen Fehler. Diese Vermischung trägt sehr feine antisemitische Züge.

Allerdings habe ich, wie viele Juden, ein spezielles Verhältnis zu diesem Wüstenland, und ja, es beruhigt mich, dass es mir im Notfall eine Heimat werden könnte.

Aber meine Bundeskanzlerin heißt Angela Merkel.

Ich lebe hier, wähle hier und darf mich hier zu Wort melden.

Sehr viele Israelis kommen nach Deutschland, vor allem nach Berlin. Es ist eine offene Stadt, sie können hier für einen faireren Preis Ateliers mieten, sie werden beim Ausüben ihres Berufs nicht beschossen. Sie müssen ihre Tätigkeit nicht unterbrechen um in den Krieg zu ziehen und andere, unschuldige Zivilisten zu erschießen. Sie können ein bisschen Atem schöpfen, so absurd das klingt, sie erholen sich in good old Germany.

Ihre Großeltern kamen aus Deutschland. Sie knüpfen an einem feinen Faden an, sie suchen ihre Identität. Sie machen Clubs auf mit israelisch–arabischer Tanzmusik, die Jugend feiert sie, sie fühlen sich willkommen. Diese und andere Gründe machen es möglich, dass über 20.000 Israelis in Deutschland leben. Das ist eine unerwartete und großartige Wendung im angespannten deutsch–israelischen Verhältnis.

Die jüdischen Gemeinden in Deutschland sind sehr heterogen. Das ist eine gute Entwicklung. Es gibt orthodoxe, konservative und liberale Juden. Egalitären Minjan und schwul-lesbischen Gottesdienst. Es gibt jüdische Grund- und Oberschulen, Rabbinerinnen-Ausbildungsstätten und eine Hochschule für jüdische Studien.

Auf der anderen Seite wird ein Kippa-tragender Restaurantbesitzer verprügelt. Er gehört nicht hierher? Warum eigentlich nicht?

Eine Synagoge wird attackiert, die Betenden kommen knapp mit dem Leben davon, weil eine Tür so gut gehalten hat.

Ich werde jetzt nicht alle antisemitischen Vorfälle aufzählen, es sind viele, zu viele.

In den Printmedien kommt es zu heftigen Meinungs-verschiedenheiten. Ein Artikel über den Pianisten Igor Levit hat einen mehr als antisemitischen Unterton. Die S.Z. verteidigt sich empört. Maxim Biller fragt sich: Ist die Kabarettistin Lisa Eckhart Antisemitin oder nur geschmacklos?

Die Gemüter sind erhitzt, das Thema aufgeladen. Aber immerhin findet eine Auseinander-setzung statt.

Es wird keine „Normalität“ geben nach der Shoah, kein Zurück zu dem wie es war, aber es gibt ein lebendiges und modernes jüdisches Leben in der BRD. Nicht vergleichbar mit dem der 60er-Jahre, als wir nach Deutschland kamen. Und trotzdem sind viele besorgt, selbst die Zerstrittensten rücken zusammen.

In den letzten Jahren hatte ein gemeindeinterner Diskurs begonnen, der mich froh-locken ließ. Endlich Bewegung in dem 5780 Jahre alten Apparat des Judentums.

Können wir unsere Religion modernisieren? Dürfen wir das? Wie gehen wir mit unseren Senioren um? Mit Altersarmut? Wir steht es um die Bildung unserer Kinder. Welche Filme, Bücher, Künstler sind zurzeit interessant? Wie stehen wir zu Israel, wie steht das Rabbinat zur Genforschung? Man spürte einen frischen Wind. Die Diskussionen waren erfrischend und bereichernd.

Beim letzten Gemeindetag allerdings ging es vorwiegend um Antisemitismus, Angst und Gewalt. Man bat die Bundesregierung um Beistand, fühlte sich allein gelassen. Das Mahnen und Fürchten hielt wieder Einzug. Auswandern wurde wieder als Option diskutiert.

Hast du Angst?, hat man mich in der letzten Zeit oft in Berlin gefragt. Hast du jetzt mehr Angst als früher? Versteckst du dich? Bleibst du mehr zuhause? Willst du auswandern? Ich habe trotzig geantwortet: „Nein! Ich habe keine Angst. Und du? Ich habe erst Angst, wenn du keine hast!“

Im Gegenteil, ich bin müde über Antisemitismus nachzudenken und zu reden. Gerade Juden sollten sich darum nicht kümmern müssen.

Doch ganz ehrlich, ganz im Vertrauen, ganz unter uns: Natürlich habe auch ich Angst. Aber jeder vernünftige Mensch hat jetzt Angst, ob Jude, Nichtjude oder Atheist.

Dass Rassismus im Netz zum Spiel gehört, ist mehr als widerlich. Und eben nicht nur im Netz.

Auch das ließe sich besser kontrollieren und nachverfolgen. Ich würde es mir wünschen.

Dass die Bundesregierung ihren Verfassungsschutz, ihre Polizei, ihr Militär ernsthaft und genau unter die Lupe nimmt, das würde uns vielleicht beruhigen.

Der fahrlässige Umgang mit Beweisen im NSU-Prozess, die Ermordung Walter Lübckes, der Anschlag in Hanau, all das lässt aufhorchen.

Auch auf dem letzten Gemeindetag sprachen Frank-Walter Steinmeier, Robert Harbeck und viele andere. Sie alle machen sich große Sorgen um die Demokratie in Deutschland. Das kann ich verstehen. Demokratie lässt sich eben nicht kaufen. Sie entsteht nicht von alleine, wir wurden aufgerufen daran mitzuarbeiten.

Es ist schön, Mitgefühl zu bekommen. Aber es hilft uns nicht zu hören: Das macht mir Sorgen, das macht mich betroffen. Welche Taten folgen? Was tut die Politik wirklich?

Meine Meinung oder Haltung ist nicht repräsentativ für viele Juden in Deutschland. Aber ein bisschen schon: Ja, wir machen uns Sorgen, weil Antisemitismus salonfähig geworden ist. Er war immer da. Aber jetzt, scheint es, ist es erlaubt, nahezu schick. Man spricht darüber auf Partys, als wäre es ein Snack.

Aber Auswandern? Wohin? Mein Freund Albert hat mir erklärt, Portugal wäre gut, aber da nur die Azoren. Was mache ich auf den Azoren?

Nein, ich will nicht weg. Ich will mich nicht fürchten müssen. Und ich will mich nicht kleinmachen. Oder geschmacklosen gefährlichen, manipulierenden Rechten das Feld überlassen? Das wäre ja gelacht.

Ich lebe seit über 30 Jahren in Berlin, habe umgerechnet zwei Jahre auf der Potsdamer Straße im Stau gestanden, gefühlte 20 Jahre auf die Eröffnung des neuen BER-Flughafens gewartet, und das soll ich jetzt alles sang- und klanglos hinter mir lassen?

Oben auf meiner to-do-Liste steht: Keine Angst haben. Und meine to-do-Listen sind mir heilig. Es ist keine einfache Zeit. Das wissen wir alle. Wir alle haben mit Unsicherheit, Krankheit, Tod zu kämpfen, und das ist auf der ganzen Welt so. Es ist bitter: Man sieht in einem Glas Wasser den Tropfen Tinte. Aber in einem Tintenfass nicht den Tropfen Wasser.

Aber genau jetzt zeigt sich wie viel Potenzial wir gemeinsam haben. Ich muss erröten, weil ich mich so staatstragend anhöre. Aber es ist doch so, wir können es doch gemeinsam!

Ich will in Deutschland leben, wo es viel mehr Andersdenkende gibt, die zu uns Juden stehen. Die das demokratische Deutschland verteidigen. Eine Demokratie, die mir erlaubt, mich gegen Rassismus aufzulehnen. Und diese Andersdenkenden werden dafür sorgen, dass meine Kinder und Kindeskinder eines Tages 3000 Jahre Juden in Deutschland feiern. Mit einem riesigen Feuerwerk!

*Adriana Altaras, eine deutsche jüdische Schauspielerin und Schriftstellerin.

Quelle: NDR-Kultur, Glaubenssachen: 21. Februar 2021

Kein Kommentar zu diesem Artikel bisher »

Kommentieren

Hinweis: Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Wir speichern keine IP-Adressen bei Kommentaren.
Bitte beachten Sie die Datenschutzerklärung.

Erlaubtes XHTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>