Martin Schult: “Falsche Bilder im Kopf”

Bilder von Afrika: Arbeiter und Arbeiterinnen in einem Kolonialgebiet des Deutschen Reiches ziehen einen Wagen mit Baumwolle. Der Ort ist nicht genannt. Aufnahme um 1910. [Foto: epd]

Martin Schult*:
Falsche Bilder im Kopf

Clemens Tönnies seltsame Fortpflanzungstheorie und Colin Ross‘ Sorge vor einem „afrikanischen Afrika“: Warum und wann menschenverachtende Geisteshaltungen sichtbar werden. Martin Schult:

„Was nutzt uns afrikanisches Platin und Gold, wenn sich die Eingeborenen weigern, es für uns aus der Erde zu holen! Und was nützt unserem Menschenüberfluss der fruchtbarste Boden, wenn ihn die Schwarzen für sich beanspruchen!“

Diesen Ausschnitt aus dem Vorwort „Der Kontinent ohne Vergangenheit“, das Colin Ross 1927 seinem Buch, „Die erwachende Sphinx“, vorangestellt hat, kennt Clemens Tönnies, Fleischfabrikant und Fußballvereinsboss im zeitweiligen Ruhestand, sicherlich nicht. Doch seine Wortwahl bei einer Rede, in der er Steuererhöhungen zur Bekämpfung des Klimawandels kritisierte, erinnert an die Geisteshaltung des in seiner Zeit überaus beliebten Reisejournalisten.

Man solle, so Tönnies, statt dieser Steuererhöhungen lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren, denn „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

Losgelöst von der Frage, ob nicht allein schon seine polemische Haltung gegenüber berechtigen Überlegungen, etwas gegen die Erderwärmung zu unternehmen, ihn als Redner disqualifiziert, ist es dennoch sinnvoll, einmal nachzuschauen, woher diese Ansichten stammen. Daher der Griff ins Bücherregal, um (fast) wahllos ein Buch aus jener Zeit herauszuziehen, in denen diese – falschen – Bilder über Afrika und seine Bewohner und Bewohnerinnen entstanden sind.

Heutzutage wird kaum jemand das Buch „Die erwachende Sphinx. Durch Afrika vom Kap nach Kairo“ kennen, auch wenn Leben und Werk des 1885 in Wien geborenen Schriftstellers und Filmemachers Colin Ross Gegenstand eines größeren Projektes des Ludwig Boltzmann Instituts ist. Anhand von zahlreichen Erlebnissen vor allem in den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika beschreibt der Autor in seiner Reiseerzählung vornehmlich die wirtschaftlichen Interessen Europas zu jener Zeit und rechtfertigt den Kolonialismus als eine Notwendigkeit, um Europas Vorherrschaft nach dem Ersten Weltkrieg zu sichern.

„Trifft die landläufige Ansicht von dem `dunklen Erdteil´ zu, so ist für Europa die moralische Rechtfertigung seiner Herrschaft über die [angeblich] tieferstehen Afrikaner [und Afrikanerinnen] gegeben, die sich selbst nicht verwalten können und die ohne die weiße Vormundschaft in wildeste Barbarei zurückfallen würden.“

Diese Geisteshaltung über eine angebliche Ungleichheit zwischen Europäern/Europäerinnen und Afrikanern/Afrikanerinnen ist nicht allein bei Ross zu erkennen. Sie wurde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts von einer Vielzahl von Menschen geteilt und propagiert und ist in Teilen auch heute noch landläufige Meinung.

Damals lieferte sie die Rechtfertigung für die Kolonialisierung, sie beförderte die `Rassentheorien´ der Nationalsozialisten, aber sie beinhaltet – für zartere Gemüter – sogar eine Prise Fürsorge, schließlich würde es doch auch darum gehen, den Afrikaner [die Afrikanerin] aus seiner [ihrer] `geschichtslosen´ und wirtschaftlich prekären Situation herauszuhelfen – natürlich nur so weit, dass die ökonomische Vorherrschaft der Europäer/Europäerinnen und ihre `geistige Überlegenheit´ nicht gefährdet würden.

Wie stark Ross‘ Denken von menschenverachtenden Vorurteilen (die man damals freilich noch nicht so bezeichnete) geprägt war, zeigte seine Beschreibung eines afrikanischen Mädchens, dessen Vater ein Europäer war und dessen Mutter eine Afrikanerin, die aus einer Ethnie stammte, die man damals „Buschmänner“ bezeichnet hat: „Wenn man sie aus dieser Welt herausnähme, sie wüsche und kleidete und in jene andere versetzte, in die sei wenigstens zur Hälfte gehörte, müsste es nicht überaus reizvoll sein zu erleben, wie sich dieses jetzt dem verkommen geweihte Blut langsam erschließen und all das in sich entfalten würde, was jetzt dumpf und unerlöst in ihr stecht und auf ihr lastet wie ein schwerer Traum.“

Die Bücher von Colin Ross sind heutzutage zum Glück nur noch antiquarisch erhältlich. Nach einigen Jahren als Kriegsberichterstatter und Mitarbeiter in der Propagandaabteilung des Auswärtigen Amts ist der promovierte Historiker und Volkswirtschaftler nach dem Ersten Weltkrieg in zahlreichen Ländern der Welt unterwegs gewesen, meist „mit Kind und Kegel“, wie einige Untertitel seiner Bücher verraten und was seine Beliebtheit damals noch gefördert hat. Denn die Mitnahme seiner Familie und seine äußerst erfolgreichen Filme (z.B. „Mit dem Kurbelkasten um die Erde“ [1925] oder „Als Dreijähriger durch Afrika“ [1928] halfen dabei, dass sich seine Ansichten noch einfacher in der Gedankenwelt seiner Leserschaft und Kinobesucher/-besucherinnen festsetzen konnten.

Wie gefährlich dies einmal werden könnte, wurde selbst von Kritikern wie Kurt Tucholsky unterschätzt: „Eine echte Null wie Colin Ross reisen zu lassen, das ist nur auf Grund der verwandtschaftlichen Beziehungen möglich. Das Zeug ist nicht zu lesen – so langweilig ist es. Nun, da kann man nichts machen.“

Tucholsky hatte Recht: Das Zeug ist wirklich langweilig, und der Autor Colin Ross wäre sicherlich heute weitgehend in Vergessenheit geraten, wenn er nicht gemeinsam mit Baldur und Henriette von Sirach die ideologische und formale Struktur der Hitlerjugend geprägt hätte. Die Geisteshaltung, die Colin Ross in seinen Büchern, Filmen, Zeitungsartikeln und Vortragsreisen vertrat, fand somit also auch Eingang in die Köpfe von Millionen Jungen, die allesamt zwangsverpflichtet wurden, der Nachwuchsorganisation der Nationalsozialisten beizutreten.

Heutzutage werden diese Geisteshaltung und die aus ihr entstandenen Vorurteile nicht mehr so oft geäußert wie früher, und wenn doch, dann wird ihnen mit dem Begriff der political uncorrectness begegnet oder sie können, reifen sie zur Diskriminierung heran, strafrechtlich verfolgt werden. Sie sind aber nicht verschwunden, denn was sich einmal im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft festgesetzt hat, löst sich nicht einfach in Luft auf, selbst wenn man es mittlerweile besser weiß.

Und anscheinend finden sie dann recht einfach wieder ihren Weg an die Oberfläche, wenn es eigentlich um etwas anderes geht. Hierbei zeigt sich, dass Tönnies nicht der einzige ist, der diese – falschen – Bilder im Kopf hat, selbst wenn es den meisten vielleicht gar nicht bewusst ist: Die ökonomische Ungleichheit zwischen Europa und Afrika ist schließlich nachweisbar, und irgendeinen Grund muss es doch dafür geben. Auf einmal tauchen die – falschen – Bilder vom `unmündigen´ Afrikaner wieder auf.

Clemens Tönnies ist erkennbar zu weit gegangen. Doch wenn Günter Nooke [CDU] (Persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin) und Wolfgang Kubicki [FDP] (Bundestagsvizepräsident) Tönnies‘ Wortwahl zwar kritisieren, aber dennoch seine Erklärungskette aufgreifen und behaupten, dass das grundsätzliche Verhalten in Afrika – das hohe Bevölkerungswachstum (weil es keinen Strom gibt) sowie das Verschwinden des Regenwaldes (weil man Feuerholz braucht) – eines der gravierendsten Probleme für das Weltklima sei, dann bedienen sie sich genauso der Stereotypen, wie Tönnies es getan hat.

°Nachweislich ist der größte Teil der afrikanischen Wälder auf Betreiben der westeuropäischen Staaten während und nach der Kolonialzeit zerstört worden, um Rohstoffe zu generieren und Monokulturen anzubauen.

Wer die Zerstörung allein den Feuerholz suchenden Afrikanern/Afrikanerinnen in die Schuhe schiebt, verkennt die Geschichte.

°Nachweislich wird in vielen afrikanischen Gesellschaften der Nachwuchst als Investition in die Zukunft angesehen. Ist das bei uns nicht auch so?

Und wenn es so einfach wäre, dass ein regelmäßiger Ausfall der Elektrizität zu größerem Kinderreichtum führt, sollten wir dann nicht angesichts unserer Rentenmisere umgehend dafür sorgen, dass jeden Abend um 20 Uhr der Strom abgestellt wird?

°Nachweislich sind es – wenn auch wir verallgemeinern wollen – die Länder der westlichen Welt und Asien, die am meisten zur Klimakatastrophe beitragen. „Die ziemlich drastische Aussage von Clemens Tönnies war nicht nur zulässig, sondern vielleicht auch notwendig, um auf ein Riesendilemma der selbst ernannten Klimaaktivisten hinzuweisen“, so Wolfang Kubicki auf Twitter, der Tönnies’ Aussage mit dem Recht auf Meinungsfreiheit verteidigt hat. Hier wird auf einmal deutlich, worum es in Wirklichkeit geht.

Die – falschen – Bilder über ein Afrika, das sich sowieso nicht von allein aus seiner selbstverschuldeten Unterlegenheit heraushelfen kann, lassen sich bestens dafür benutzen, um von der eigentlichen Diskussion abzulenken.

Wenn ein reicher Fleischfabrikant (was für ein Wort!) aus Rheda-Wiedenbrück aus Angst vor einer höheren Besteuerung seiner Produkte eine Finte schlägt – selbst wenn es ihn für eine Zeit den Posten als Fußballvereinsboss kostet – und Politiker wie Nooke und Kubicki auch noch darauf eingehen, dann hat der Übeltäter zwar eine Menge Porzellan zerschlagen, aber vielleicht doch zum Teil erreicht, was er beabsichtigt hat: einfach die Ursachen des Klimawandels jemand anderen vorwerfen. Doch das trägt nicht zu dem Umdenken bei, das wir dringen brauchen, um den Klimawandel noch aufhalten zu können.

Am 29. April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, beging Colin Ross mit seiner Frau in Urfeld am Walchensee Selbstmord. Am Ende des Vorworts aus „Die erwachende Sphinx“ schreibt er über seine Sorge, was passiert, wenn die für ihn zwar notwendige, doch nicht ungefährliche Entwicklung des afrikanischen Kontinents dazu führt, dass Afrika einmal die europäische Vormachtstellung in Frage stellen könnte. Dann würden die nachfolgenden Generationen – also wir – auf einen „Kontinent von brennender Gegenwart“ treffen. Seine Befürchtungen sind bis jetzt nicht eingetreten, und ich befürchte, wir haben einiges dafür getan, dass es auch so bald nicht passieren wird. Doch das ist eine andere Geschichte. „Für jeden europäischen Staat [hängt] viel davon ab, ob und wie lange sich Europa den afrikanischen Kontinent noch als Interessenzone, als Absatzgebiet und Rohstofflieferant zu sichern vermag. Ich sag ‚ob‘, möchte jedoch nicht verhehlen, dass mir die Aussichten eines ‚weißen Afrika‘ nicht allzu groß erschient. Die Sphinx erwacht, das ist der überwiegende Eindruck meiner Afrikareisen. Wir können dafür sorgen, dass dieses Erwachen allmählich erfolgt, ganz verhindern werden wir es auf die Dauer kaum können.“

*Martin Schult, Jg. 1967, Afrikanist und Ethnologe, arbeitet beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dort seit 2004 Leiter der Geschäftsstelle des Friedenspreises. Ende Oktober erscheint sein in Frankfurt spielender Roman „Anfangs sonnig, später Herbst“ (Ullstein Verlag) über den sogenannten Deutschen Herbst im Jahr 1977. (aus: Frankfurter Rundschau, 14.08.2019, Seite 32-33)

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