Das Mittelmeer – ein Massengrab vor der Haustür Europas

Kommt es irgendwo auf der Welt zu einem Erdbeben mit tausenden Toten, ist die Anteilnahme auch bei uns (zurecht!) sehr hoch. Sondersendungen laufen, Spendenaktionen werden gestartet. Damit, dass sich vor der Haustür Europas eine dauerhafte Katastrophe abspielt, die Jahr für Jahr Tausenden das Leben kostet, haben wir uns jedoch offenbar arrangiert, urteilt PRO ASYL in einer informativen Reportage, die im Folgenden zur Diskussion steht:

Über 25.000 Menschen starben in den vergangenen vier Jahren weltweit auf der Flucht – mehr als die Hälfte von ihnen beim Versuch, nach Europa zu gelangen. Sie ertrinken im Mittelmeer oder verdursten auf dem Weg dorthin in der Wüste. Und selbst die Internationale Organisation für Migration (IOM), die diese Statistiken bereitstellt, sagt: Die Zahlen zeigen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Todesfälle.

Vor allem auf den Fluchtrouten durch Afrika in Richtung Mittelmeer sterben wohl weit mehr Menschen, als bekannt wird. Für 2017 tauchen in den Statistiken nur 690 Todesfälle dort auf, die Experten vermuten aber ähnlich viele Opfer wie im Mittelmeer (3.193).

Weiterhin tägliche Tote

Auch 2018 geht das Sterben unvermindert weiter. Bereits 651 tote Flüchtlinge weltweit protokolliert IOM, davon 414 im Mittelmeer. Die Zahlen des UNHCR lauten ähnlich: 398 Tote bei bislang nur rund 10.000 Ankünften in Italien, Griechenland – und vermehrt auch wieder in Spanien. Jahrelang waren die Flüchtlingszahlen dort gering, seitdem sowohl die Grenzzäune in den Exklaven Ceuta und Melilla hochgerüstet wurden, als auch spanische Polizisten in Abfahrtsländern wie Mauretanien patrouillieren. Die Entwicklungen in Libyen sorgen aber offenbar für eine erneute Verlagerung der Routen.

Das Risiko wird immer größer

Denn besonders die Hauptroute im zentralen Mittelmeer wird immer gefährlicher, seit Europa auf eine Kooperation mit der sogenannten »libyschen Küstenwache« setzt und zivile Seenotrettungsorganisationen zunehmend in ihrer Arbeit behindert werden. Starben im letzten Jahr noch 2,3 von 100 Flüchtlingen, die sich auf den Weg machten, schnellt diese Zahl aktuell auf dieser Route in die Höhe und liegt die Todesrate nun nach Berechnungen des Mediendienst Integration schon bei über 6 von 100. Das lässt nichts Gutes für 2018 erahnen: Ab April steigt die Zahl der Überfahrten erfahrungsgemäß noch einmal stark an.

Insgesamt sind seit dem Jahr 2000 über 35.000 Menschen
an den europäischen Außengrenzen ums Leben gekommen.

Die tödlichste Grenze der Welt

Insgesamt sind seit dem Jahr 2000 über 35.000 Menschen an den europäischen Außengrenzen ums Leben gekommen. Zwar gibt es die »offiziellen« Statistiken von IOM und UNHCR erst seit einigen Jahren, für den Zeitraum vor 2014 hatte aber ein unabhängiges Projekt die Zahl von rund 23.000 Toten an Europas Grenzen zwischen 2000 und 2014 ermittelt.

Europas traurige Antwort

Sollte 2013, nach dem großen Bootsunglück vor Lampedusa, eigentlich noch ein »Wendepunkt in der europäischen Flüchtlingspolitik« erreicht sein, hat Europa das Versprechen des damaligen EU-Parlamentspräsidenten Schulz (»Wir können nicht zulassen, dass noch mehr Menschen sterben.«) nicht gehalten. Im Gegenteil! Jahr für Jahr sterben über 3.000 Menschen an den Außengrenzen unseres Kontinents – mit traurigen Ausreißern nach oben.

>> PRO ASYL: Die hingenommenen Toten – jedes Jahr sterben Tausende auf der Flucht

>> PRO ASYL: Tod an Europas Außengrenzen

2 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Das Mittelmeer – ein Massengrab vor der Haustür Europas«

  1. Hallo, Ben,

    was können wir in Oldenburg außer Aufklärung zu betreiben, praktisch-politisch machen?

    Wollen wir in einem umfassenden Bündnis den Stadtrat auffordern, sich zur geschilderten Lage und Entwicklung eindeutig im Sinne der Menschenrechte zu äußern und die Bundesregierung und die Verantwortlichen im EU- Parlament zu drängen, die Asylpolitik nicht zur weiteren Abschottung gegen Flüchtende zu entstellen?

    Gruß, Ulrich.

  2. Hallo Ulrich,

    du erinnerst dich bestimmt: Bereits im Flüchtlingsnetzwerk Oldenburg seit 2006 haben wir wiederholt den Stadtrat dafür gewinnen wollen, sich für menschenrechtsverpflichtete Asylpolitik gegen die gängige Abschreckungspolitik jener Jahre einzusetzen – mit minimalem Erfolg. In diesem Sinne sollen wir auch heute bei jeder sich bietender Gelegenheit dafür eintreten, dass über Aufklärung hinaus in unserer Stadt und darüber hinaus konkrete Umsetzungsmaßnahmen einer menschenrechtsverpflichtete Asylpolitik verwirklicht werden. Da mache ich weiter mit!

    Ben.

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