Eske Wollrad: Wie kommt der „Mohr“ in die Bibel? Rassismus aktuell

2017 war das Jahr des Reformationsjubiläums und auch das der deutlichen Bekundung evangelischer Kirchenleitender gegen Rechts. „Klare Kante“, so der Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm, zeige die evangelische Kirche: gegen rechte Gewalt, gegen Populismus und Rassismus. Gleichzeitig erschien eine neue Lutherübersetzung der Bibel, die diese klare Kante vermissen lässt. Im Buch des Propheten Jeremia lautet die Fassung nach wie vor: „Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken?“ (Jer 13,23)

Bei dem Begriff „M.“ handelt es sich um die älteste deutsche Bezeichnung für schwarze Menschen, die seit ihrer Entstehung negative Aspekte beinhaltete. Das Wort geht einerseits auf das griechische „moros zurück, das „einfältig“, „dumm“ oder auch „gottlos“ bedeutet, andererseits auf das lateinische „maurus“, welches „schwarz“, „dunkel“ oder „afrikanisch“ bedeuten kann. Daraus entwickelte sich das althochdeutsche „mor“ und schließlich „Mohr“.

Im Mittelalter bezeichneten Christinnen und Christen mit „moros“ muslimische Menschen Nordafrikas, die die iberische Halbinsel besetzten und als Inkarnation des Anti-Christen gesehen wurden. Später wurde „M.“ zur pauschalisierten Bezeichnung für alle Menschen „dunkler Hautfarbe“.

In seiner negativen Konnotation ist der „M.“ bis heute bekannt: als lächerliche kindliche Gestalt, deren Schwärze einen Makel darstellt (Struwwelpeter) und in Redewendungen („Der M. hat seine Schuldigkeit getan, der M. kann gahn“). Und noch immer werden in unseren Kirchen Krippenspiele aufgeführt, in denen einer der drei Könige sagt: „Ich bin der Mohr, habt keine Angst vor mir.“ Heute gilt in der Wissenschaft der Begriff aufgrund seiner kolonialen Negativbedeutung als rassistisch und wird nicht mehr verwendet.

Der Lenkungsausschuss der Lutherbibelrevision hat sich entschieden, den Begriff in dem Jeremia-Vers beizubehalten. In der Tradition Luthers machte er aus dem hebräischen „Kuschit“ einen „Rasse“-Begriff. Mit „Kuschit“ ist ein Mensch aus einer Region Afrikas gemeint, die heute Äthiopien zugerechnet wird, aus „dem Lande Kusch“. Die Übersetzer verlagerten den Fokus von der Geografie (ein Mensch aus einer bestimmten Region) auf die Gattung (ein Mensch der Sorte „Schwarz“).

Sortiert die Bibel nach Hautfarben? Kennt sie menschliche „Rassen“?

Die mächtigste Verbündete, die wir im Kampf gegen Rassismus haben, ist die Bibel. Sie kennt nämlich keine „Rassen“, keine Hautfarben und keine damit verbundenen Wertungen. Die Übersetzer der Lutherbibel vernebeln diese Wahrheit – schlimmer noch, sie rassifizieren den Text, indem sie das Wort „Mohr“ eintragen.

Alle neueren Bibelübersetzungen haben rassistische Begriffe gestrichten und entschieden sich entweder für „Schwarzer“ (Gute Nachricht 2000; Eberfelder 2006) oder „Kuschit“ (Züricher 2007). Auch die jüngst erschienene Einheitsübersetzung strich das Wort „Neger“ und übersetzt nun mit „Kuschit“ (2016). Die einzige Ausnahme bildet die neue Lutherbibel.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat es geschafft, sich für die Beteiligung deutscher Pfarrer an kolonialer Gewalt in Namibia zu entschuldigen, aber sie bringt es nicht fertig, einen rassistischen Begriff aus der Bibelübersetzung zu streichen.

Es ist Zeit, dass wir aufstehen.

Dr. Eske Wollrad ist evangelische Theologin und Geschäftsführerin des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer gGmbH. Sie promovierte zu afrikanisch-amerikanischer feministischer Theologie und forscht zu Postkolonialismus und den Critical Whiteness Studies. Quelle: www.missionspresse.org | 1/2018 (Seite 13)

2 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Eske Wollrad: Wie kommt der „Mohr“ in die Bibel? Rassismus aktuell«

  1. Hallo Ben,

    Sehr interessante Debatte. Ich habe ein paar Gedanken dazu:

    Gerät nicht beim Nachdenken über den Begriff etwas aus dem Blickfeld, daß der Jeremias – Vers selbst ja schon ziemlich rassistisch ist? Davon, die ganze Aussage zu streichen, sehen die Übersetzer aber ab?

    Na ja. Verständlich. Irgendwie hat die Bibel ja vielleicht auch eine Art Dokumentationsaufgabe, um zu archivieren, welche Irrtümer schonmal gedacht wurden. Damit sich nachfolgende Generationen zumindest erklären können, wie es zu bestimmten Entwicklungen kam.

    Zumindest aus Sicht der alten Israeliten erfüllte der Begriff “Kuschit” dann aber bei ihnen höchstwahrscheinlich dieselbe rassistische Funkion, wie bei uns “Mohr” (was Jeremias ja nun eindrucksvoll selbst belegt).
    Ist der Begriff “Schwarzer” denn besser? Ich finde ihn eigentlich sogar noch mehr auf die Hautfarbe reduzierend, als Mohr.

    Nun ist das Wort “Mohr” aber wohl auch aus anderen Gründen überkommen. Es wird nämlich aus verschiedenen Gründen nur noch in der Literatur verwendet. Es wird noch verstanden, mehr aber auch nicht.

    Alles Liebe,
    Jörn

  2. Lieber Jörn,

    höchstwahrscheinlich geht es darum, dass der Mensch stets unterscheiden will zwischen „Ich“ und „Du“, „Wir“ und „die Anderen“, um bestimmen und festlegen zu können, wie er sich `den (jeweils) Anderen´ gegenüber verhalten will – also den Ursprung aller Ansinnen und Praktiken der Ausgrenzung und Entrechtung von Mitmenschen?

    Die Selbstbezeichnung „schwarz“, die Menschen schwarzer Hautfarbe sich bisweilen zu eigen gemacht haben, reduziert, da selbstbestimmt, den Menschen nicht mehr zum Merkmal zur Fremdbestimmung und Diskriminierung, sondern ist – meinem Erleben nach – längst identitätsstiftend geworden. Eske Wollrad pflichte ich unumwunden bei: Die Übersetzung von Jer 13,23 ins Deutsche soll unbedingt den inzwischen gewonnenen Erkenntnissen über das Erleben und die Verwendung von Selbstbezeichnungen der im Text gemeinten Menschen Rechnung tragen. Wo im Text von Geografie die Rede ist, muss in der Übersetzung selbstverständlich ebenso von Geografie die Rede sein!

    In diesem Sinne,
    dein Ben.

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