Mathias Greffrath: “Gott ist nicht gerecht” – Ein Versuch über Hiob und die Mordsgeduld –

Mathias Greffrath*:
Gott ist nicht gerecht
Ein Versuch über Hiob und die Mordsgeduld

Kaum etwas macht uns so zornig wie die Erfahrung von Unrecht. Eine Bestrafung für etwas, das sie nicht getan haben, lässt Kinder ausrasten und an ihren Eltern zweifeln. Eine Herabsetzung durch einen Chef, für den wir uns aufgeopfert haben, lässt uns wüten oder macht uns krank. König Lear wird irre, weil seine Töchter ihm nicht geben, was ihm zukommt, und Kohlhaas steckt Städte in Brand, weil einer der Herrschenden ihm Willkür antut.

Aber Ungerechtigkeit erzürnt auch, wo sie nicht zwischen zwei Menschen sich ereignet. Wo sie System ist.

Wir empfinden es als ungerecht, °wenn der Postchef 232 mal so viel verdient wie ein Briefbote; °dass die besten Posten in einer Gesellschaft regelmäßig an die Kinder der Elite gehen; °dass Menschen ihre Wohnungen räumen müssen, weil Spekulanten die Mieten hochtreiben. °Dass im ärmsten Zehntel der Gesellschaft 10 Jahre eher gestorben wird, ist nicht nur bitter, sondern ungerecht. Und ungerecht ist es, °dass die reichsten Vereine sich die besten Fußballer kaufen. Die Stahlarbeiter in Ohio und die Ausgemusterten in Ostdeutschland fanden es ungerecht, °dass man ihnen die Achtung für ihre Lebensleistung raubte, als sie ihren Arbeitsplatz verloren. Unrecht zu erleiden, das kann schlimmer sein als Mangel.

„Womit habe ich das verdient“, fragt sich einer, der immer seine Arbeit gemacht hat und als erster entlassen wird. Womit haben wir das verdient, fragen sich Eltern, die alles getan haben, was sie konnten, um ihre Kinder ins Leben zu führen, und nun erleben müssen, dass es den Kindern schlechter geht als es ihnen je gegangen ist.

Womit habe ich das verdient – der biblische Hiob ist der Urvater aller, die so fragen. Hiob – in der Erzählung des Alten Testaments – ein reicher Bauer, der selbst ein makel-loses Leben führt und als guter Vater sogar Vorsorge betreibt für Schäden, die seine lebenslustigen Söhne anrichten könnten. Diesen Hiob trifft es nun heftig. Schlag auf Schlag wird ihm alles genommen. Soldaten und Räuberbanden töten Söhne und Knechte, sein Haus brennt ab, das Vieh wird gestohlen. Aber Hiob bleibt fromm:

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gelobet sei der Herr.“

Dabei sind die Hiobsbotschaften in dieser biblischen Erzählung eine ausgemachte Gemeinheit. Denn Hiob ist – ohne es zu wissen – eine Art Versuchskaninchen einer Wette zwischen Gott und Satan. Es soll herausgefunden werden, ob er Gott auch dann noch ehrt, wenn es ihm nicht gut geht. Und da Hiob fromm bleibt, geht der quälende Versuch in die zweite Runde: nun erhält Satan die Vollmacht, ihn mit Hautausschlag und allen möglichen Gebrechen zu schlagen. Aber auch jetzt bleibt Hiob standhaft. Er nimmt sein Schicksal hin.

Erst als drei seiner Freunde kommen und ihm weismachen wollen, dass da ein höherer Sinn in seinem Leiden stecke, fängt Hiob an zu klagen. Im doppelten Sinn des Wortes: er verflucht sein Leben und versteht nicht, warum es ausgerechnet ihn trifft, denn er weiß und besteht darauf, dass er unschuldig ist. Aber wenn Gott gerecht ist – was die theologisch spitzfindigen Freunde ihm vorhalten – dann stimmt da etwas nicht. Gott soll sich rechtfertigen vor ihm, darauf hat er doch wohl ein Recht, denkt Hiob. Und auf dieses Recht pocht er. Immer heftiger.

Aber er wendet sich nicht ab von Gott – mit anderen Worten: er verliert seinen Glauben nicht.

Doch es ist ein anderer Glauben als der seiner Freunde. Es ist der Glauben, dass ein Schicksal wie seines, wenn es denn mit rechten Dinge zugeht in der Welt, nicht sein dürfte. Er rebelliert gegen die Vorstellung, dass die ungerechte Zuteilung der Güter, der Gesundheit und des Glücks Teil einer höheren Ordnung ist.

Die Freunde, die Hiob besuchen, finden solche Klagen blasphemisch. Ihr Glaubensbekenntnis heißt: dies ist die beste aller Welten, in ihr bekommt jeder das, was er verdient, Leistung lohnt sich, Güte auch. Und deshalb: wenn jemand ein Verlierer ist, dann hat das seine Gründe.

Hiob hat Verluste erlitten, also wird er schon etwas falsch gemacht haben. Aber je mehr seine Freunde (die im übrigen wortreich, aber nicht gerade hilfreich sind bei der Bewältigung seines Elends) – je mehr sie auf der Alternativlosigkeit ihrer Vorstellungen von göttlicher Gerechtigkeit beharren, umso hartnäckiger pochte Hiob auf sein Recht, zu wissen, warum ihm Unrecht geschieht. Ihm und vielen anderen.

Denn in dem wunderbar poetischen langen Mittelteil des Buches Hiob, das in die Geschichte von der Wette zwischen Gott und dem Teufel geschoben ist, geht es nicht mehr allein um die Schicksalsschläge, die Hiob ereilen, sondern um das Unrecht in der Gesellschaft. Hiob ist Geschädigter, Leidender, Ausgestoßener, und aus dieser Position heraus stellt er die gesellschaftliche Ordnung insgesamt in Frage – und damit ihren Garanten: Gott. Eine Ordnung, in der Menschen, die hart arbeiten und nach den Regeln spielen, trotzdem unter die Räder kommen.

Warum – so klagt Hiob – bleiben die Verbrecher nicht nur am Leben, sondern werden alt dabei und immer stärker, leben sicher und im Wohlstand und Luxus und freuen sich auf ihren Festen des Lebens (21 7f.)

Sie jauchzen mit Pauken und Harfen und sind fröhlich mit Flöten…. Der andere aber stirbt mit verbitterter Seele und hat nie vom Glück gekostet.

Hybris und Gewalt sind zum herrschenden Klima des Gemeinwesens geworden. Und das Buch Hiob ist – so die sozialgeschichtliche Interpretation – Symptom einer tiefen Krise im damaligen Gemeinwesen Israels. Die Schere zwischen Arm und Reich hatte sich weit geöffnet in den Jahrhunderten nach dem Auszug aus Ägypten. Damals hatten befreite Sklaven eine Sozial- und Wirtschaftsordnung ohne Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt errichten und der Menschenwürde, insbesondere auch der arbeitenden Menschen, rechtlich und ökonomisch Gestalt geben wollen, gemäß der Gebote, die Gott gegeben hatte, in seinem Bund mit den Israeliten.

Die Unterschiede des Reichtums sollten nicht zu groß werden in dieser Gesellschaft der Befreiten. Deshalb sollten alle 49 Jahre sämtliche Schulden gestrichen werden, alle verpfändeten Grundstücke und Gebäude zurückgegeben werden und das Land neu verteilt. Durch die Umverteilung des Bodenbesitzes und die Streichung der Verbindlichkeiten sollte so die ursprüngliche Gleichheit aller Israeliten in jeder Generation wieder hergestellt werden – eine Art Erbschaftssteuer in Naturalien. Vor allem sollte der Boden niemandem auf Dauer gehören. „Mein ist das Land, und ihr seid Fremdlinge und Gäste bei ihm“, so spricht Gott im Dritten Buch Moses – Grund und Boden sollten im Gemeinbesitz bleiben und so der Spekulation entzogen werden. Und auch der Erde sollte Gerechtigkeit zuteilwerden. Im Sabbatjahr soll das Land ruhen und nicht bebaut werden.

Aber in den Jahrhunderten nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft hatte sich eine Klassengesellschaft in Israel etabliert, eine Oberschicht, die mit den Besatzern, den babylonischen, den ägyptischen, den griechischen kollaborierte, als Steuereintreiber für die imperialen Mächte die das eigene Volk unterdrückte. Und so forderten die Propheten “Recht und Gerechtigkeit” für die Armen, die Witwen und die Waisen ein, polemisierten gegen eine städtische Finanzelite, die die Landbevölkerung in Zinsknechtschaft hielt, eine politische Elite, die in ihren militärischen Abenteuern die Armen als Kanonenfutter einsetzte.

In religiöser Sprache forderten diese Sozialreformer eine Rückkehr zu den Grund-werten, zum Grundgesetz der Gemeinschaft, das diese sich nach der Katastrophe gegeben hatte.

(Und Hiob klagt über eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. (Gott) bringt um beide, den Frommen und den Gottlosen (9,22- Bloch 160)) Die Zeit, in der das Buch Hiob aufgeschrieben wird, ist eine Zeit, in der das gewohnte Leben in Judäa noch einmal mehr in Unordnung geraten war, in der eine internationale Geldwirtschaft in eine archaische Bauerngesellschaft eindrang, und mit ihr die Herrschaft des Zinses und der Schulden, in der Grundbesitz sich in immer weniger Händen konzentrierte und die Lasten des Lebens stiegen.

Die alten Fristen – so klagt Hiob – gelten nicht mehr, die Gerichte tagen nicht; so werden die Grenzen verrückt, die Herden geraubt, (…). Die Armen werden ins Abseits gestoßen und die Entrechteten müssen sich verstecken. Sie müssen von dem Leben, was liegenbleibt und haben kein Haus, Kinder werden von den Kreditgebern als Pfänder genommen. (24)

Das klingt nicht so, als gehe es nur um Hiobs persönliches Missgeschick. Da geht es um strukturelles Unrecht. Hiob bestreitet die Legitimation dieser Ordnung, aber immer wieder belehren ihn die Freunde, dass sie, da von Gott gegeben, ohne Alternative sei. Der Fehler müsse bei ihm liegen. Aber Hiob besteht darauf, dass diese Ordnung nicht die seines Gottes ist. Ja, er verklagt gar den Gott, der dieses alles zulässt, und fordert einen Schiedsrichter.

Aber Gott schweigt. Er schweigt lange. Und schließlich spricht er – aus einem Gewitter heraus, wie so oft.

Nur, er antwortet nicht im Geringsten auf das Rechtfertigungsbegehren Hiobs, sondern er wechselt einfach das Thema, hält einen gewaltigen Monolog über die Macht der Winde, die Kraft der Raubtiere, die verheerende wie lebensspendende Wirkung der Sonne, die Schwierigkeit, Rinder zu bändigen; lobt etwas pompös sein schönes wildes Schöpfungswerk. Aber auf Hiobs Zweifel an der Gerechtigkeit geht er nicht ein. Er erklärt, schlicht nicht zuständig zu sein für Glück und Unglück – er spricht, so interpretiert es Ernst Bloch, wie ein Naturdämon, nicht wie ein Gott, der sich für das Heil der Menschheit interessiert.

Paradox, unverständlich und konfus reagiert offenbar dieser Gott, gegen den Hiob wütet, indem er auf eine moralische Frage mit einer physikalischen Weltbeschreibung antwortet.

Da erlebt der Klagende einen Schock, er wird durch Gottes Rede aus dem Unwetter enttäuscht; er merkt, dass er sich getäuscht hat: der Gott, der zu ihm spricht, ist nicht zuständig für das irdische Leiden, für die Ordnung der Gesellschaft. Hiob werden die Augen geöffnet: “Ich hatte bisher nur von Dir gehört, aber jetzt hat mein Auge Dich geschaut”, sagt er. Und er widerruft seine Anklage. Er hat begriffen, dass er sie an den Falschen gerichtet hat. Und so heißt es dann auch: „Ich atme auf, in Staub und Asche.“ Das klingt nicht nach Bereuen, wie die gängige Übersetzung lange hieß, eher schon nach einem Neuanfang inmitten der Zerstörung. Wie ein Exodus, wieder einmal. Aus der Heilsgewissheit ebenso wie aus der apokalyptischen Angst.

Alle Hoffnung auf ein besseres Leben, auf eine gerechte Gesellschaft, auf ein Ende des Leidens auf Erden, so schreibt Ernst Bloch, „alle Hoffnung ist und bleibt fundiert in Hiobs eigenem guten Gewissen und in seiner Rebellion“ gegen die Theologen, die ihn umstellen und die seinem Leiden einen Sinn geben wollen. Und: Hiob hat eine Gewissheit, an der er sich aufrichtet. „Ich weiß, dass mein Rächer lebt“ – so der wörtliche Text in der Bibel. Rächer oder Anwalt heißt es im Urtext, vor seiner, so noch einmal Bloch philologisch korrekt: „kirchenchristlichen Harmonisierung“ durch den Kirchenvater Hieronymus in der ersten lateinischen Bibel, seit der es heißt: mein Erlöser lebt. Hiob tröstet sich mit der Gewissheit, dass es auch nach seinem Tod jemanden geben wird, der als sein Anwalt seine Unschuld beteuert, der für sein Leiden zeugt – oder, auf die Gesellschaft bezogen, der seine Kritik an den Verhältnissen fortsetzt. Er vertraut auf diejenigen, die nach ihm kommen werden und das Gesetz, unter dem Israel angetreten ist, wieder herstellen. Die Gegenwart, in der die Mächtigen ungestört das Recht beugen, die Solidarität kündigen, die anderen ausbeuten können, ist nicht das letzte Wort. „Geschlagen ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten’s besser aus“ der Satz, der Thomas Müntzer zugeschrieben wird, ist ein spätes Echo auf diesen Hiob.

Wenn Gott also nicht zuständig ist für die Herstellung der irdischen Gerechtigkeit, dann bleibt es an uns, dies zu tun. Und auch wie diese Gerechtigkeit aussehen soll, darüber müssen wir nun selbst streiten. Von Oben kommen keine Ausführungs-bestimmungen. Das ist die demokratische, und die aktivierende Botschaft des Buches Hiob.

Und weiter: dass der Gott der Legende die spitzfindigen Theologenfreunde Hiobs scharf kritisiert: was soll das bedeuten, wenn nicht: lasst eure Anstrengungen fahren, die Kluft zwischen meiner vermeintlichen Güte und dem miserablen Zustand eurer Erde weginterpretieren zu wollen Solche Glasperlenspiele sind allenfalls etwas für Intellektuelle. Bemüht Euch nicht zu beweisen, dass die Welt gut eingerichtet ist – das glaubt euch sowieso niemand, sondern macht euch an die Arbeit, sie zu verändern. Bestellt euren Garten. Das könnte der Kern der göttlichen Botschaft sein.

Und weiter: Wenn ihr schon auf etwas setzen wollt, dann wie Hiob auf die lange Kette der Gerechten und der Beladenen in der Geschichte, die aus der Gefangenschaft Ägyptens kamen, die eine halbwegs gerechte Sozialordnung einrichteten, an die gelegentlich erinnert werden muss. Ihr seid Teilnehmer an diesem langen Marsch, an dessen Anfang ein paar Regeln stehen, die Orientierung geben. Durch die Geschichte sind es fast immer dieselben Regeln. Und die werden immer wieder verraten – und neu erinnert und erkämpft. Wer damit rechnet, der kann nicht so furchtbar enttäuscht werden wie Hiob, bevor ihm die Augen aufgingen, und er aufatmete.

Und nach diesem Aufatmen, diesem Aufbruch, erscheint am Ende des Hiob-Buches noch einmal Gott. (Es ist übrigens das letzte Mal, dass er in der jüdischen Bibel das Wort ergreift). Er erscheint als deus ex machina und beschenkt Hiob reich, ja macht ihn reicher als je zuvor (auch wenn die toten Söhne tot bleiben), und Hiob stirbt, wie es so schön heißt, „lebenssatt“.

Wir sind immer im Exodus. Immer wieder wird das Gesetz gebrochen und immer wieder werden seine Forderungen erneuert. Das ist der historische Realismus, der aus der Bibel spricht. Vor Hiob und nach Hiob. Zwei oder drei Jahrhunderte nach der Abfassung des Buches Hiob wird Maria schwanger. Und als sie das spürt – so erzählt es das Evangelium – lobt sie Gott. Sie weiß und sie will, das der Sohn, den sie gebären wird, die Welt wieder in Ordnung bringen, die Herrschenden von den Thronen stürzen und den Besitzlosen zu ihrem Recht verhelfen wird.

„Die Herrscher unterdrücken ihre Völker und die Mächtigen tun ihnen Gewalt an“, so wird dieser Sohn predigen – wie die Propheten vor ihm. Jesu Bergpredigt belebt und radikalisiert die Gesetze der Tora in einer krisenhaften Klassengesellschaft – und sie universalisiert die Gebote der Gerechtigkeit, der Gleichheit, der Barmherzigkeit – sie sollen auf der ganzen Erde gelten. Jesus wurde gekreuzigt, sein Schüler Petrus forderte vor dem Haus der Jünger die Menschen auf, sie sollten mit der „verdorbenen Generation“ brechen.

Und “sie bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte, und sie hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.“ Es war eine urkommunistische Gemeinschaft, die da entstand, in einer Revolution, einer Rückwendung zu dem, was mit der Tora einmal gemeint war, als die Israeliten sich schon einmal befreit hatten. Eine Gemeinschaft, die, so sagt es Petrus mit der Berufung auf die alttestamentarischen Herrschaftskritiker, auch die Knechte und Mägde einschließen sollte, und deren Bewusstsein weit in die Vergangenheit reichte und weit in die Zukunft:

„Eure Söhne und eure Töchter
werden Propheten sein
und eure jungen Männer werden Visionen haben,
und eure Alten werden Träume haben.“

Wenn wir heute vom judäo-christlichen Erbe Europas reden, dann ist es diese Bewegung hin zur Gerechtigkeit. Der soziale Kern des Alten Testaments ist der Exodus. Und der Exodus steht am Anfang einer sozialen und spirituellen Bewegung hin zu Gleichheit und Gerechtigkeit – im Volk Israel, und, mit Jesus, in der Welt. Das ist der Kern aller Theologie und Philosophie seither.

Der Geist der Tora und die Predigten des Jesus von Nazareth werden säkular formuliert in den Postulaten des Naturrechts, in den Forderungen der Französischen Revolution, die nicht nur die Herrschaft dieses Königs, dieser Kaste abschaffen wollte, sondern Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Brot, Demokratie und Gemeinsinn für die ganze Welt-Republik herstellen – auch und gerade für die Knechte und Mägde. Dieser Geist lebt auf in Immanuel Kants Philosophie, die den Gemeinbesitz an der Erde postulierte. Dieser Geist inspiriert alle neuzeitlichen sozialen Bewegungen und Revolutionen, aber immer wieder werden diese Bewegungen in der Geschichte auch gebremst, umgelenkt und pervertiert. Bis heute.

Die Welt ist so gerecht, wie wir sie machen. (Seit ein Gott nicht länger die Geschicke lenkt, müssen sich die Menschen selbst ihre Ziele setzen und immer wieder neu darüber verhandeln, wie ihre Gerechtigkeit aussehen soll.) Das ist die Lektion, die Hiob erhielt. Gerecht in diesem Sinne ist deshalb eine Ordnung, über deren Herstellung alle, die von ihr betroffen sind, verhandeln. Wo alle Beteiligten ungefähr gleich mächtig sind, werden sie auch ungefähr gleich wohlhabend sein. Wo große Unterschiede an Macht und an Wohlstand herrschen, wo systematisch die Chancen auf ein gesichertes Leben ungleich verteilt sind, besteht ein höherer Bedarf an Barmherzigkeit.

Deshalb auch ist „Politik eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe“ – wie Papst Franziskus es formuliert, und damit die karitativen Aktivisten und Selbsthilfegruppen ermutigt, sich auch in die „große Politik“ einzumischen, nach der Legitimation des Ganzen zu fragen. So wie Hiob. Auch wenn sie dann wie Hiob mit Gegenwind rechnen müssen: „Sobald ihr“, so sagt es dieser Papst, „von eurer Gemeinschaftsarbeit aus es wagt, die ‘Gesamtverhältnisse’ in Frage zu stellen…dann duldet man das nicht mehr, weil ihr euch auf das Gebiet der wichtigen Entscheidungen vorwagt, die einige gesellschaftliche Kasten sich selbst vorbehalten möchten. Lasst Euch nicht zu bloßen Verwaltern des herrschenden Elends machen…lasst Euch nicht einwickeln.“ Mit anderen Worten heißt das wohl: bleibt hartnäckig wie Hiob, klagt das Prinzip an, das Gerechtigkeit verhindert.

Aber – und dies zum Schluss – Gerechtigkeit ist nicht alles. Noch die beste Einrichtung der Welt wird nicht verhindern, dass Kinder sterben, dass Menschen leiden, wahn-sinnig werden, fallen und verderben. Und für diese Fälle hat der Gott, der sich Hiob zeigt, vorgesorgt: er hat uns – von Natur aus – so ausgestattet, dass wir mitleiden, dass wir uns in den Leidenden spiegeln. Deshalb müssen wir ja auch wegsehen, wenn wir Bettlern nichts geben wollen.

*Mathias Greffrath, Soziologe und Autor; schreibt u.a. Essays für den Norddeutschen Rundfunk, Die Zeit und Süddeutsche Zeitung, die deutsche Ausgabe von le monde diplomatique und die tageszeitung. [Quelle: Mathias Greffrath, „Gott ist nicht gerecht“, NDR-Kultur Glaubenssachen, ARD-Themenwoche „Gerechtigkeit“, 11.11.2018]

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