Andreas Eckert: Das Wissen der Einheimischen

Buchvorstellung durch Andreas Eckert*:

Volker Matthies:
Im Schatten der Entdecker.
Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender.
Berlin: Ch. Links Verlag 2018, 246 Seiten.

„Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Bertolt Brechts  „Fragen eines lesenden Arbeiters“  bilden das Motto der informativen Studie von Volker Matties über einheimische Begleiter europäischer Forschungsreisender.

Mit diesem Buch greift der Autor kritische Ansätze in der Forschung über „Entdecker“ auf, die seit geraumer Zeit mit Nachdruck an dem vom Eurozentrismus durchtränkten Image der vermeintlich edlen und mutigen Helden kratzen, die völlig auf sich gestellt durch fremde Länder gezogen oder über unbekannte Ozeane gesegelt seien.

Die Entzauberung der „Helden“ vollzieht sich in der neueren Fachliteratur auf mehreren Ebenen. Einmal verweisen zahlreiche Untersuchungen auf die enge Verbindung zwischen Entdeckungs- und Forschungsreisen und der europäischen kolonialen Expansion, insbesondere in Bezug auf Afrika.

Stärker beachtet wurden auch die gesundheitlichen Risiken der Reisen und der Drogenkonsum. Viele Reisende wurden nämlich permanent von Schmerzen, Lähmungen und Fieber geplagt und häufig an die Grenzen ihrer physischen Existenz beworfen. Sie suchten nicht zuletzt durch den regelmäßigen Genuss von Alkohol ihrer Krankheiten Herr zu werden und unternahmen wenigstens einen Teil ihrer Reisen gleichsam im Bann des Fiebers, unter dem Einfluss von Hochprozentigem und extremer Müdigkeit. In ihren Publikationen war von alledem freilich kaum die Rede.

Drittens schließlich, und vor allem diesen Aspekt beleuchtet Matthies anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen Kontinenten, trugen lokale Dolmetscher, Führer, Informanten und Transporteure ganz wesentlich zum Erfolg von Expeditionen und damit zur „Vermessung der Welt“ bei. Das geographische und kartographische Wissen, welches Europäer später in ihren Berichten und Büchern ausbreiteten, stammte häufig von ihren indigenen Begleitern, wobei dieser Umstand in der Regel keine Erwähnung fand. Und ohne die Sprachkenntnisse und Übersetzungsleistungen ihrer einheimischen Mitfahrer wäre so manche Expedition sehr rasch gescheitert.

Die persönlichen Beziehungen zwischen europäischen Forschungsreisenden und ihren lokalen Helfern sind allerdings nur selten rekonstruierbar. In der Regel, schreibt Matties, „handelte es sich wohl um asymmetrische, hierarchische und paternalistisch geprägte komplexe Beziehungsmuster, in denen die europäischen Persönlichkeiten als wohlwollende `Patrone´ bzw. `Herren´ gegenüber ihren `treuen Dienern´ dominierten.“

Gleichwohl schlossen sich viele der einheimischen Begleiter freiwillig den Europäern an, denn diese Zusammenarbeit versprach materiellen Gewinn oder auch Ressourcen für den Machterhalt. Insgesamt gelingt es dem Autor auf überzeugende Weise, die zentrale Rolle von Angehörigen verschiedener Gesellschaften in Afrika, Asien und den Amerikas für die Geschichte der Entdeckungen zu beleuchten.

*Andreas Eckert, DAMALS 7-208, Im Schatten der Entdecker.

2 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Andreas Eckert: Das Wissen der Einheimischen«

  1. Lieber Ben,

    sorry: gut und “schön” (eben nicht schön), aber was machen wir – hier in OL – mit den Informationen? Uns treibt ja immer wieder die Frage um, welche ganz praktischen Konsequenzen wir aus dem “Wissen” ziehen, z.B. auch bei Veranstaltungen.

    Hast Du eine Idee für eine Veranstaltung, die auch z.B. die vielen Oldenburger AfrikanerInnen, die so-gen. Diaspora einbezieht?

    beste Grüsse
    von Hilmar

  2. Lieber Hilmar,

    tja, dies ist ja eine der Fragen und Themen, die immer wieder aktuell werden, auch wenn sie dann nicht immer die allerdringendsten sind. Daran zu erinnern und dafür zu sensibilisieren bleibt nach wie vor eine wichtige Aufgabe.

    Das merke ich insbesondere im Gespräch mit jungen Erwachsenen (auch aus Afrika) im Alter meiner Enkelkinder [26 Jährigen], die bei den Herausforderungen, vor denen sie heute persönlich oder in der Gesellschaft stehen, die Orientierung und Sensibilisierung suchen und geradezu dankbar annehmen, die durch Erfahrung und Engagement gewonnen wurden.

    Gerade weil ich nicht mehr wie früher aktiv an Initiativen und Projekten mitwirke und mitwirken kann, bleibe ich am Ball, indem ich nach Kräften am Austausch von Erfahrungen und Einsichten mitwirken – wie eben durch diesen Hinweis auf eine anregende Publikation.

    Beste Grüße!

    Ben.

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