Florian Breitmeier | Gotthard Fuchs: “Menschen, Grenzen und Gebote”

Menschen, Grenzen und Gebote
Religiöse Resonanzen auf die Corona-Krise
– Florian Breitmeier im Gespräch mit dem Theologen Gotthard Fuchs* –

Florian Breitmeier:

Die Krise ist virulent, Corona prägt unseren Alltag und Feiertag auch weil Grenzen erfahrbar werden. Unser durchgetaktetes Leben ist aus dem Rhythmus geraten. Das Virus rüttelt lautlos und zugleich vehement an Tabus, an den Gefühlen menschlicher Schwäche und Begrenztheit. Reduktion allenthalben: Kultur und Konzerte, Gottes-dienste werden abgesagt und verboten, kirchliche Einrichtungen geschlossen, Feste verschoben. Und plötzlich prägt der Verzicht die Fastenzeit auf eine religiöse und zugleich säkulare Weise. Ist das alles einfach nur verrückt oder zeigt die Corona-Krise auch, wie es vielleicht anders ginge?

Darüber möchte ich sprechen mit Gotthard Fuchs. Der Theologe publiziert seit Jahren zu religiösen Grenzfragen und Erfahrungen. Zudem ist er ein Experte auf dem Gebiet der christlichen Spiritualität und Mystik.

Wir erleben zunächst einmal ganz rational betrachtet, eine radikale Unterbrechung unseres bisherigen Lebens. In der Corona-Krise stellen sich ganz praktische und zugleich tiefer gehende Fragen. Was ist jetzt dran? Was ist notwendig? Was ist verzichtbar? Diese Unterbrechung ist bedeutsam in rationaler, aber natürlich auch in religiöser Hinsicht. So werden ja zum Beispiel jetzt keine Gottesdienste mehr gefeiert, Konfirmationen, Erstkommunionen werden verschoben. Trauerfeiern sind oft nur im aller engsten Familienkreis möglich. Unterbrechung – in diesem Zusammenhang hat der Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard einmal eine wichtige Definition geliefert. Und der Theologe Johann Baptist Metz hat diese dann im 20. Jahrhundert wieder aufgegriffen: Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung. Herr Fuchs, wie deuten Sie diese Unterbrechung und welche religiösen Resonanzen werden erfahrbar?

Gotthard Fuchs:

Ich denke, es ist zunächst mal deutlich, dass Religion nicht eine Sonderwelt ist, die man hat oder nicht hat. In der Religion geht es um existenzielle Fragen, die jeden Menschen betreffen. Also es geht darum, deswegen das Stichwort Unterbrechung: Was ist im eigenen Leben eigentlich das Letzte? Und was ist das Vorletzte? Was kann ich lassen? Und wo geht es, salopp gesagt, um die Wurst? Wo geht es ganz zugespitzt um Leben und Tod? Wir Menschen, ob religiös oder nicht, müssen ja jetzt zu uns selbst ein Verhältnis gewinnen. Wir müssen zu unserer Begrenztheit, zu unseren Möglichkeiten, aber auch zu den Widrigkeiten eine Beziehung entwickeln – so oder so.

Und Religion, das ist eine andere berühmte Formulierung, ist etwas, was uns unbedingt angeht. Also, wo es wirklich um das Letzte geht. Ob wir das dann Gott nennen, das ist vielleicht schon viel zu steil gefragt. Aber es könnte hilfreich sein, Abschied zu nehmen von einer allzu simplen Trennung: säkular und religiös. Denn es geht um etwas, was beiden gemeinsam ist. Und das ist die Frage: Wie werden wir und wie bleiben wir Mensch, wie werden wir Mitmenschen, wie werden wir Mitgeschöpf?

Und da wird ja schon seit langer Zeit zum Beispiel in der Wissenschaft und bei sensiblen Zeitgenossen betont, dass wir eine Entschleunigung brauchen. Der Soziologe Hartmut Rosa zum Beispiel, hat darüber ein wichtiges Buch geschrieben und schreibt: Wir müssten mehr resonanzfähig werden füreinander, für das Gleichgewicht des eigenen Lebens im Großen und im Kleinen. Und jetzt wird durch diese vielen notwendig gewordenen Absagen und Streichungen infolge der Corona-Krise auf einmal Zeit freigesetzt. Und die große Frage ist, wie gehen wir damit um? Mir fällt da ein besonderer Ausspruch ein: Das Zeitliche segnen. So sagte man das früher. Und das heißt ja nicht nur am Lebensende, sondern auch mitten im Leben sollen wir die Zeit würdigen. Ist es eine gestaltete Zeit oder ist alles eher ein Zufall, oder ein Unfall? Das normale Leben ist derart hektisch geworden und knapp auf Kante genäht, dass wir jetzt auf einmal wie irritiert sind, dass so viel Zeit da ist. Das ist das eine. Und das andere ist Solidarität. Ich finde es ja wahnsinnig aufregend nicht nur, wie die Wissenschaft alles Mögliche tut, um dieses Corona-Virus zu entschlüsseln, sondern wie viel Hilfsbereitschaft, ähnlich wie in der Flüchtlingskrise, wie viel selbstverständliche Solidarität jetzt vielerorts aufbricht. Schüler engagieren sich und wollen alten Leuten helfen, die Nachbarschaftshilfe und so fort. Auf einmal wird Kreativität freigesetzt, die vorher wie blockiert war, weil jeder in so einem Hamsterrad rotierte und kaum den Nachbarn, geschweige denn die Gesamtgesellschaft und das Gemeinwohl im Auge hatte. Und jetzt müssen wir auf einmal ein bisschen sozialer denken und solidarischer vor allem. Und auch über den nicht nur privaten, sondern auch nationalen Raum hinaus, weil es eben eine Weltgeschichte ist.

Florian Breitmeier:

Das führt natürlich auch noch mal um das, was sie gerade gesagt haben Gotthard Fuchs, mit auch einer Theologie von Johann Baptist Metz zu verbinden, ja doch zu einer „Mystik der offenen Augen“. Also füreinander da zu sein, Nachbarschaftshilfe zu leisten. Aber das bedeutet auch, eine religiöse Motivation konkret werden zu lassen: im Dienst und im Handeln für die Nächste und den Nächsten.

Gotthard Fuchs:

Wir bekommen nun, ähnlich wie in der Ökologiedebatte, neu auf die Tagesordnung geschrieben, dass wir uns in einem Lebenshaus befinden, das wir nicht beliebig einfach umbauen können, sondern in dem es Gutes, aber eben auch Gefährliches, auch Ansteckendes im Positiven wie im negativen Sinne gibt. Und wir können nicht egoistisch oder nationalistisch tun und lassen, was wir wollen, sondern wir gehören alle in einen größeren Zusammenhang. Und in den religiösen Traditionen wird dann irgendwann, wenn man darüber nachdenkt, auch von dem Geheimnis gesprochen, das man Gott nennt. Und das Wort „Geheimnis“ ist ja in Deutschland ein wunderbares Wort. In dem steckt das Wort „Heim“ drin und „Heimat“, aber auch „unheimlich“. Und das, was jetzt geschieht, ist irgendwie schon in dieser ganzen Spannung unheimlich. Aber es öffnet auch neu, den Blick für die Nicht- Selbstverständlichkeit des Daseins überhaupt. Dass es nämlich eine gemeinsame Welt gibt, dass die einigermaßen funktioniert, dass das Gute stärker ist als das Böse, dass wir auch begründet viel Hoffnung haben, mit diesem Virus fertig zu werden. Das setzt ganz neue Ressourcen frei für eine Kultur des Zusammenlebens. Der Konvivialität, wenn man das etwas hochgestochen sagen möchte. Und damit geht es um einen achtsamen Umgang miteinander, um den Abstand zum Anderen, und auch um die Achtsamkeit, wie es ihr oder ihm geht. Wo tue ich jemanden weh? Wo stecke ich ihn an, wo muss ich mich selbst zurücknehmen? Das geht ja dann bis in die kleinsten Alltagsverhaltensweisen hinein und hat damit etwas ungeheuer religiöses, und in dem Sinne geheimnisvolles an sich.

Florian Breitmeier:

Und doch gibt es ja, denke ich, auch verschiedene Sichtweisen auf dieses Feld. Ich sage mal, diese Unterbrechung von der wir eingangs gesprochen haben, die ja vielleicht für Menschen, die im Berufsleben stehen oder damit beschäftigt sind, unter diesen Voraussetzungen den Alltag in einer Familie zu organisieren, für die mag ja eine radikale Unterbrechung durchaus reizvoll sein, wenn es in den nächsten Tagen und Wochen stiller und ruhiger wird und die Aufgeregtheit dieser Tage etwas nach-lässt, und viele dadurch vielleicht mehr zu sich selbst zu kommen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich sehr, sehr viele Menschen, die ohnehin schon allein und einsam sind, deren soziale Kontakte nun noch mehr eingeschränkt werden als vor der Krise, dort tatsächlich dann zu sagen: Na ja, jetzt haben wir die Möglichkeit, auch mal in uns selbst hineinzuhorchen. Was ist dran? Was bewegt mich? Das empfinden ja einsame Menschen vielleicht weniger als eine Chance…

Gotthard Fuchs:

Absolut. Man muss sehr genau schauen, in welchem Kontext, in welchem Zusammen-hang ein Mensch steht. Zum Aufbrechen von tiefer Solidarität in dieser Zeit gehört natürlich auch, dass wir jeder und jedem, die oder der ohnehin schon einsam ist und der es schwer hat mit sich, fertig zu werden, oder mit seinem Schicksal, oder mit seinem Leben hadert, dass wir alles tun, auf solche Menschen zum Beispiel per Telefon akustisch oder konkret zuzugehen und zu sehen, wo läuft jemand vielleicht Gefahr ist zu vereinsamen oder Mutlos zu werden. Da müssen wir helfen. Also, ich möchte auf keinen Fall so verstanden werden, als wäre jetzt das in sich gehen, in jedem Fall immer nur die richtige Lösung.

Diese Empfehlung ist vielleicht mehr an die Hektiker gerichtet, die im Betrieb unterzugehen drohen. Die anderen, die ohnehin schon unter einer Isolierung leiden, und das sind nicht wenige, die tun uns im Blick auf das Gemeinwohl, vielleicht darin auch jetzt neu einen Dienst, dass sie nun gesellschaftlich stärker in den Mittelpunkt rücken. Und dass wir merken, wie sehr wir für die auch da sind, die nicht im üblichen Sinne produktiv sind und funktionieren, weil sie alt sind oder krank. Es kommt neu zur Geltung und zum Erfahren: Leben bedeutet endlich zu leben, da ist ein Wunsch drin: endlich leben, aber eben auch die Erkenntnis, sterblich zu leben und gefährlich zu leben. Diese Utopie, dass wir alle Gefahren uns vom Leibe halten können, auch dieser relative Gesundheitswahn und auch diese Vorstellung: eigentlich müsste es ja Krankheit oder sogar sterben und Tod nicht geben, diese Utopie, die wird durch die Tatsache eines Virus ganz einfach widerlegt. Und wir werden ganz neu mit der Grundfrage zum Menschseins konfrontiert: Wie gehen wir nicht nur mit dem Leben um, wenn es läuft, sondern wenn es blockiert ist? Und wie gehen wir mit dem Tod um? Und erst wenn wir das wieder mit ins Boot kriegen, unseres Denkens und unserer Lebenskultur, dann können wir auch verantwortlich miteinander umgehen. Denn sonst machen sich Egoismen breit, und man möchte andere ausstechen, auf Kosten anderer sich selbst produzieren, erfolgreich sein bis hin zu diesem Wahnsinn, dass ein Präsident wie Donald Trump glaubt, für sich alleine und seine Nation einen Impfstoff kaufen zu können und die Welt zum Teufel gehen lässt. Das sind Gefahren, dass wir wieder in ein fast tierisches Verhalten zurückfallen, der Kampf aller gegen alle, nur um zu Überleben, das ist die Gefahrenseite im negativen Sinn.

Die Gefahr im positiven Sinn ist, dass wir neu entdecken, was Menschsein wirklich bedeutet. Dass wir davon profitieren, wenn wir füreinander da sind und uns dadurch nicht gefährden, sondern dass Liebe und Solidarität, um große Worte zu gebrauchen, die Würde des Menschen ausmachen und nicht der Tanz um das Goldene Kalb des Ego.

Florian Breitmeier:

Gotthard Fuchs, all das lässt einen ja auch Martin Luther denken. An das Spannungsverhältnis von Freiheit und Verantwortung, wenn eben die Freiheit des Einzelnen in diesen Pandemiezeiten doch merklich eingeschränkt ist und zugleich an das Verantwortungsgefühl des Einzelnen für das Gemeinwohl appelliert wird, eben auf Ältere, auf Kranke und auf Schwache Rücksicht zu nehmen. Die Freiheit, wenn man das sinngemäß nach Martin Luther sagen will, die Freiheit eines Christenmenschen selbstbestimmt eben den Dienst für den Nächsten zu leisten. In diesen Zeiten hieße das dann eine bewusst distanzierte Nächstenliebe zum Wohl der Gemeinschaft.

Gotthard Fuchs:

Ja, dabei ist ja Martin Luther bei seinem Freiheitsbegriff noch völlig eingebunden in einen starken Gottesglauben. Für ihn ist Freiheit ja nicht gleichbedeutend mit Willkür oder Selbstbestimmung wie das in unserem modernen Sinne der Fall ist, sondern er ist ja noch ganz klar orientiert an den Geboten Gottes. Aber dann in der Französischen Revolution wird Freiheit immer stärker buchstabiert durch Begriffe wie Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Das haben wir oft verlernt oder sehen das nicht mehr. Aber genau das steht jetzt neu, wieder auf der Tagesordnung: Geschwisterlichkeit und Gleichheit. Und dazu gehört natürlich auch mehr Diskretion, vielleicht auch mehr Gespür und Akzeptanz für das Anderssein des Anderen. Nicht erst, wenn er infiziert ist und wenn er sozusagen dann unmittelbar Hilfe braucht, sondern auch schon vorher.

Dieses Taktgefühl, auch bewusst Abstand zu halten, das ist ja auch etwas sehr Kostbares. Wie beim Betrachten eines Kunstwerks im Museum oder im Freien, da halte ich auch Abstand. Das Schöne bringt mich in Abstand und die Krankheit natürlich auch. Ansteckend sein, das kann in positiver und in negativer Hinsicht gemeint sein. Und Freiheit und Selbstbestimmung verlangen eben auch danach, sich einzufügen, auch in eine größere Ordnung. Es ist nicht Willkür, sondern in Freiheit sich binden an das Wohl des Anderen und das Wohl aller anderen. Das ist eigentlich die stärkste Form von Freiheit und nicht: Ich kann machen, was ich will.

Florian Breitmeier:

Wird denn diese Krise auch die Kirchen und die Religion hierzulande verändern? Auf der einen Seite könnte man ja vermuten, es entsteht jetzt durchaus etwas, was auch in der biblischen Tradition schon angelegt ist, nämlich eine zunehmend ortlose Religion. Wo Menschen vielleicht auch über das Internet zusammenkommen, das vielleicht auch dieses Territorialprinzip einer Gemeinde vor Ort, die man eben aufsucht, ganz konkret zu bestimmten Uhrzeiten jedenfalls in dieser Zeit nicht mehr so funktioniert. Sehen Sie da eben auch eine Veränderung?

Gotthard Fuchs:

Es ist ja in der Tat zunächst mal ein Zufall, dass gerade in die Fastenzeit, in die österliche Bußzeit, jetzt diese ganze Corona Geschichte hinein platzt. Das jetzt de facto die Kirchen geschlossen werden müssen, die Kirchenräume meine ich damit, das finde ich gar nicht so tragisch.

Natürlich ist es auch einschneidend. Aber es kann uns daran erinnern, dass ja der eigentliche Kirchenraum, niemals die gebaute Kirche ist oder das Pfarrzentrum, sondern ich selbst und du, und wir. In der Bibel bei Paulus steht zum Beispiel: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ Also der wirkliche Gottesdienst findet ja gar nicht nur – natürlich auch – in den Kirchen statt, sondern der wirkliche Gottesdienst findet im Leben statt, dort, wo wir gottgemäß verantwortungs-voll, liebevoll, solidarisch mit uns selbst und mit anderen umgehen. Zum Beispiel auch mit der Botschaft eine Erkrankung neu zu entziffern. Aber auch die Botschaft erkennen, dass ich noch gesund bin, ist ja auch nicht selbstverständlich. Also eine Kultur der Dankbarkeit. Aber das die Kirchen jetzt auch mal in ihrem Betrieb, unterbrochen werden, das finde ich eher positiv, weil wir dann auch auf dieser Ebene genötigt werden, uns um die Essentials zu kümmern. Und das sind nicht Kirchenangelegenheiten, sondern das ist das Geheimnis Gottes, der uns im Alltag und in der Welt von heute lockt und anruft, dass wir endlich seine Partner sind und seiner Partnerin werden und das wir mithelfen, seine Schöpfung zu bewahren, nicht kaputtzumachen.

Florian Breitmeier:

Und gibt es auch für diejenigen, die jetzt einsam sind und zuhause mit dieser Krise konfrontiert sind, die Möglichkeit, einen Akku zu finden, eine Art Powerbank zu nutzen, um tatsächlich auch durch diese schwierigen Zeiten zu kommen?

Gotthard Fuchs:

Ja, absolut. Denn das Geheimnis, das Geschenk jeder authentischen, großen Religion, – ich bleib da mal bei der christlichen – das Geschenk des Christentums also ist, dass wer glaubt, niemals allein ist. Denn Glauben heißt verbunden zu sein mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen. Das ist ja das verrückte und wunderbare am Glauben, dass wir da nie wirklich allein sind. Einsam schon. Das gehört ein Stück weit auch zu uns. Aber zur Freiheit gehört es auch dazu und der Glaube schenkt da eine Verbundenheit. Das nennt man Beten. Beten kann man überall. Und es ist ein unglaubliches Geschenk, sich von der Gegenwart Gottes, so verborgen sie auch sein mag, angesprochen zu wissen und dadurch im ganzen eigenen Leben, so etwas wie Frieden, Versöhnung zu finden und vor allem auch zu erfahren, dass das eigene Leben nicht umsonst ist und vielleicht auch die jetzigen Einsamkeitsstunden nicht umsonst oder wertlos sind. Ich kann nämlich für andere beten. Dann heißt Beten eben nicht nur: Ich, Ich, Ich. Sondern dann schwinge ich mich ein in das Geheimnis jener Liebe, ohne die die Welt nicht wäre, und die Schöpfung und auch ich als Mensch nicht. Denn die Grundmusik der Schöpfung ist, dass die Welt wieder das wird, was sie von Anfang an eigentlich sein soll, nämlich das Paradies für alle.

Florian Breitmeier:

Am Ende dieses Gesprächs Gotthard Fuchs, kommt mir damit ein Bild in den Sinn. In Italien, dem Land, dass in Europa am stärksten von dieser Pandemie, der Corona-Krise betroffen ist, sind derzeit viele Plakate zu sehen. Menschen, die in Quarantäne sind oder von der Ausgangssperre betroffen, haben diese Plakate sichtbar an die Balkone ihrer Wohnungen gehängt. Darauf steht: Andrà tutto bene, alles wird gut. Ist das auch so eine Heils-Hoffnung-Erwartung, die in diesen Zeiten zum Ausdruck kommt?

Gotthard Fuchs:

Es hängt natürlich sehr vom Kontext ab und von dem Mostgewicht sag ich mal, mit dem dieser Satz gesprochen oder geschrieben wird. Aber wenn zum Beispiel eine Mutter, die ihr Kind, wenn es gestürzt ist, in den Arm nimmt, es streichelt und sagt: “Es wird alles wieder gut“, dann überzieht diese Mutter ja total ihr Konto, denn sie weiß genau, vieles in der Welt ist noch nicht gut, aber sie sagt dem Kind mit Recht: “Es wird alles wieder gut!“ Das ist wie ein Hoffnungssatz, der aber einen Grund hat, also es steckt eine Verheißung drin. „Es wird alles wieder gut“ ist in gewisser Weise tatsächlich der Kernsatz christlichen und biblischen Glaubens. Der kann alltäglich vielleicht ein bisschen lockerer daher gesagt werden. Aber in ihm steckt diese Grunderfahrung, dass das Gute stärker ist als das Böse, und das kein Virus, das letzte Wort haben wird, sondern dass es da in uns Kräfte der Hoffnung, Kräfte der Fantasien zur Überwindung des Schlechten gibt, eben ein Urvertrauen, einen Lebensglauben, ohne den wir gar nicht leben können. Der wird jetzt ganz neu angefragt und kann religiös buchstabiert werden. Und die Kirchen, gerade das Christentum bietet dazu eine Fülle von kostbaren Möglichkeiten, das einzuüben und zu entdecken. Wie gesagt, das Gebet ist eine Möglichkeit, auch das Lesen der heiligen Schriften, das Meditieren, das dankende Wahrnehmen dessen, was schon sehr gut und sehr schön war in meinem Leben, trotz allem. Und all das eingebettet in die Hoffnung: Es wird auch sehr gut. Für Jesus hat es schon sozusagen geklappt. Er ist auferstanden, um es religiös zu sagen. Der christliche Glaube hofft, dass wir alle durch den Tod hindurch zur Gemeinschaft mit dem Gott kommen, mit dem wir schon verbunden sind. Und dann wird alles wirklich sehr gut sein.

*Dr. Gotthard Fuchs, Theologe und Publizist; Arbeitsschwerpunkt: „Geschichte und Gegenwart christlicher Spiritualität und Mystik im interreligiösen Gespräch“ Quelle: NDR-Kultur. Glaubenssachen, Sonntag, 22. März 2020.

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