Fernando Enns: Stärker, Mutiger, Prophetischer – Befreiter!

free at last!

Gewaltfreiheit ist für den Friedensethiker und Theologen Fernando Enns[1] ein Wesensmerkmal des christlichen Glaubens. Verankert in der Glaubenstradition der Mennoniten appelliert er an die Kirchen, Frieden und Gerechtigkeit als einen Auftrag zu verstehen und sich mutiger auch gegen den politischen Mainstream zu stellen. Waffenlieferungen und militärische Einsätze seien theologisch nicht zu rechtfertigen.

Frage: Sie sind Mitglied der Mennonitengemeinde in Hamburg, die Mennoniten zählen zu den Friedenskirchen, was macht eine Friedenskirche aus?

Fernando Enns: Ein Grundmerkmal der Friedenskirchen ist die Ablehnung von Gewalt und die Verweigerung des Kriegsdienstes. Als älteste evangelische Freikirche, entstanden aus der reformatorischen Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts, haben die Mennoniten im Streben der Nachfolge Jesu Formen aktiver Gewaltfreiheit entwickelt. Wir setzen uns für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung mitten in der Gesellschaft ein. Ein Grundsatz lautet: Ein glaubwürdiges und befreites, christliches Lebenszeugnis schließt die konsequente Gewaltfreiheit mit ein. Wir müssen uns von der Hybris, der Selbstüberschätzung befreien lassen, dass durch eigene Gewaltanwendung Gerechtigkeit und Frieden geschaffen werden könnten.

Im Angesicht von Bürgerkriegen, Flüchtlingsströmen, Epidemien und Hungersnöten in der Welt, was bedeutet Frieden für Sie heute?

Frieden ist kein Zustand, der durch scheinbar notwendige Handlungsweisen und Strategien geschaffen wird, Frieden beginnt vielmehr mit einer inneren Haltung. Es geht darum, den Weg des gerechten Friedens zu gehen – gewaltfrei. Mein Friedensbegriff ist ein positiver, der mehr umfasst als die Abwesenheit von Krieg, der darauf schaut, was Frieden schafft, und der nie unabhängig von Gerechtigkeit gesehen werden kann. Es macht mich fassungslos, wenn ich sehe, mit welchem Aufwand wir zu vermeiden versuchen, dass Flüchtlinge zu uns kommen. Das ist ein leichtfertiger Umgang mit Menschenlegen. Wir brauchen einen Perspektivwechsel – weg von der Haltung, dass Schutzsuchende uns etwas wegnehmen. Wir sollten diese Menschen willkommen heißen und als Chance oder Gabe verstehen, auf der ein Segen ruht. Das ist der Weg des Friedens und der Gerechtigkeit. Es bedeutet nicht weniger, als die christliche Botschaft ernst zu nehmen.

Wenn Menschenrechte verletzt werden, sehen viele einen militärischen Eingriff legitimiert. Als mennonitischer Christ lehnen Sie Gewalt grundsätzlich ab – sollen wir einfach nur zuschauen und beten?

Ich bin entsetzt, in welche Richtung sich die Diskussion in Deutschland gerade entwickelt. Es ist viel zu simpel, immer nur das „Entweder – Oder“ zu sehen. “Nichts tun oder militärischer Einsatz“ – als ob es keine weiteren Alternativen gäbe. Selbst kluge Theologen lassen sich auf diese allgemeine Entwicklung ein. Diese scheinbare Alternativlosigkeit kann nicht das letzte Wort behalten. Wir wissen, wo es hinführt, wenn wir Gewalt einsetzen: Die Gewaltspirale wird in aller Regel weiter angetrieben Erst wenn man die Option eines militärischen Einsatzes tatsächlich beiseitelegt und Gewalt nicht mehr in Betracht zieht, dann wird der Blick auch frei für weitere Alternativen. Natürlich tragen wir Verantwortung für Schutzsuchende, aber militärische Eingriffe lassen sich nicht rechtfertigen, weder theologisch noch ethisch, da wir immer auch für jene anderen Verantwortung tragen, die Gewalt anwenden. Wir haben eine Verpflichtung, Menschen zu schützen und Menschen zu helfen, die in Not sind, das ist Konsens. Aber das sagt noch nichts über die Zulässigkeit der Mittel aus. Ich bin für eine internationale Polizeiführung, die unter dem Begriff „just policing“ jetzt auch bei uns bekannter wird. Dies schließt die Erkenntnis mit ein, dass es manchmal nicht ohne Zwang geht. Aber es ist etwas anderes, ob wir von polizeilichem Zwang zum Schutz von Menschen sprechen oder von militärischen Einsätzen. Hier muss es ganz primär um Gewaltdeeskalierung gehen, möglichst ohne Waffen! Gebunden an internationales Recht und die Menschenrechte. Wenn die Weltgemeinschaft – auch die deutsche Politik – dazu nicht den politischen Willen aufbringt, inwiefern meint sie dann, ihrer Verantwortung zum Schutz durch militärische Maßnahmen gerecht werden zu können, in denen sie immer zur Partei wird und damit gerade die Chance vergibt, in Konflikten zu vermitteln und sie wirklich nachhaltig zu lösen.

Auch beim Thema Waffenlieferungen gehen die Meinungen auseinander. Der evangelische Militärbischof Sigurd Rink schließt Waffenlieferungen unter bestimmten Bedingungen nicht grundsätzlich aus – wie antworten Sie theologisch?

Ich staune über die Bereitschaft von deutschen Kirchenleitenden, in das gleiche Horn wie die Politik zu blasen. Kirche sollte gerade hier viel kritischer hinterfragen: Was wollt ihr erreichen? Mit welchen Mitteln? Was ist letztendlich das Ziel? Man kann kein Feuer mit Benzin löschen! Aus dem Neuen Testament lässt sich keine theologische Legitimation solcher Waffenlieferungen herleiten. Denn das sind keine friedensbildenden Maßnahmen. Es gibt wirklich keinen gerechten Krieg – das haben doch inzwischen alle begriffen! Zu den christlichen Kerngrundsätzen gehören doch die Nächstenliebe, auch die Feindesliebe und das allgemeine Tötungsverbot. Leben ist Teil der Schöpfung und bleibt daher für uns unverfügbar, wenn wir die kategorische Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf wirklich achten. 2. Korinther 5 fordert uns auf, „Botschaft der Versöhnung“ zu sein. Das bedeutet, Konflikten nicht auszuweichen, sondern Räume der Versöhnung zu schaffen. Das geht nur gewaltfrei. Die evangelischen Kirchengemeinden aus den jetzigen Krisengebieten im Norden Iraks, die Kontakt zu den Gemeinden in Deutschland suchten, formulierten drei Bitten an uns: Betet für uns, nehmt Flüchtlinge auf und errichtet Schutzzonen. Um Waffen haben sie nicht gebeten.

Welchem gesellschaftspolitischen Engagement sind Kirchen verpflichtet?

Gerade Religionen können und sollen zur Versöhnung und zum Frieden beitragen. Dazu müssen auch die Kirchen viel frühzeitiger auf Missstände reagieren, ökumenische Kontakte nutzen, die Menschen vor Ort einbeziehen und Signale rechtzeitig erkennen und handeln. Nicht erst dann tätig werden, wenn die Politik über militärische Maßnahmen diskutiert, sondern aus sich selbst heraus aktiv sein. Kirchen neigen immer noch dazu, mit dem Mainstream zu schwimmen. Das ist nicht gut. Es ist an der Zeit, das prophetische und das diakonische Amt wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Kirchen müssen politisch konkreter werden und eindeutiger Stellung beziehen. Und wir müssen viel stärker auf die Stimmen hören, die vor Ort sind, auf die leisen Stimmen, die untergehen im Geschrei nach Krieg und Waffen. Diesen Menschen muss Kirche eine Stimme geben. Kirche ist dann glaubwürdig, wenn sie an ihrer ureigenen Botschaft festhält, wenn sie die kritische Stimme ist, gegen jede Ideologie, wenn sie die Menschen im Blick hat, die am Rand stehen. Der Grundsatz der Gewaltfreiheit verändert dabei den Blick auf die Welt, auf das Gottesbild, auf das Kreuzgeschehen und auch auf das Verhältnis zu anderen Religionen.

Was muss sich in unseren Köpfen ändern?

Gewaltfreiheit bedeutet nie Passivität, sondern bedeutet die aktive Suche nach Alternativen. Es wird schwierig, wenn die dominierende Haltung eintritt: „Wir machen uns sowieso schuldig.“ Das sagen Politiker und Kirchenleute und meine damit: Wenn wir nichts tun, werden wir schuldig, und wenn wir militärisch intervenieren, werden wir schuldig. Also können wir auch Gewalt anwenden. Daraus erwächst keinerlei Orientierung. Das läuft geradewegs auf die Gefahr der „billigen Gnade“ hinaus, wie Dietrich Bonhoeffer warnte. Ich bin erschütterter, wenn ich feststelle, dass diese allgemeine Aussage schon ausreicht, um militärisches Handeln zu befürworten, und auf diese Weise so leicht in Kauf genommen wird, dass Menschen getötet werden und zum Töten ermächtigt werden sollen.

Friedenskirchen unterstützen auch Projekte vor Ort, zum Beispiel durch Christian Peacemaker Teams, was machen diese Gruppen genau?

Es sind Teams ausgebildeter Freiweilliger, die in Konfliktgebieten mit lokalen friedensstiftenden Gruppen zusammenarbeiten, zum Schutz und ohne Waffen. Es geht darum, die Menschen nicht im Stich zu lassen, sie zu unterstützen, dabei hilft manchmal auch schon ein ausländischer Pass. Als neutrale, nichtaggressive Person ist es oft einfacher, die Konfliktparteien zusammenzubringen. In Kolumbien habe ich zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass allein meine Präsenz und meine Nationalität etwas Neues bewirken konnte. Grundsätzlich geht es bei allen friedensbildenden Maßnahmen um drei Schritte: Prävention von gewaltsamen Konflikten – gewaltfreie Intervention und die Nachsorge von Konflikten: Gerechtigkeit im Sinne von Heilung und Versöhnung ermöglichen. Darin sehe ich unsere Verantwortung!

In Amsterdam sind Sie Professor für (Friedens-)Theologie und Ethik – was macht ökumenische Friedensethik aus?

Wir betreiben Theologie und theologische Ethik in einem ökumenischen Geist, im ständigen Dialog mit allen anderen christlichen Traditionen und Kirchen, in verschiedenen Kontexten. Wir suchen aber auch die Einsichten der anderen Religionen, mit ihren Stärken und Gaben. Ökumenische Friedensethik heißt, weltweit Christen und Menschen anderen Glaubens in ihrem jeweiligen Kontext wahrzunehmen, von ihnen zu lernen. So erschließen sich neue Perspektiven und Alternativen, die im eigenen Kontext allein nicht entdeckt werden könnten. Diese Beziehungen bewahren uns vor einem zu ängstlichen Bewahren des Eigenen, auch vor Fundamentalismen und Selbst-Rechtfertigungen. Es bedeutet, die Bedürfnisse der anderen tatsächlich auch wahrzunehmen.

Der Ökumenische Rat der Kirche hat nach der Dekade zur Überwindung der Gewalt jetzt einen Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens ins Leben gerufen. Was ist  damit gemeint?

Mehr noch als in der vergangenen Dekade, die schon viel bewirkt hat, wollen die Kirchen der Ökumene einen Bewusstseinswandel anstoßen. Mindestens zwei starke Impulse gehen davon aus: Frieden und Gerechtigkeit als Prozess zu begreifen und unsere spirituellen Wurzeln für die Friedensbildung stärker wahrnehmbar und erlebbar zu machen. Ersteres bedeutet, dass unsere Schritte, die wir im Glauben gehen, selbst schon gerecht sein müssen. Das kann damit beginnen, uns bewusst zu werden, wie sehr wir selbst in Gewalt verstrickt sind. Dazu zählt auch Gewalt in der Sprache. Sprache verändert Wirklichkeiten und entschiedet somit über den Wert oder die Geringschätzung von Menschen –was zur Gewaltanwendung verführt.

Und es geht um unsere Verhaltensmuster: Wie kann ich verzeihen? Wie kann ich Vergebung gewähren? Traue ich der Empathie, der Liebe und dem Respekt mehr zu als dem Hass und der Gewalt? Der zweite Impuls bietet Anlass, auch von unseren orthodoxen und römisch-katholischen Glaubensbrüdern und –schwestern zu lernen. Wir finden Halt in einer gelebten Spiritualität, und das stärkt unsere Haltung der Gewaltfreiheit. Auch die Kraft des Gebets kann neuentdeckt werden: Beten bedeutet ja nicht nur bitten, sondern die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung der gegenwärtigen Situation in der Stille oder gemeinsam mit anderen in der Zwiesprache mit Gott verändern zu lassen. Das kann meine Entscheidungen nachhaltig verändern, mich von manchen Alternativlosigkeiten befreien.

Noch sechs Monate bis zum Kirchentag in Stuttgart, welche Impulse wünschen Sie sich von dort?

Ich wünsche mir, dass Kirchentag nicht nur den Repräsentanten aus Politik, Gesellschaft und Kirche ein Forum bietet, sondern vor allem Betroffene zu Wort kommen lässt.  Kirchentag ist ein idealer Raum für die Anwaltschaft von Menschen, die am Rande stehen, die sonst keine Stimme haben. Die Entwicklungen der letzten Jahre machen mich nachdenklich. Kirchentag darf nicht als Bühne fürs Schaulaufen von Prominenten ausgenutzt werden und große Säle nur durch bekannte Namen füllen wollen. Wenn der Personenkult wichtiger wird als die inhaltliche Auseinandersetzung mit entscheidenden gesellschaftlichen Fragen, dann geht das in die falsche Richtung. Ich schätze den Kirchentag als Thinktank, als einen ökumenischen Raum, auch für Menschen aus anderen Ländern und für Themen, die von der Basis kommen. Ich freue mich auf eine prophetische, kritische Auseinandersetzung mit ganz unterschiedlichen Akteuren, zu aktuellen Fragen, geprüft an der Wirklichkeit. Vielleich wird Stuttgart ein Meilenstein auf unserem neuen Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens. Das Potential dazu hat der Kirchentag allemal.

[1] Fernando Enns ist Leiter der Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen“ am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg und Professor für (Friedens-)Theologie und Ethik a der Theologischen Fakultät der Vrije Universiteit Amsterdam (VU) in den Niederanden. Seit 1998 ist er Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) sowie Mitglied des Deutschen Ökumenischen Studienausschusses (DÖSTA). Dieses Interview mit der Journalistin Britta Jagusch entnehmen wir der Zeitschrift „Der Kirchentag. Das Magazin“, Ausgabe 04/2014, ISSN 1869-018, Seite 4-7, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Kein Kommentar zu diesem Artikel bisher »

Kommentieren

Erlaubtes XHTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>