Mythos Mittelklasse

Warum der Begriff  Mittelklasse nicht weiterhilft – zumindest nicht in Afrika.

von Henning Melber*

Die Mittelklassen des globalen Südens (ein Begriff, der im Unterschied zu den „Mittelschichten“ die in der aktuellen Debatte gebräuchliche englische Bezeichnung „middle classes“ übernimmt) erhielten vor allem durch die asiatischen `Tigerstaaten´ und deren Trickle-Down-Effekt auf die Sozialstruktur zunehmend Aufmerksamkeit. In den sich rasch industrialisierenden Ökonomien gab es als ergänzenden Nebeneffekt einer rapiden Monetarisierung der Volkswirtschaften eine schnell größer werdende Zahl an Haushalten, deren Einkommen die definierte Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar täglich überstieg. Der ominöse Begriff „Mittelklasse“ wurde Teil des Versuchs, diesen Trend zu quantifizieren und damit indirekt auch zu klassifizieren. Weltbank-Chefökonom Martin Ravallion hatte 2009 für eine Einordnung als Mittelklasse Haushalte in Entwicklungsländern vorgeschlagen, deren Pro-Kopf-Verbrauch sich auf zwei bis 13 US-Dollar täglich beläuft. Nancy Birdsall, die den einflussreichen Think Tank Center for Global Development in Washington, D.C. leitet, drängte 2010 auf eine Verlagerung der Prioritäten von einem „Pro-poor“-Wachstum zu einem „Mittelklasse-Wachstum“ als maßgebliches Ziel einer entwicklungsorientierten Politik. Spätestens seit dem Bericht über die menschliche Entwicklung 2013 des UN-Entwicklungsprogramms geistern die Mittelklassen endgültig als Hoffnungsträger durch Teile der entwicklungspolitischen Diskussion.

Tatsächlich bleibt das Mittelklasse-Konzept ein höchst dehnbarer Begriff: Ravallion gesteht wenigstens ein, dass seine Definition heikel ist, da die Anfälligkeit einer solchen Mittelklasse für den Rückfall in die Armut offenkundig sei – schließlich lebt ein Sechstel der Bevölkerung in der sich entwickelnden Welt mit zwei bis drei US-Dollar täglich. Raphael Kaplinsky von der britischen Open University veranlasste dies in seinem Vortrag auf der EADI-Konferenz im Juni 2014 zu der Bemerkung, dass wohl alle, die nicht am (ver-)hungern sind, nunmehr als Mittelklasse gelten.

Was ist afrikanische Mittelklasse?

Auf afrikanische Verhältnisse wurde die Debatte maßgeblich von der African Development Bank (AfDB) übertragen. Sie nahm 2011 zwei US-Dollar pro Tag als Bezugspunkt, um mit 300 Millionen Afrikanern ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents zur Mittelklasse zu erklären. Ein Jahr später gar bezifferte sie die Mittelklasse auf 300 bis 500 Millionen Menschen und bezeichnete diese als Schlüsselfaktor. Es erfordert eine gehörige Portion Fantasie sich auszumalen, wie sich ein Lebensstandard bei einem derart mickrigen Einkommen gestaltet, um der Bezeichnung Mittelklasse gerecht zu werden. In den meisten städtischen Gebieten des Kontinents liegen die Lebenshaltungskosten was Güter des täglichen Bedarfs angeht kaum unter denen vergleichbarer Gegenden anderswo. Dies wiederum stärkt die Zweifel, dass eine solcherart definierte Mittelklasse tatsächlich eine Pionierrolle in der Neu- und Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse hin zu größerer sozialer Gerechtigkeit und weniger Ungleichheit spielen könne.

Ebenso problematisch wie diese Zahlenspielereien bleibt auch das analytische Defizit, das verbindlichere Definitionsversuche jenseits der Quantifizierung von monetärem Mindesteinkommen kaum erlaubt. Berufsausübung oder sozialer Status, kulturelle Normen und mit Lebensstil verknüpfte Attribute sowie politische Orientierungen und Einflussnahme werden nur selten hinreichend thematisiert. Mehr Vorsicht bei der allgemeinen Zuweisung von Eigenschaften, Einstellungen und Handlungspotenzial von Mittelklassen ist allemal geboten. Wie Antoinette Handley betont, erfordert eine Mittelklasse kollektive Identität (einst Klassenbewusstsein genannt), um im Sinne von politischer und wirtschaftlicher Neugestaltung zu handeln. Als eine Klasse sollte sie sich zur gemeinsamen Verfolgung ihrer Interessen organisieren und diese dabei idealerweise in Einklang mit denen der weiteren Gesellschaft bringen. Laut Handley eine ziemlich anspruchsvolle Erwartung.

Fortschritt durch Mittelklassen?

Die weit verbreitete Annahme, dass Mittelklassen per definitionem eine positive Rolle bei der Entwicklung afrikanischer Gesellschaften (oder auch anderswo) spielen, bestätigt sich bei genauerer Prüfung sowohl hinsichtlich der wirtschaftlichen wie auch der politischen Auswirkungen bislang nicht. Auch die Geschichte hat eher Beispiele für die opportunistische Positionierung von Angehörigen einer Mittelklasse parat. So finden sich kaum Anhaltspunkte, dass afrikanische Mittelklassen quasi zwangsläufig ein ökonomisches Wachstum fördern. Eher sind sie deren Ergebnis. Wachstum hängt weiterhin von Faktoren ab, die nicht zuletzt mit den jeweiligen Ressourcen einer Volkswirtschaft zu tun haben. Zu diesen können, aber müssen nicht Mittelklassen gehören.

In politischer Hinsicht dämpften die Ergebnisse des Afrobarometer Survey überzogene Erwartungen. Umfragen gelangten zu dem Ergebnis, dass Angehörige der Mittelklasse den vergleichsweise weniger Gebildeten nicht zutrauen, verantwortungsvoll zu wählen. Mit steigendem Bildungsgrad neigen Befragte immer mehr zu der Meinung, dass den nicht hinreichend Gebildeten nicht erlaubt werden solle, über die Wahl des politischen Führungspersonals mitzubestimmen. Angesichts solcher Erkenntnisse darf davon ausgegangen werden, dass weder Wirtschaftswachstum noch das Erstarken einer davon begünstigten Mittelklasse automatisch zur Verbreitung demokratischer Werte und der Vertiefung sozialer Sicherheiten auch für weniger privilegierte Bevölkerungsgruppen führt. Häufig gibt es kaum Hinweise auf eine Korrelation zwischen Wachstum und sozialem Fortschritt, wie selbst ein Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds (IWF) von 2013 schlussfolgert. Während im Prinzip Wachstum die verfügbaren Ressourcen für Sozialprogramme erweitern sollte, hängt deren Verwirklichung von einer Reihe politischer und institutioneller Faktoren ab. Die Mittelklasse hat darauf meist nur wenig Einfluss.

Die den Mittelklassen zugeschriebene Rolle als Träger von Modernisierung und sozialem Fortschritt scheint oft einem Wunschdenken zu entspringen. Es korrespondiert mit dem optimistischen Diskurs über Afrika, der unlängst in dieser Zeitschrift von Rick Rowden als „Ende des Mythos“ dekonstruiert wurde. Mittelklassen dienen als Indiz und Beleg für den viel beschworenen Trickle-Down-Effekt, während der Abbau von Bodenschätzen weiterhin seit der Kolonialzeit bestehende Strukturen und Auswirkungen eines ungleichen Tausches keinesfalls überwindet. Angesichts der fortgesetzten Reproduktion alter Abhängigkeitsverhältnisse und Ungleichheiten muss selbst die AfDB zugeben, dass sich die vom Gini-Koeffizienten gemessenen Einkommensunterschiede in den letzten Jahren eher vergrößert haben.

Angesichts der Disparitäten konzediert auch Birdsall, die weiterhin große Hoffnungen in eine wachsende Mittelklasse setzt, dass in vielen Ländern, zumal des globalen Südens, eine politökonomische Analyse am besten zwischen den Reichen mit politischem Einfluss und dem Rest unterscheidet. Doch sie hält weiter an ihrer Einschätzung einer wachsenden Mittelklasse als relevantem, wenn nicht gar entscheidendem Faktor für eine bessere Regierungsführung fest. Zu den dabei zugrunde liegenden Annahmen gehört weiteres wirtschaftliches Wachstum; eine Verringerung der Ungleichheiten; ein größeres Interesse wachsender Mittelklassen an einer rechenschaftspflichtigen Regierung, die auf Kritik reagiert; und die Bereitschaft einer solchen Mittelklasse zu einem Sozialvertrag, bei dem die (bereitwillig) entrichteten Steuern hauptsächlich in kollektive öffentliche Güter fließen, von denen alle – auch die Armen – einen Nutzen haben. Schön wär’s.

Die Grenzen des Mittelklassen-Wachstums

Inzwischen wird selbst das prognostizierte Wachstum afrikanischer Mittelklassen hinterfragt. Neuere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die afrikanische Mittelklasse nicht expandiert. So definiert Credit Suisse im jährlichen Global Wealth Report Mittelklasse ab einem Vermögen von 50 000 bis 500 000 US-Dollar. Diese Summe wird in Purchasing Power Parity (PPP) des IWF übersetzt und beläuft sich dadurch in Südafrika auf ein Mindestvermögen von 22 000 US-Dollar. Während der Bericht einen Anstieg solcher Mittelklassen von 524 auf 664 Millionen Erwachsene zwischen 2000 und 2015 registriert, hat die Zahl der Angehörigen dieser Gruppe seit der Finanzkrise 2007/2008 in Afrika abgenommen. Gleichzeitig nahm die Zahl jener in Afrika zu, die darüber liegen. Die Gesamtzahl solcherart definierter Mittelklasse wird für den gesamten Kontinent auf 18,8 Millionen Menschen veranschlagt (mit fast einem Viertel davon in Südafrika). Neuere Analysen gehen davon aus, dass nicht die Mitte afrikanischer Gesellschaften, sondern die niedriger und höher gelegenen Gruppierungen am stärksten wachsen. Ein Bericht des Pew Research Center von 2015 stellt fest, dass Länder Afrikas einige der dramatischsten Rückgänge in Armutsraten zwischen 2001 und 2011 zu verzeichnen hatten, dass aber nur wenige Länder einen nennenswerten Zuwachs an Verdienenden mit mittlerem Einkommen hatten. Der kanadische Statistik-Skeptiker Morten Jerven bemerkte unlängst, dass wir keinesfalls eine Pyramide haben, die in der Mitte anschwillt, sondern Gesellschaften, in denen die Bestverdienenden reicher werden.

Inzwischen wird selbst das prognostizierte Wachstum afrikanischer Mittelklassen hinterfragt

Um die eher schwindende Kaufkraft einer längst nicht wie erhofft wachsenden Mittelklasse sorgen sich auch international operierende Wirtschaftsbranchen und Unternehmen. Auf Konsumgüter und Dienstleistungen spezialisierte multinationale Konzerne haben aufgrund neuerer Marktforschungen ihre Erwartungen erheblich angepasst und entsprechend reagiert. Nestlé als der größte Einzelakteur der Nahrungsmittelindustrie hat 2015 seine regionale Präsenz in Afrika südlich der Sahara reduziert und die Zahl der Beschäftigten um 15 Prozent verringert. Ein Bericht im Economist, der Zeitschrift die zuvor das Motto „Africa Rising“ und des „Continent of Hope“ popularisierte, konstatierte Ende Oktober 2015 als Titel-Unterzeile: Afrikaner sind hauptsächlich reich oder arm, aber nicht Mittelklasse. Das Ende des Mythos gilt nicht nur für den vermeintlichen Aufstieg Afrikas, sondern auch für die dortigen Mittelklassen.

*Dr. Henning Melber ist Direktor emeritus und Senior Advisor der Dag Hammarskjöld Stiftung in Uppsala sowie Extraordinary Professor am Department of Political Sciences der University of Pretoria und am Centre for Africa Studies der University of the Free State in Bloemfontein, Südafrika.
Quelle: ipg-Journal 17.03.2016

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