Hans Mommsen [1930-2015]: Der Mensch im Griff der Institutionen

Zum Tod von Hans Mommsen [1930-2015] schreibt Arno Widmann*: Der Historiker war in seinem Fach einer der einflussreichsten Forscher.

Hans Mommsen starb am 5. November 2015, am Tag seines 85. Geburtstages. Man horcht natürlich auf, wenn jemand am Tag seines Geburtstages stirbt und nun gar ein Historiker, der auf Daten, auf Chronologie geeicht war.

Aber kaum jemand war so weit weg vom bedeutungsvollen Aufblähen historischer Zahlenspiele. Hans Mommsen hat Generationen deutscher Historiker beigebracht, was Strukturgeschichte ist, wie Bürokratien arbeiten, wie sie es miteinander und gegeneinander tun, wie falsch es ist, die Weltgeschichte als die Geschichte der Taten großer Manner zu betrachten. In seinem umfangreichen Werk gibt es keine einzige Biografie. Hans Mommsen schrieb über die Beamtenschaft im Dritten Reich, über Bergarbeiter, Volkswagen und die Sozialdemokratie und immer wieder unter immer neuen Titeln über den „Weg der Republik von Weimar in den Untergang“.

Zuletzt veröffentlichte Hans Mommsen ein kurzes Nachwort zur Studie eines Nicht-Historikers., des Romanautors Norman Ohler, „Der total Rausch. Drogen im Dritten Reich“. Mommsen zeigt sich sehr beeindruckt von der Arbeit Ohlers. Erstmals mache dessen Buch die Vorgänge im Herbst 1941 begreiflich: „Eindrucksvoll zeigt Norman Ohler, wie das Führerhauptquartier immer führungsunfähiger wurde – und Hitler einen Prozess der Selbstausschaltung in Gang setzte.“

Dann kommt der Satz, der sehr viele sagt über den Gang der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung:

„Es ist dies eine äußerst beunruhigende Exploration,
wie Weltgeschehen durch medizinische Trivialitäten gesteuert werden kann.“

Sein Nachwort endet mit dem Satz: „Dieses Buch ändert das Gesamtbild.“

Hans Mommsen war nicht irgendein Professor für moderne deutsche Geschichte. Er war einer der einflussreichsten Männer seines Faches. Es ist wohl nicht übertrieben, dass er von seinem Lehrstuhl in Bochum aus viele Jahre lang über ein Gutteil der bundesrepublikanischen Erforschung der NS-Geschichte ein gewaltiges Wort mitzubestimmen hatte.

Es gehört zu seinen großen Verdiensten, auch die NS-Geschichte nicht als die Tat eines verrückten Einzelnen betrachtet zu haben. Das Interagieren der verschiedenen Institutionen, die Art und Weise der „Gleichschaltung“, deren grenzen und Widersprüche – das interessierte ihn, dafür gelang es ihm Interesse zu wecken, nicht nur an den Universitäten, sondern immer wieder auch bei einem größeren Publikum.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde wenig über den Nationalsozialismus geschrieben. Desto mehr über Adolf Hitler. Mommsen, Urenkel des berühmten Theodor Mommsen, sah zusammen mit seinem Zwillingsbruder Wolfgang darin den Versuch der Mitläufer und Mittäter, sich freizusprechen von den Nazi-Verbrechen. Hitler und eine klein Gruppe sollte gewissermaßen das deutsche Volk gekapert und in den Untergang geführt haben. Mommsens eigene und die von ihm initiierten Forschungen zeigten, wie sehr falsch dieses Bild war. In vielen Untersuchungen wurde sehr deutlich, dass es nahezu keine Institution gegeben hatte, die sich dem Nationalsozialismus zu jedem Zeitpunkt in den Weg stellte.

Damit wollte Mommsen nicht pauschal alle Deutschen als Mittäter verurteilen. Hans Mommsen ging vielmehr davon aus, dass die Arbeit des Historikers in erster Linie im Erkennen, Beschreiben und Analysieren der Mechanismen der Machtentfaltung bestand. Er ging davon aus, dass es für die Einzelnen immer wieder Spielräume gab, sich diesen Mechanismen entgegenzustellen oder sich zu entziehen. Ein Historiker durfte indes nicht übersehen, wie eng diese Spielräume in totalitären Regimen oft waren. Er betonte das, als es um sehr nazifreundliche Passagen in einem Buch seines Vaters Wilhelm Mommsen ging.

So recht Hans Mommsen hatte, als er die Entlastungsfunktion der Konzentration der Forschung auf Adolf Hitler monierte, so sehr wundert einen dann doch, dass er zuletzt von der Vorstellung beunruhigt wurde, „wie Weltgeschehen durch medizinische Trivialitäten gesteuert werden kann.“ Jedem, dem klar ist, dass Geschichte nicht von Institutionen, sondern von Menschen in Institutionen gemacht wird, den wird die Rolle von „medizinischen Trivialitäten“ nicht überraschen können. Dir Rolle der Schwarzen Pest oder die der Grippewelle nach dem Ersten Weltkrieg zeigen das ebenso wie die vielen Fälle von Herrscherwahnsinn – oder eben der Drogenkonsum Adolf Hitlers.

Hans Mommsens Schreck zeigt, dass sein Bild von der Geschichte doch weitgehend auskam ohne Fleisch und Blut der wirklichen Menschen. Ohne ihre Gier, ihren Hass. Der alte Hans Mommsen scheint sich noch einmal gehäutet und von den Institutionen zurück auf die Menschengesehen zu haben.

*Arno Widmann, Der Mensch im Griff der Institutionen, in: FrankfurterRundschau (FR) 7./8.11.2015, 37.

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