JUGEND: `Generation Z´ und die Revolution der Lesekultur

KINDER UND JUGENDLICHE, DIE IM NEUEN JAHRTAUSEND GEBOREN WURDEN, GELTEN ALS `GENERATION Z´. Jugendliche sind die größte Zielgruppe für zeitgenössische Literatur im heutigen Südafrika. Seit dem Ende der Apartheid hat sich die südafrikanische Jugendliteratur stark verändert. Sandra Stadler* verfolgt die Entwicklung seit geraumer Zeit und bespricht ihre Erkenntnisse in einem aufschlussreichen Beitrag, den sie 2014 veröffentlichte, den wir  an dieser Stelle gerne zur Diskussion empfehlen:

Die meiste Kinder- und Jugendliteratur wird nach wie vor in Afrikaans publiziert. Englischsprachige Kinder- und Jugendliteratur erreicht den zweithöchsten Umsatz und versteht sich als Mittler und Medium, das gerade wegen ihrer heterogenen Leserschaft Vielfalt (vor)leben kann. Zwar hat Belletristik in den anderen Nationalsprachen insgesamt eine geringere Bedeutung, dennoch waren 2011 alle 81 Bücher, die in einheimischen Sprachen veröffentlicht wurden, Kinder- oder Jugendbücher.

Beginn einer Leserevolution

In Südafrika gibt es keine Lesekultur, so lautet ein Glaubenssatz, der bis heute im In- und Ausland vertreten wird. Bis vor kurzem entsprach er auch weitgehend der Realität. Die Mehrheit der Südafrikaner liest wenig, auch die Auswahl an neueren Titeln war mitunter begrenzt. Seit den 1970er Jahren wurde die Jugendliteraturszene vor allem durch Buchwettbewerbe am Leben gehalten, da Schriftsteller auf dem regulären Buchmarkt kaum einen Verdienst erzielen konnten. Literarische Texte wurden aber nicht nur im Inland begrenzt wahrgenommen, auch die Außenwirkung südafrikanischer Werke blieb in den meisten Fällen gering. Zwar gab es im Ausland durchaus Interesse, jedoch waren viele Titel außerhalb Südafrikas nicht erhältlich.

Diese Probleme bestehen bis heute. Lediglich ein Bruchteil der Kinder- und Jugendliteratur Südafrikas wird auch in den USA oder Europa verlegt. Nach wie vor publizieren die Verlagshäuser Großbritanniens die meisten Werke: Fanie Viljoen („Mindf**k“, „Scarred Lion“) oder Joanne Hitchens („Stained“) veröffentlichten ihre Texte zum Beispiel in der Cutting Edge-Reihe von Ransom. Edyth Bulbring brachte ihre erfolgreiche „Melly, Fatty and Me“-Trilogie unter einem anderen Titel beim englischen Verlag Hot Key Books neu heraus.

Es gibt nur wenige deutsche Übersetzungen südafrikanischer Titel. Lutz van Dijk ist der prominenteste Vertreter südafrikanischer Jugendliteratur in Deutschland (u.a. „Themba“, „Romeo“ und „Jabulile“). Weitere ins Deutsche übersetzte Texte sind beispielsweise „Die Farben der Freundschaft“ und „Im Jahr des Honigkuckucks“ von Linzi Glass, „Im Schatten des Zitronenbaums“ von Kagiso Lesego Molope, „Der Tag der Krokodile“ von Michael Williams oder „Tommy Mütze“ von Jenny Robson.

Mit dem neuen Jahrtausend begann Südafrika ein neues Zeitalter und wir erleben gerade den Anfang einer Leserevolution. John van de Ruits „Spud“-Romanreihe, die zwischen den Jahren 2005-2012 in Südafrika erschien und teilweise sogar verfilmt wurde, ist ein schillerndes Beispiel für den erfolgreichen Wandel der Literaturszene. Der Erfolg von „Spud“ kann durchaus mit dem Harry-Potter-Phänomen ab 2000 verglichen werde – mit der Ausnahme, dass in den „Spud“-Büchern keinerlei Zauberei vorkommt.

Erst Anfang dieses Jahres wurde „Spud“ (=Spitzname für einen Spätzünder) von den Bibliothekaren Südafrikas zu einem der zwanzig besten und wichtigsten Bücher nach dem Ende der Apartheid gewählt. Die „Spud“-Reihe brach alle bisherigen Verkaufsrekorde in Südafrika, und van de Ruit ist wohl einer der wenigen Autoren des Landes, die tatsächlich vom Schreiben leben können.

Die Bücher sind im Tagebuch-Format verfasst und spielen im Südafrika der frühen 1990er Jahre. Sie erzählen die Geschichte eines weißen, aus der unteren Mittelschicht stammenden Jungen, John „Spud“ Milton, während seiner Zeit im Internat. Auf humoristische und erstaunlich unverblümte Weise thematisieren sie den Alltag und die Lebenserfahrungen von Internatsschülern. Der riesige Erfolg der Reihe in Südafrika – und partiell auch in Großbritannien und Skandinavien – begründet sich zum einen darin, dass auch viele Erwachsene die Romane lesen. Sie fühlen sich dadurch in ihre eigene Jugend zurückversetzt.

Internate sind sowohl in Südafrika als auch in England Institutionen, die die Entwicklung der jungen Generation stark prägen. Zum anderen gelingt es van de Ruit, die Umbruchphase zwischen dem alten und dem neuen Südafrika mit Hilfe des jugendlichen Ich-Erzählers aus einer erfrischend anderen Perspektive zu betrachten: Dieser literarische „comic relief“ führt beim Leser zu einer Auflockerung, die eine kritische Neubetrachtung der immer noch sehr präsenten, weil so traumatischen Vergangenheit ermöglicht.

Heterogenität und Themenvielfalt

Die Literaturszene hat sich stark verändert: Vor allem thematisch wurden neue Wege beschritten. Die in den Jugendromanen der letzten Dekade am häufigsten bearbeiteten Probleme sind der Tagespolitik erstaunlich ähnlich:

So geht es beispielsweise um Xenophobie, das Fehlen von erwachsenen Vorbildern, den Mangel an Vaterfiguren bei gleichzeitigem Fortbestehen des Patriarchats in vielen Teilen der Gesellschaft und die Gefahr von HIV/Aids.

Auch die weiterhin bestehende Trennung zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen bzw. ethnischen Gruppen wird angesprochen. Die literarischen Texte von Patricia Schonstein Pinnock („Skyline“), Sifiso Mzobe („Young Blood“) und S.A. Partridge („Dark Poppy’s Demise“), die alle auf Englisch schreiben, liefern Ansätze, wie heutige sozio-ökonomische Trennlinien überwunden werden können. Der jungen Generation kommt hier die wichtigste Rolle zu: Sie kann Barrieren in den Köpfen überwinden und Vermittler zwischen Traditionen und neuen Entwicklungen sein.

Ein weiterer Grund für die Themenvielfalt ist die größere Heterogenität der Autorinnen und Autoren, die Jungendliteratur verfassen. Von einer Dominanz weißer Schriftsteller kann inzwischen keine Rede mehr sein. Sifiso Mzobe („Young Blood“, 2010), Kopano Matlwa („Coconut“, 2007) und Kgebetli Moele („Untitled“, 2013) sind nur drei der gefeierten schwarzen Autoren, die im globalen und multimedialen Zeitalter den Roman als ihre Ausdrucksform erfolgreich (wieder-)entdeckt haben.

Veränderte didaktische Intentionen

Jugendliteratur folgt seit jeher auch didaktischen Intentionen. Die Vorstellungen, welche Didaktik allerdings die richtige ist, haben sich seit dem Ende der Apartheid verändert. Nach 1994 war die erste Intention die Propagierung einer Regenbogennation. Schnell stellte man jedoch fest, dass es in einer Demokratie nicht mehr darum gehen sollte, bestimmte politische Botschaften zu propagieren, sondern sie stattdessen zu leben. Damit richtete sich der Fokus auf das Erzählen individueller Geschichten.

Eine Antwort auf die Frage nach der „richtigen“ Repräsentation der Gegenwart fanden die Schriftsteller im Realismus. Sie adaptierten die in anderen Ländern bereits etablierten Gattungen, wie den problemorientierten Jugendroman, und passten ihn ihrem speziellen sozialen Kontext an. Beispielsweise behandeln die Romane von Zachariah Rapola (z.B. „Stanza’s Soccer World Cup“), Sarah Britten (z.B. „The Worst Year of My Life – So Far“) oder Fiona Snyckers (z.B. „Team Trinity“) die alltäglichen Probleme von Teenagern in einer demokratischen Gesellschaft innerhalb spezieller südafrikanischer Rahmenhandlungen.

Dezidiert südafrikanisch

In der englischsprachigen Jugendliteratur des Landes entstand auch ein dezidiert südafrikanisches Science-Fiction-Genre: Hierzu zählen Lily Hernes „Mall Rats“-Trilogie, „Moxyland“ von Lauren Beukes, „Remembering Green“ von Lesley Beake und „Savannah 2116 AD“ von Jenny Robson. Dieser neue Trend unterstreicht den allgemeinen Drang und den Wandel in Bezug auf das Um-Schreiben der tagespolitischen und vor allem sozioökonomischen Ereignisse.

Lange schien das Schaffen einer Lesekultur in Südafrika ein unerreichbares Ziel. Erst das Umdenken von Nichtregierungsorganisationen [NRO] wie FunDza oder Unternehmen wie Paperight, die das Buchformat neu interpretieren, ermöglichte eine Revolution. Paperight ist ein südafrikanischer Print-on-Demand-Service. FunDza erreicht Jugendliche heute dort, wo sie sich am häufigsten aufhalten, nämlich online und/oder verbunden mit ihren Mobiltelefonen.

Die Social-Media-Seiten der NRO haben über 20.000 Zugriffe pro Tag. Dadurch, dass FunDza seine Texte (z.B. die „Harmony High“-Reihe oder die „Siyagruva“-Reihe) in gebundener Buchform und als e-books veröffentlicht, die Jugendliche auf ihren Smart-phones lesen können, haben sie den zuvor oft aus monetären Gründen beschränkten Zugang zu südafrikanischer Literatur für die jungen Südafrikaner revolutioniert.

Während die gedruckte Version eines Buches in Südafrika zwischen R 80 und R 300 kostet, können die mobilen Textversionen kapitelweise für je 15 Cent gekauft werden, sodass ein ganzes Buch nicht mehr als R 20 (ca. 2 Euro) kostet. Diese Kombination aus Publikationsinnovationen und thematischer Neuorientierung deutet derzeit auf eine viel versprechende Zukunft des südafrikanischen Marktes für Jugendliteratur.

>> *Sandra Stadler, [2014] wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Regensburg, verfasst ihre Doktorarbeit über Südafrikas Jugendliteratur im 21. Jahrhundert.

Quelle: afrika süd 3|2014

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