ZEITDOKUMENT: Ziviler Ungehorsam

Allan Boesak*:
Offener Brief an Justizminister Schlebusch [24. August 1979]

Auf der Jahreskonferenz des Südafrikanischen Kirchenrates (SACC) im Juli 1979 hatte der damals 33-jährige Theologe Allan Boesak in seinem Referat das Thema des zivilen Ungehorsams angeschnitten. Sein Appell wurde von der Konferenz in zwei Resolutionen aufgenommen. Wenige Tage später reagierte der für die Justiz zuständige Minister im Apartheidstaat Alwyn Schlebusch in scharfer Form, was allgemein als Angriff gegen den SACC und als Drohung insbesondere gegen Allan Boesak aufgefasst wurde.

In einem Offenen Brief vom August 1979 nahm Boesak dazu Stellung und begründete den Widerstand der Kirche gegen die Apartheid. Seinen Offenen Brief rufen wir auszugsweise in Erinnerung und stellen ihn erneut zur Diskussion:

JOHANNESBURG, 24. August 1979

Sehr geehrter Herr Minister!

… Ihre Regierung hat durch ihre Sprecher oftmals im Ton der Warnung erklärt, dass Kirchenmänner „sich aus der Politik heraushalten“ sollten. Aber gleichzeitig sind es Ihre eigenen Kabinettskollegen, die die Kirchenleute in einen politischen Dialog einbeziehen wollen. Der einzige Schluss, den ich daraus ziehen kann, ist, dass Sie keinen prinzipiellen Einwand gegen die Teilnahme von Geistlichen an der Politik haben – solange das unter Ihren Bedingungen geschieht. Mir scheint dieser Standpunkt weder haltbar noch ehrlich zu sein.

 Mit einer solchen Haltung verleugnen Sie Ihre eigene Geschichte. Waren die Führer der [afrikaanssprachigen Weißen = der Buren] in ihrer schwierigsten Epoche nicht Kirchenmänner? War die Kirche der [afrikaanssprachigen Weißen = der Buren] nicht, selbst im anglo-burischen Krieg, mitten in der Auseinandersetzung? Warum lehnen Sie denn heute mit einer Art politischem Pietismus ab, was Sie gestern und vorgestern mit Dankbarkeit ins Herz geschlossen hatten?

Aber verehrter Herr, bei Ihrer Warnung steht mehr auf dem Spiel. Was auf dem Spiel steht, ist das überaus schwierige und heikle Problem des Gehorsams des Christen gegenüber dem Staat. Mir liegt daran, dass Sie verstehen, dass ich zu zivilem Ungehorsam aufgerufen habe als Christ in der Nachfolge anderer Christen. Es überrascht mich, dass einige in diesem Aufruf eine Anstiftung zur Gewalt sehen wollten. In Wirklichkeit meint er gerade eine Alternative zur Gewalt. Ich suche diese Alternative eben deshalb, weil ich nach wie vor den Weg der Gewalt nicht als den gebotenen Weg sehen kann … Im übrigen habe ich nach meiner Überzeugung nichts anderes getan, als mich einzureihen in die reformierte Tradition.

Aber wesentlich ist das Folgende: Es ist meine Überzeugung, dass für den Christen Gehorsam gegen den Staat oder irgendeine Autorität immer zusammenhängt mit dem Gehorsam gegen Gott. Das bedeutet: Gehorsam gegen menschliche Institutionen ist immer relativ. Menschliche Institutionen können nie dieselbe Autorität beanspruchen wie Gott. Menschliche Gesetze sollten immer dem Wort Gottes unterworfen sein, so wie Christen es verstehen. Nicht einmal Gott erwartet von seinen Kindern blinden Gehorsam

Über die Jahre ist mir klar geworden, dass Ihrer Regierung genau diese Art eines unbedingten, blinden Gehorsams von den Menschen verlangt. Ich möchte ehrlich mit Ihnen sein: Das kann ich Ihnen nicht geben. Wer an Christus glaubt, hat nicht nur das Recht, er hat die Pflicht, Gott und seiner Gerechtigkeit mehr zu gehorchen als der Regierung, sofern die Regierung von Gottes Gerechtigkeit abweicht.

Im Laufe der Jahre haben fast alle größeren Kirchen die Politik Ihrer Regierung als sündhaft und falsch abgelehnt. Im vergangen Jahr verurteilte meine eigene Kirche, die Holländisch-Reformierte „Missionskirche“ die Politik dieser Regierung als „im Konflikt mit dem Evangelium von Jesus Christus, eine Politik, die den Forderungen des Evangeliums nicht standhält“. Ich stimme mit dieser Feststellung meiner Kirche voll überein. Ihre Politik ist ungerecht, sie beraubt Menschen ihrer elementaren Menschenrechte, sie untergräbt ihre Menschlichkeit. Viele der Gesetze, die Sie verabschieden, stehen im Konflikt mit Gottes Wort. Ihre Politik und die Art, wie sie praktisch umgesetzt wird, steht in diametralem Gegensatz zur Versöhnung zwischen den Menschen im südlichen Afrika.

Einige Gesetze sind anstößiger als andere, und sie sind von den Kirchen verurteilt worden. Jetzt haben die Kirche einen Punkt erreicht, wo sie sagen: Wenn wir Gesetze verurteilen auf der Grundlage des Wortes Gottes, wie können wir dann denselben Gesetzen gehorchen? Ich bin der Meinung, dass Christen vor dieser Entscheidung nicht allein stehen. Die Bibel ist voll von Beispielen für Ungehorsam gegenüber irdischen Mächten, wenn diese Mächte das Wort … Gottes missachten:

Wenn Daniel sich weigert, vor dem goldenen Bild des Nebukadnezar das Knie zu beugen, dann verweigert er den Gehorsam gegenüber dem Gesetz des Königs. Für ihn steht das Gesetz des Königs im Konflikt mit den Geboten seines Gottes. Die Weigerung des Petrus, dem Befehl des Hohen Rates zu folgen, er solle nicht länger von Jesus Zeugnis ablegen, ist das klassische Beispiel des Ungehorsams gegenüber einer irdischen Macht: „Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen …“ [Apostelgeschichte 5,29]

Auch Jesus leistete nicht immer der Autorität des Staates Gehorsam. Er weigerte sich, auf die Frage des Herodes ein Wort zu sagen: „Jesus gab ihm keine Antwort …“ Johannes erzählt uns, dass Jesus den Pilatus an das erinnert, woran seither jeder irdische Träger von Autorität erinnert werden muss: „Du hättest keine Gewalt über mich, wäre diese Gewalt dir nicht von oben herab gegeben.“

Der Punkt, um den es mir geht, ist nicht der „Beweis“, dass der revolutionäre Umsturz des Staates gebilligt werden könnte. Diese Frage liegt auf einer völlig anderen Ebene. Worauf es mir ankommt, ist die Tatsache, dass blinder Gehorsam gegenüber staatlicher Autorität der Bibel fremd ist und dass für den Christen Treue und Gehorsam gegen Gott über alles geht. Lassen Sie mich außerdem bemerken, dass in einem demokratischen Staatswesen die Achse, um die sich alles dreht, nicht die sklavische Unterwürfigkeit des Bürgers ist, sondern seine Mitverantwortung für die Interessen des Staates. Genau das ist es, was Ihre Regierung Millionen südafrikanischer Bürger vorenthält.

*Allan Boesak (1979): Ziviler Ungehorsam. Offener Brief an Minister Schlebusch. In: Wie lange noch? Apartheid als Herausforderung für Südafrikas Christen und Kirchen. Dokumente 1970 bis 1980. Herausgegeben und eingeleitet von Elisabeth Adler (1982). Berlin DDR (Union Verlag) Lizenz-Nr 395/3106/82 LSV 0236. (189-194) [Redaktion: Ben Khumalo-Seegelken]

Ein Kommentar zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »ZEITDOKUMENT: Ziviler Ungehorsam«

  1. […] Khumalo-Seegelken: Praying for the End of unjust Rule Essay in honour of Allan Boesak on his 70th birthday […]

Kommentieren

Erlaubtes XHTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>