Vom „Struggle“

damals

Vom „Struggle“ reden wir, wenn wir jene Zeiten meinen, die davon geprägt waren, dass Du Dich als Mensch schwarzer Hautfarbe im Apartheid-Südafrika tagein tagaus dagegen stemmen und wehren musstest, entmenschlicht zu werden. Wir haben uns gewehrt und wollten uns nicht damit abfinden, dass wir ausgebeutet, gegeneinander ausgespielt und zu Nichtmenschen herabgewürdigt wurden. Fest klammerten wir uns an die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und hatten dabei den längeren Atem.

Mit zwölf Jahren bekam ich mit aller Härte zu spüren, was es hieß, schwarz zu sein im Apartheidstaat Südafrika: Große Kettenfahrzeuge und Lastwagen waren am frühen Morgen des 13. Februar 1963 in unser Dorf KwaBhanya bei Vryheid eingerückt. Es war zum black spot, zum schwarzen Fleck, erklärt worden und sollte ausradiert werden – in einer Region, die das Gesetz nur Weißen zum Grundbesitz vorbehalten hatte. Die weißen Männer in schweren Stiefeln schrien uns an und kommandierten uns herum. Meine Mutter, meine Geschwister und ich wurden aufgefordert, schnell alles, was wir tragen konnten, auf die wartenden Lastwagen zu laden und uns zum Abtransport gleich dazuzusetzen. »Wenn mein Vater hier wäre …!«, dachte ich. Doch Männer im arbeitsfähigen Alter waren alle bei der Arbeit – die meisten weit weg.

Ich habe das noch vor Augen: Flehend und bettelnd versuchten unsere Mütter bis zur letzten Minute die Weißen umzustimmen oder sie wenigstens um etwas mehr Zeit zu bitten. Vergebens! Das Gedröhn der Bulldozer, der gereizte Befehlston und die Kampfausrüstung ließen keinen Zweifel daran, dass wir endgültig weggejagt werden sollten. Bald hockten wir zwischen den wenigen geretteten Habseligkeiten. Vom Lastwagen sahen wir die Planierraupe, die vor unseren Augen das Haus dem Erdboden gleichmachte, das meine Eltern 20 Jahre zuvor mit eigenen Händen errichtet hatten – das Zuhause ihrer insgesamt zwölf Kinder. Sie zündeten das Strohdach an. Flammen, Rauchschwaden und dichte Staubwolken verdunkelten den Himmel. Verstörte Haustiere liefen ziellos durcheinander.

Die Welt meiner Kindheit – das einst so vertraute, schützende Heimatdorf glich der Hölle selbst! Mama hat geweint. Am meisten machte mir zu schaffen, dass sie so hilflos war. Sie, die mich sonst doch immer beschützen konnte. Heute – nach all den Stationen, durch die der Struggle mich geführt hat – wirken Bilder in Ausstellungen über jene Zeit und die Erinnerungen, die sie wecken, fesselnd und aussagekräftig. Sie sprechen mich an, erinnernd und mahnend zugleich. Gleichzeitig empfinde ich sie aber auch als museal – erstarrt, verstaubt, rückwärtsgewandt. Anfangs sind sie für mich oft befremdlich, dann wieder wirken sie anspornend und sind eine Kraftquelle für meinen Weg. Sie halten die Hoffnung wach.

Meine Nichten und Neffen in der Provinz Gauteng können dies heute kaum noch nachvollziehen. Die damaligen Begebenheiten sind der jungen Generation – Gott sei Dank! – nicht mehr ohne weiteres verständlich. Doch gerade das fordert mich auch heraus, die Erinnerungen wieder zu wecken und diese Geschichten an die junge Generation weiterzugeben. Wenn ich heute vor einem dieser Bilder von damals stehe, so ist es, als ob ich die Ruine meiner Geburtsstätte in KwaBhanya besuche, bei den Gräbern meiner Geschwister und meiner Vorfahren verweile und den Erinnerungen ihren Lauf lasse: Ich sehe und rieche den Staub und den Rauch, höre das Getöse, das Jaulen der Tiere und die Schreie von 1963 wieder. Und dann beschleicht mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl, und ich freue mich darüber, dass die Schreckensherrschaft und die Unmenschlichkeit der Apartheid nicht das letzte Wort behielten. So wirken die Erinnerungen, die Bilder und der Besuch meiner Geburtsstätte auf mich heute.

Ben Khumalo-Seegelken

2 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Vom „Struggle“«

  1. Ach, Ben, das ist so bewegend geschrieben. ich voele dein schmerz dief innen mein knochen. traurich ist es heute im langa ,township‘ das leute in solche schlimme behausing wonen, leben. mussen weil sie von landliches armut und arbeitslosigkeit fim stetten fliehen zum arbeitslosichkeit und im obdachlose hutten leben, mit muehl und abfall uberall verstreut. es macht man trauerich solche nachfolge van unser vergangenheit zum beobachten. So viel ist schon gemacht und so viel wartet fuer verbesserung im ihre lebensnormen. ich war am mandelatag dort, und die hoffnungsvolle geist der einwohner had mich erstaunt das sie ihre wurde im solche schreckliche umstande bewahren kan.

    noch traueriche ist es das soviel jungere leute alle hautfarben, hat kein geduld mit geschichte wie deins.

    I admire your strength comrade

    denis

  2. […] „struggle“ reden wir, wenn wir jene Zeiten meinen, die davon geprägt waren, dass du dich als Mensch […]

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