Lutz van Dijk: Ich bin n i c h t Charlie ! – Ein Zwischenruf aus Suedafrika

Keine Freiheit ohne Gerechtigkeit

 Soldaten in Belgiens Strassen, vereitelte Anschlaege auf die Hauptbahnhoefe in Berlin und Dresden, zunehmende Hysterie gegenueber dem Islam… was ist moeglich, um nicht nur jetzt zu de-eskalieren, sondern langfristig fundamentalistischen Terroristen die Stirn zu bieten ?

Ein Zwischenruf aus Suedafrika von Lutz van Dijk. 

  1. Die juedische Philosophin Hannah Arendt formulierte den moralischen Anspruch: Ein Mensch kann einen anderen – im Prinzip – verstehen. Diesen Anspruch aufzugeben wuerde zur Barbarei fuehren. Als sie im beruehmten Jerusalemer Prozess gegen den Nazi-Moerder Adolf Eichmann darauf beharrte, ihn nicht als Monster, sondern als „banalen“ Menschen zu bezeichnen, nahmen ihr dies viele, vor allem in Israel, uebel. Morddohungen waren die Folge. 
  2. In Suedafrika, dem Land, in dem vor 20 Jahren die Diktatur der Apartheid mit friedlichen Mitteln ueberwunden wurde (und in dem ich seit mehr als 12 Jahren in einem Township-Projekt bei Kapstadt arbeite) gibt es noch immer viel Gewaltkriminalitaet aufgrund extremer Unterschiede zwischen arm und reich – jedoch die gegenseitige Achtung und Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen ist vorbildlich: Im Parlament, in Schulen, Krankenhaeusern und Geschaeften und oft auch im nachbarschaftlichen Alltag. Es ist moeglich, nicht nur hier.
  3. So nachvollziehbar der spontane Ausruf „Ich bin Charlie!“ unmittelbar nach den moerderischen Anschlaegen auf Mitarbeiter der franzoesischen Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ in Solidaritaet mit den Opfern ist, so wenig Perspektiven enthaelt er. So bedeutsam Presse-Freiheit prinzipiell fuer Demokratien ist, so wenig traegt es zum friedlichen Zusammenleben bei, wenn wesentliche (hier: religioese) Gefuehle anderer nicht nur einmal verletzt werden, sondern wenn es als besonderes Zeichen der Freiheit erklaert wird, es nun „erst recht“ zu tun. 
  4. Fraglos ist Fundamentalismus immer unmenschlich, weil er menschliche Vielfalt leugnet und in der Konsequenz zu grausamsten Taten in der Lage ist – um das eigene enge Weltbild nicht nur fuer sich selbst zu verteidigen, sondern (und hier beginnt immer das Kriminelle) es anderen aufzuzwingen, egal ob er orientalischen Maedchen Schulbesuch verwehrt oder westlichen Karikaturisten Berufsverbot (und Schlimmeres) erteilen moechte. 
  5. Fundamentalismus hat mit dem Islam genauso viel oder wenig zu tun wie mit dem Christentum. Es gibt heute christliche Fundamentalisten aus den USA, die in mehreren afrikanischen Laendern Lobbyarbeit leisten, um fuer Homosexuelle die Todesstrafe zu erwirken – und islamistische Terroristen bei Boko Haram, die bereits Anders- oder Nichtglaeubige prinzipiell als todeswuerdig erachten. Im Kern gilt: Fundamentalismus hat nichts mit einer der beiden Weltreligionen zu tun, die als zentrale Botschaft beide Naechstenliebe kennen. 
  6. Freiheit wird oft zuerst als Gegenkonzept formuliert, wenn es um den Kampf gegen Fundamentalismus geht. Welche Freiheit? Wir sollten selbstkritisch anerkennen, dass Freiheit in vielen westlichen Laendern in der Tat verkommen ist zum „Faustrecht der Freiheit“ des Staerkeren und darin ebenso weit entfernt ist von der Liberte der franzoesischen Revolution wie von Rosa Luxemburgs klugem Diktum: „Freiheit ist immer zuerst die Freiheit des Andersdenkenden.“
  7. Ich bin nicht der Charlie jener Freiheit, wo der, der die Macht hat, alles bestimmen kann, ohne Ruecksicht auf andere, vor allem auf jene anderen, die sich ohnehin bereits ausgegrenzt oder benachteiligt erleben.
  8. Ich bin der Charlie, der jene Freiheit verteidigt, die auf sozialer Gerechtigkeit (und damit Fairness) beruht und der Grenzen von Presse-Freiheit in Kauf nimmt, wo sie die Gefuehle anderer unnoetig verletzt. Es ist rechthaberisch (und nicht wirklich frei), Karikaturen millionenfach nachzudrucken, die die persoenlichen (hier: religioesen) Gefuehle Millionen anderer, die in diesem Fall dem Koran anhaengen, aus nicht zwingenden Gruenden verletzen. 
  9. Um jedes Missverstaendnis zu vermeiden: Hannah Arendts „Banalitaet des Boesen“ meinte niemals, jemanden wie Adolf Eichmann gewaehren zu lassen und nicht alles zu tun, um solch Handeln, wo noetig, auch mit Gegengewalt zu verhindern, zu verfolgen und zu bestrafen. Auf Dauer erfolgreich ist so eine professionelle Sicherheitspolitik gegenueber gewalttaetigen Terroristen jedoch nur, wenn gleichermassen Achtung gegenueber jenen Millionen Menschen geuebt wird, die einer anderen religioesen Regel friedlich folgen als dies Millionen andere Menschen tun (hier dem Bildverbot Mohammeds). 
  10. Nur mehr soziale Gerechtigkeit – sowohl innenpolitisch als auch international – wird dem gegenwaertig weltweit (auch in Europa und nicht nur im „fernen“ Nahen Osten) eskalierenden Terrorismus mit Erfolg die Stirn bieten koennen. Polizei und Militaer allein, egal wie aufgeruestet, werden nirgendwo Frieden und Freiheit dauerhaft gewaehrleisten koennen. Sie sind notwendig und leisten oft die Arbeit mit dem hoechsten persoenlichen Risiko, aber beduerfen politischer Strategien, die von Weisheit und nicht Rechthaberei bestimmt sind. 
  11. Nur dann kann die Mehrheit der Menschen zu Charlie werden – und nicht ein Teil der Welt gegen einen anderen Teil der Welt.

Kapstadt, am 18.1. 2015

Dr Lutz van Dijk, geboren in Berlin, spaeter Mitarbeiter des Anne Frank Hauses in Amsterdam, lebt und arbeitet seit 2001 in Kapstadt. Im August erscheint sein Buch „Afrika – Geschichte eines Kontinents“ im Peter Hammer Verlag.

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Kommentare zu »Lutz van Dijk: Ich bin n i c h t Charlie ! – Ein Zwischenruf aus Suedafrika«

  1. Eine nötige und berechtigte Intervention – danke!

  2. DANKE für die gute Einordnung, die mein schon tagelanges Unbehagen in Worte fasst.

  3. Vielen Dank! Spricht mir aus dem Herzen!

  4. Vielen herzlichen dank für Ihren klugen, besonnenen und durchdachten Kommentar, Lutz van Dijk! Ich bin gebürtige Südafrikanerin, und kann nur bestätigen, dass wir in SA es wirklich fast beispiellos hinkriegen, Frieden und respektvollen Hingebung miteinander zu leben, trotz Gewalt, der aber nie aufgrund religiöse Unterschiede stattfindet, sondern basiert auf Armut und Ausgrenzung. Es wird in der Presse verschwiegen, dass nach der jetzige Auflage von Charlie Hebdo ( mit schon wieder Mohammed auf der Titelseite) Abertausende Christen in Niger und Nigeria massakriert wurden. Das geschah nur, weil auch der Charlie – Redaktion nicht über den Tellerrand hinausschauen können und sehen welcher Leid solche Aktionen nach sich ziehen. Ja, 12 Journalisten sind in Paris zu beklagen, aber niemand redet von der Leid derjenigen, die geopfert werden.

  5. Yes! Jetzt weiß ich endlich, warum ich seither nicht – wie all die anderen – sagen konnte: ‚ich bin Charlie‘. Vielen Dank, Mr van Dijk!
    Ich hoffe, dass noch ganz viele Menschen Ihre Worte lesen und verstehen worum es wirklich geht…

  6. Ja, auch ich stimme zu, dass man mit Karrikaturen vorsichtig sein muss, Pressearbeit insgesamt trägt eine sehr hohe Verantwortung. Ich sehe auch ein großes Problem in der Polarisierung, wie sie gerne auch und gerade durch die Medien vorangetrieben wird. Die erwähnte Satirezeitung soll sich aber wohl durchaus auch über andere Religionen lustig gemacht haben. Wie weit darf Satire gehen? Werden dabei nicht immer Gefühle verletzt? Politiker werden ins Lächerliche gezogen, die auch eine Persönlichkeit haben und sich durch Karrikaturen verletzt fühlen können. Dabei stellt sich zurecht die Frage, was ist wem/ in welcher Situation zumutbar?
    Ja, wir sollten Vorsicht walten lassen, gerade in der jetzigen Zeit. Auch in der arabischen Welt leben Karrikaturisten, die sich auf ihre Weise über die bestehenden Verhältnisse lustig machen. Zum Beispiel mokieren sie sich über die islamistischen Terroristen, aber Mohammedkarrikaturen sind tabu. In der jetzigen, teils sehr polarisierten Situation finde ich es auch besser, sich daran ein Beispiel zu nehmen und in der Tat die religiösen Gefühle sehr vieler Menschen stärker zu berücksichtigen.

    Nichtsdestotrotz bestehe ich darauf, dass wir Karrikaturisten die Freiheit lassen müssen, auch Karrikaturen anzufertigen und zu veröffentlichen, die für mein Empfinden geschmacklos, verletzend und unpassend sind. Diese Freiheit sollte niemand beschneiden. Die Demonstationen in Paris haben, wie ich finde genau das zum Ausdruck gebracht: Niemand soll versuchen, diese (Meinungs)freiheit in die Knie zu zwingen. Sie soll bestehn bleiben! Was man aus ihr macht, wie genau sie ausgestaltet wird, darüber lässt sich diskutieren und streiten. Aber genau das macht die Freiheit aus.

  7. Ja, es ist schwer einem von einsicht getragenen leben die hand zu reichen und dann auch noch schritt halten zu wollen. Ich bin nicht so mutig zu sagen, daß bange machen nicht gelte. aber wenn jemals der einsichtsblitz von erkennder aufklärung sein scheues licht weltstreifend bei mir vorbei kam, dann hatte und habe ich ähnliche, mutige gedanken, die an den schwierigkeiten, bzw deren lösungen lsut empfinden können.

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