Wer war Nelson Mandela?

Ein biographischer Umriss. Persönliche Bemerkungen und Lesung aus „Langer Weg zur Freiheit.“

Ben Khumalo-Seegelken

Gedenkfeier am Freitag, 20. Dezember 2013, 18:30 Uhr

in der St. Katharinenkirche, An der Hauptwache, Frankfurt/M

http://www.woek.de/web/cms/upload/pdf/kasa/aktuell/2013_12_20_programm.pdf


Ich bitte, dass Sie aufstehen.

Nelson Rolihlahla Mandela verstarb am 5. Dezember 2013 in Johannesburg, Südafrika, im Alter von 95 Jahren. Er wurde in Südafrika und weltweit tagelang öffentlich betrauert. Am 15. Dezember 2013 wurde Nelson Mandela beigesetzt.

Wir gedenken seiner und feiern sein Leben – sein Wirken auf dem langen Weg zur Freiheit!

Danke. Bitte setzen Sie sich wieder hin.

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Ein Bild kommt mir in den Sinn: Der damals 80 jährige Nelson Mandela steht am Redepult vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen – heute vor 15 Jahren. Es ist ein halbes Jahr vor Ende seiner Amtszeit als Präsident der Republik Südafrika. Er erinnert sich:

„Als ich geboren wurde, ging der Erste Weltkrieg zu Ende, und jetzt, da ich mich aus dem öffentlichen Leben zurückziehe, ist schon ein halbes Jahrhundert seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vergangen. Ich habe nun jenen Abschnitt auf einem langen Weg erreicht, wo ich das tun will, was jedem Mann und jeder Frau zustehen sollte: mich zurückziehen und in Ruhe und Frieden in dem Dorf leben, in dem ich geboren wurde.“

Mandela fährt fort:

„Während ich in Qunu, dem Dorf meiner Kindheit und Jugend, sitze und alt werde wie die Hügel dort, hege ich weiter die Hoffnung, dass in meinem Land und meiner Heimat, auf meinem Kontinent und überall auf der Welt eine Riege echter [Führungspersönlichkeiten] die Dinge in die Hand nimmt“, so Madiba weiter, „die nicht zulassen, dass man Menschen die Freiheit verweigert wie uns damals, dass man Menschen zu Flüchtlingen macht wie uns damals, dass man Menschen zum Hungern verdammt wie uns damals, dass man Menschen ihrer Würde beraut wie uns damals.“

Nelson Rolihlahla Mandela. Wer war er?

Aus seiner Kindheit und Jugend erinnert sich Nelson Mandela: „ … ich erfuhr, dass – nach dem Tod meines Vaters – der Regent des Königshauses im Thembuland, Jongintaba, sich erboten hatte, mein Pflegevater zu werden, mich in seiner Familie aufzunehmen, dass ich mit ihnen in seiner Wohnstätte am Großen Platz, eMqhekezweni, lebe. … Der Regent hatte nämlich nicht vergessen, dass er aufgrund der Intervention meines Vaters amtierendes Oberhaupt geworden war.“

Die Kindheit und Jugend in Obhut des Regenten Jongintaba ist Mandela selbst im hohen Alter in dankbarer Erinnerung geblieben:

„Ich wusste, dass ich – anders als die meisten, mit denen ich in der Pubertät in der Initiationsschule gewesen war – später nicht mit Picke und Schaufel in den Minen schuften würde. Häufig hatte der Regent zu mir gesagt: „Dir ist es nicht bestimmt, dein Leben damit zu verbringen, das Gold des weißen Mannes zu schürfen und nicht einmal zu wissen, wie du deinen Namen schreibst.“ Ich sollte Ratgeber für Sabatha, den König, werden, und zu diesem Zweck brauchte ich eine Ausbildung. Meine Pflegefamilie sorgte dafür und scheute dabei keine Mühe.“

Der lange Weg in die Freiheit führt den heranwachsenden Rolihlahla Mandela durch Missionsschulen und Grundstudium hindurch. Der Jugendliche – der junge Mann – wechselt vom Lande in den Bannkreis der Großstadt Johannesburg; er „überquert Flüsse mit uns unbekannten Namen“ – wie man im Land der Thembu zu sagen pflegt -, lernt Menschen kennen und entdeckt Lebensumstände, die ihm zeitlebens nicht mehr loslassen.

Der Protest- und Widerstandsbewegung African National Congress [ANC] war Nelson Mandela 1938 beigetreten. „Ich habe“ so Madiba weiter, „1944 mit Walter Sisulu, Oliver Tambo und anderen die Jugendliga des ANC mitgegründet. Ich organisierte 1952-53 hauptverantwortlich die Defiance Campaign, die Kampagne massenhaften Zivilungehorsams und bewusster Übertretung ungerechter Gesetze, wirkte ebenfalls maßgebend bei den Miet- und Busboykotts der frühen 1950er Jahre mit“. In dem darauffolgenden Jahrzehnt hat Mandela als Stratege und Aktivist die wachsende Welle organisierten Protestes und Widerstandes gegen die Apartheid entscheidend mitgeprägt.

Mandela rückblickend: „Ich wusste ganz klar, dass der Unterdrücker ebenso frei sein muss wie der Unterdrückte. Ein Mensch, der einen anderen Menschen seiner Freiheit beraubt ist Gefangener seines Hasses. Er ist eingesperrt hinter den Gittern seiner Vorurteile und seiner Engstirnigkeit“.

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Der junge Rechtsanwalt Nelson Mandela war 1958 gerade einer Verurteilung im langwierigen Hochverratsprozess entgangen, die für ihn und seine Mitangeklagte Tod durch Erhängen bedeutet hätte, da lernte er nach Scheidung seiner ersten Ehe Nomzamo Winnifred Madikizela kennen. Nelson und Winnie heirateten. Den Eheleuten Mandela standen äußerst herausfordernde Jahre und Jahrzehnte bevor.

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In den 1960er ging ganz Südafrika wie durch die Hölle hindurch: Das Massaker von Sharpeville, die Verhängung des Ausnahmezustandes und das Verbot der Freiheitsbewegung – des African National Congress [ANC] und des Pan Africanist Congress [PAC] – sowie die zunehmende Verschärfung von Maßnahmen zur Verfolgung aller, die die Apartheid in Frage stellten. UMkhonto weSizwe, der Speer der Nation, wurde in dieser Zeit ins Leben gerufen; damit war der bewaffnete Widerstand geboren. Nelson Mandela wirkte maßgebend mit.

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Untertauchen oder ins Exil gehen oder beides: Die Fortsetzung des langen Weges zur Freiheit erforderte Umdenken, neue Schritte und neues Vorgehen. In die Staaten Ost-, West- und Nordafrikas, ja bis nach England führte der Weg des Freiheitskämpfers Nelson Mandela. Kaum in Südafrika zurück: Gefangennahme, Verurteilung und wieder Einkerkerung – diesmal auf Robben Island, der berüchtigten Gefangeneninsel für politische Gegner des Unrechtregimes.

Zum Anklagten Nummer Eins ist Nelson Mandela geworden, als 1964 der Apartheidstaat die Untergrundzentrale der verbotenen Freiheitsbewegung ANC entdeckte und sämtliche dort versammelten Führungsköpfe festnahm. Ihnen wurde mit Mandela zusammen Sabotage zur Last gelegt und sie wurden für schuldig erklärt und verurteilt. [Im Rivonia-Gerichtsprozess] Wieder drohte Tod durch Erhängen.

„ … nicht ich“, erklärte Mandela zur Eröffnung des Verfahrens, „sondern die Regierung [das Apartheidregime] sollte auf der Anklagebank sitzen. Ich bekenne mich nicht schuldig.“ Anstelle einer Verteidigungsrede beschlossen Mandela – der Angeklagte Nummer Eins – und seine Mitangeklagten ein politisches Statement abzugeben. Besonders diese Sätze gingen um die Welt: „Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft und ich habe gegen die schwarze Vorherrschaft gekämpft. Mein teuerstes Ideal ist eine freie und demokratische Gesellschaft, in der alle in Harmonie mit gleichen Chancen leben können. Ich hoffe, lange genug zu leben, um dies zu erreichen. Doch, wenn es so sein sollte, ist dies ein Ideal, für das ich bereit bin, zu sterben.”

27 Jahre sollen vergehen, ehe die Welt das Gesicht jenes jungen Eiferers für Freiheit und Gleichberechtigung wieder sehen konnte. 27 Jahre, in denen das System der Entrechtung und Unterdrückung immer unerbittlicher wütete und nicht einmal vor friedlich demonstrierenden Schulkindern und schutzlosen, enteigneten und vertriebenen Familien Halt machte. 27 Jahre, in denen Nelson Mandela und seine Mitgefangenen und unzählige andere in den Gefängnissen des Apartheidstaates und als politische Flüchtlinge in vielen Ländern der Welt Entbehrung, Zermürbung und oft Gewalt und Folter bestehen mussten und dabei jedoch die Hoffnung auf Freiheit wach hielten. Nelson Mandela ist in dieser Zeit weit über die Grenzen seines Landes hinaus zum Gesicht des Kampfes um Gerechtigkeit und zum Symbol der Sehnsucht nach Freiheit geworden.

„Eines der Probleme, die mich im Gefängnis zutiefst beschäftigten, war das falsche Bild, das ich ungewollt in der Welt verbreitet hatte: Man betrachtete mich als Heiligen. Doch ich war dies nicht, selbst wenn man auf die bodenständige Definition zurückgreift, wonach ein Heiliger ein Sünder ist, der sich zu bessern sucht.”

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Der inzwischen 71-jährige Nelson Mandela, der am 11. Februar 1990 aus jahrzehntelanger Haft neben seiner Ehefrau Winnie aufrecht und mit erhobenem Kopf in die Öffentlichkeit zurückkehrt, wirkt auf seine einstigen Verfolger und Peiniger vergebungsbereit – weder verbittert noch nachtragend. Auf die Unzähligen im Lande, denen es mit dem langen Weg zur Freiheit nach wie vor ernst war, wirkt der freigelassene Nelson Mandela ermutigend auch durch seinen Humor.

„Als ich die Türen des Gefängnisses durchschritt“, erklärt er später, „war dies meine Mission: Zugleich den Unterdrückten und den Unterdrücker befreien.”

Ein neues Zeitalter hatte begonnen – nicht nur für Südafrika.

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Der Friedensnobelpreis, den Nelson Mandela zusammen mit seinem einstigen Hauptherausforderer und späterem Verhandlungspartner Frederik Willem de Klerk, dem letzten Chef des Apartheidregimes, zuerkannt bekam, hat – als Genugtuung – das anerkannt und bestätigt, wofür der Freiheitskämpfer Mandela immer bereit stand. Er hat aber auch Mut, Zuversicht und Ausdauer für die dann folgenden Schritte gegeben. Harte Verhandlungen benötigten einen Menschen, der dann alle wieder zusammenführen und versöhnen konnte, als sie in noch größeres Unglück hineinzustürzen drohten. Eine Einigungsfigur. Nelson Mandela war zum Vater – ja zur Hebamme der jungen Nation im Land der Guten Hoffnung herangereift.

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Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela hat nach abgeschlossenen Verhandlungen und nachdem das Unrechtsregime der Apartheid abgewählt worden war, die erste Regierung seines Landes geleitet, der wir die Verabschiedung der Verfassung des ersten demokratischen Rechtstaates auf südafrikanischem Boden verdanken, und der wir insbesondere die Errichtung und Einberufung der Wahrheits- und Versöhnungskommission verdanken – jener Kommission, die unserer Welt wichtige Denkanstöße gegeben hat und die Maßstäbe für Aussöhnungsprozesse in anderen Gegenden der Erde gesetzt und Handlungsperspektiven gezeigt hat. Vergangenheitsaufarbeitung und Neuanfänge können seitdem besser vonstatten gehen und eher auch gelingen.

1997 blickt Mandela zurück und zieht Bilanz: „Alle Bestandteile der Nation arbeiten, unser Land aufzubauen und daraus ein Wunder zu machen. Das lässt mich hoffen, wenn ich mich schlafen lege. Ich zweifele keinen einzigen Augenblick, dass wenn ich in die Ewigkeit eingehe, ich ein Lächeln auf den Lippen haben werde.”

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Nelson Rolihlahla Mandela lebte bei seinem Tode schon lange im wohlverdienten Ruhestand, nun mit Graca Machel, der Kampfgefährtin und Freundin, mit der er seit 1998 verheiratet war. Altersbedingt zog er sich immer stärker aus der Öffentlichkeit zurück. Mandela-Konzerte im In- und Ausland – und er dabei in seinem Mandela-Look und mit seinem Madiba-Jive. Diese und viele andere Anlässe ließen Madiba zum Idol vieler Kinder und vieler Jugendlicher und Erwachsener, aber auch zum Vorbild für die, die in anderen Ländern zum Leiten und zum Regieren gewählt wurden: dass sie Menschen unter Menschen bleiben und als höchstes Gut Mitmenschlichkeit – ubuNtu – anstreben und wahren: Umuntu ngumuntu ngabantu – Ich bin, weil wir sind; da wir sind, also bin ich!

Diesen Weg setzen wir fort – den Weg zur Freiheit – den Weg zur Mitmenschlichkeit!

Hamba kahle, Rolihlahla! Lala ngoxolo!

Ben Khumalo-Seegelken

http://www.benkhumalo-seegelken.de/

2 Kommentare zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Wer war Nelson Mandela?«

  1. […] Siehe auch:  VORTRAG >>  Wer war Nelson Mandela? […]

  2. […] haben die Menschen Südafrikas schon erreicht auf ihrem `langen Weg in die Freiheit´, von dem Nelson Mandela […]

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