Fliehen – aber wohin?

Zum Tod des französischen Philosophen André Glucksmann* schreibt Arno Widmann [11.11.2015]:

André Glucksmann wurde am 19. Juni in Frankreich geboren. Ein paar Monate früher, und er wäre in Deutschland zur Welt gekommen. Seine Eltern, osteuropäische Juden, waren in den 1920er Jahren nach Palästina gekommen, hatten sich dort kennengelernt. 1930 gingen sie, die inzwischen zwei Töchter hatten, ausgerechnet nach Deutschland. 1933 schlossen sie sich dem Widerstand an. Erst 1937 flohen sie nach Frankreich. Der Vater starb, als die deutschen Truppen 1940 dort einmarschierten. Mutter und Kinder kamen zunächst in ein Lager, wurden dann aber wieder freigelassen.

André Glucksmann war das Kind von Flüchtlingen, und er war selbst ein Flüchtling. Man sollte sich da vor Augen halten, bevor man André Glucksmann als nicht als einen Renegaten sieht und vorschnell reduziert auf die zum geflügelten Wort gewordene F.W. Bernsteinsche Wendung: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

Das erste Buch, das ich von Glucksmann las, war sein „Diskurs über den Krieg“, erschienen 1967. Es beeindruckte mich damals sehr. Ein gelehrtes Buch, das den Partisanenkrieg, nicht nur den Clausewitz‘, sondern auch den Mao Tse-tungs, mitreflektierte, während sonst fast nur vom Drohpotential der Atomwaffen die Rede war. Es war ein nüchternes Buch. Sein Realismus hatte mit der Bekehrung zu tun, die damals aus Kriegsdienstverweigerern Menschen machte, die Waffen für den Vietcong sammelten.
Er war damals einer der Propagandisten der proletarischen Wende der Protestbewegung von 1968. Nicht mehr die Fantasie sollte an die Macht, sondern das Proletariat. Ihm und seinen Freunden gelang es, Jean Paul Sartre, den damals mittlerweile fast erblindeten intellektuellen Gott und Abgott der Nachkriegszeit, dazu zu bewegen, ihre Flugblätter auf den Straßen von Paris zu verteilen Fotos, die viele meiner Generation bis heute nicht vergessen haben.

Der Donnerschlag, der André Glucksmann 1975 zu einer Weltberühmtheit machte, war „Köchin und Menschenfresser – Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager“ (1976 erschien das Buch unter diesem Titel im Verlag Klaus Wagenbach). Es war eine Glosse, ein Kommentar zu Alexander Solschenizyns „Der Archipel Gulag“.

Typisch für, dass er den Blick immer auf das Große und Ganze gerichtet hat

Die Linke jener Jahre organisierte sich um Interpretationen von Texten. Glucksmann lieferte eine Anleitung, wie man als radikaler Linker Solschenizyn zu lesen hatte. Nicht nur als Kritik an den Entwicklungen in der Sowjetunion, sondern auch als Schlüssel zu einem Verständnis dessen, was zu ihnen geführt hatte. Der Archipel Gulag war nicht das Produkt spezifisch russischer – „zurückgebliebener“ – Verhältnisse, sondern hatte ebenso zu tun mit dem autoritären Systemdenken des Marxismus, ja Marxens selbst. Das Buch, in dem Glucksmann seine Kritik daran systematisch vortrug, „Die Meisterdenker“, musste zehn Jahre lang auf eine deutsche Übersetzung warten. Es handelte sich dabei, wie der französische Rezensent schrieb, um eine Summe und um ein Pamphlet zugleich.

Das ist typisch für die Arbeiten Glucksmanns. Er hat den Blick immer aufs Große und Ganze, immer auf den Zusammenhang gerichtet, und immer schreibt er – auch wenn ich das damals, als ich sein Buch über den Krieg las, nicht merkte – erregt, wütend, engagiert. Schrieb er, müssen wir seit heute sagen.
Das war möglich und nötig, weil es in seinem Denken und Schreiben nicht mehr um Revolution und Konterrevolution, um die Integration und Desintegration von System, um Kritik und Krise ging, sondern um das Schicksal der Einzelnen. Der Staat sollte keiner Idee – und sei es der der Freiheit – folgen, sondern er hatte die Einzelnen zu schützen. Die Boatpeople, die übers Meer aus Vietnam flohen – wir haben schon oft zugeschaut, wenn Tausende im Meer ertranken – oder die im demokratischen Frankreich verfolgten Roma.

Im Laufe der Jahre, so schrieb „Der Spiegel“, war Glucksmann für den Golfkrieg, den Krieg gegen Serbien und die Invasion des Irak. Er war ein, so hieß es, „Neokonservativer“ geworden, rief zur Wahl Sarkozys auf, weil er sich von ihm ein schärferes Vorgehen gegen den die Tschetschenen schlachtenden Putin erwartete.
„Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“. Weil sie die Elche kennen, weil sie sich von den traurigen Augen, von der scheinbaren Gemächlichkeit der hohen Tiere nicht täuschen lassen. Sie wissen, zu welchen Untaten sie fähig sind. Sie fliehen vor ihrem Elch-Sein. Wie jeder Flüchtling wissen sie nur zu genau, wovor sie davonrennen, und rätseln darüber, wohin sie fliehen.

*André Glucksmann zählte zu den einflussreichsten Intellektuellen Frankreichs. Nicht von ungefähr hat sich auch Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande zum Tod des Philosophen geäußert und ihn als Verteidiger der Unterdrückten gewürdigt. Glucksmann habe sich gegen das Leiden der Völker eingesetzt, teilte Hollande mit. ER habe vor der Fatalität der Kriege nicht resigniert, schrieb der Staatschef in seiner Würdigung Glucksmanns weiter. dpa

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