Aktuelles

Veranstaltungen 2012

April

18. Bremen. 100 Jahre ANC

Frankfurt/M. Erscheinung/Vorstellung: Luthuli-Biographie (deutsche Ausgabe)

Oldenburg. Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik: Seminar KAIROS 2012

Mai

19. Mannheim. Deutscher Katholikentag:
Das neue Südafrika. Bestandsaufnahmen und Perspektiven

Juni

16. Oldenburg. Evangelische Akademie:
Diskussionsveranstaltung

September

7.-9. Pietermaritzburg. University of KwaZulu-Natal:
Biblia Zuluensis – iBhaybheli ngesiZulu 2012

10.-12. Pietermaritzburg. University of KwaZulu-Natal:
iNgxoxo/Symposion: KAIROS 2012

Veranstaltungen 2011

25.-26.11.
Referat: "Zu Versöhnungsprozessen – transitional justice" zum Symposion, "Afrika im Aufbruch. Analysen und Impulse in interdisziplinärer und interkultureller Perspektive" am Fachbereich "Theologie interkulturell" der Johann Wolfang Goethe Universität Frankfurt

18.-19.11. Referat: Soziale Folgen des Klimawandels im Südlichen Afrika
Tagung: Klimagerechtigkeit und Entwicklung
Evangelische Akademie Bad Boll

09.-12.09.
Worshop: "Biblia Hebraica – Biblia Zuluensis", School of Religion and Theology, University of KwaZulu-Natal, Pietermaritzburg

05.-09.09.
INgxoxo/Symposion: "UkuBuyisana – towards an ethics of post-conflict interrelatedness", School of Religion and Theology, University of KwaZulu-Natal, Pietermaritzburg

18.-28.07.
Workshop » und Referat, International Summer School,
SOCIETIES IN TRANSITION Sub-Saharan Africa between Conflict and Reconciliation,
Theologische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena
>> Closing Lecture: "Which Past? Which Future?"

08.07., 14:00-18:00
Kolloquium: "Bildungskooperation mit Einrichtungen in Süd- und Ostafrika. Vor- und Nachbereitung von Studien- und Praktikumsaufenthalten", Zentrum für Süd-Nord Bildungskooperation, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

27.-30.06.
Paper: KZN Civil-War 1980-1996: Hurting and Healing – Motives and Perspectives
23rd Biennial Conference, Southern African Historical Society, Howard College Campus, University of KwaZulu-Natal, Durban.

05.05.
Workshop: "Sanctions and their Effectiveness: The Case of the Apartheid-Regime in South Africa"
Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin.

06.04.
Gespräch: "Homosexualität und Migration", Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz 2, 30159 Hannover, 15:00 – 18:00 Uhr.

22.02.
Podiumsdiskussion: "Zwei Jahre Präsidentschaft Jacob Zuma – Wo steht Südafrika?", Berliner Afrikakreis (Initiative Südliches Afrika e.V./Society for International Development, Berlin Chapter), 08. März 2011, Afrikahaus, Bochumer Straße 25, Berlin, 19:00 Uhr.


... erbost!

Desmond Tutu
Wütend. Nie nahm Desmond Tutu ein Blatt vor den Mund.
Auch auf einer Pressekonferenz neulich nicht.
Foto: Nic Bothma/dpa - Foto: dpa

Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu wird 80 Jahre alt. Die Regierung seines Landes aber beugt sich dem Druck Chinas.

Johannes Dieterich berichtet:

Desmond Tutu, einer der Väter der südafrikanischen Regenbogennation, feiert heute (7. Oktober 2011) seinen 80. Geburtstag. Dem anglikanischen Erzbischof und Friedensnobelpreisträger wurde die Freude an dem runden Termin allerdings gründlich vergällt. Wütend wie ihn schon seit Jahrzehnten niemand mehr erlebt hatte, geißelte der Jubilar die Weigerung der ANC-Regierung, seinem Geburtstagsgast Dalai Lama rechtzeitig ein Visum auszustellen.

Vermutlich auf chinesischen Druck hin hatte Pretoria über Wochen hinweg seine Entscheidung über die Einreiseerlaubnis hinausgezögert – bis das geistliche Oberhaupt der Tibeter schließlich seinen Besuch zwei Tage vor dem Abflug selbst absagte. „Unsere Regierung ist schlimmer als die Apartheidregierung“, tobte Tutu: „Von dieser hatte man ja nichts anderes erwartet.“

Als sich der Jubilar in Kapstadt am Dienstag an die Presse wandte, brach aus ihm heraus, was sich bereits seit Jahren angestaut hat: eine abgrundtiefe Enttäuschung über die eigene Regierung, für deren Machantritt vor 17 Jahren der Anti-Apartheidkämpfer sein Leben eingesetzt hatte. „Mr. Zuma, Sie und Ihre Regierungsrepräsentieren mich nicht“, fauchte der Erzbischof im Ruhestand. „Eines Tages werde wir genauso für den Sturz der ANC-Regierung beten, wie wir für den Sturz der Apartheidregierung gebetet haben.“

Es ist der Verlust einer moralischen Politik, die Südafrikas „Bewissen der Nation“ besonders peinigt. Mit der Brüskierung des Dalai Lama, der den gewaltlosen Widerstand gegen die „brutale chinesische Unterdrückung“ repräsentiere, habe die ANC-Regierung „unseren eigenen Widerstandskampf verraten“, polterte Tutu.

„Alle, die in unseren Kampf verwickelt waren, werden sich im Grab herumdrehen.“ Dass die Verantwortlichen des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) immer prinzipienloser und selbstsüchtiger handelten, beklagt der charismatische Kirchenmann bereits seit Jahren: Dem selbst in Korruptionsvorwürfe verwickelten Präsidenten Jacob Zum empfahl Tutu einst, wegen seiner „moralischen Mängel“ auf sein Amt zu verzichten. Eigentlich hatte der Freund Nelson Mandelas bereits vor einem Jahr seinen Rücktritt aus dem öffentlichen Leben angekündigt. Er wolle künftig lieber Tee mit seiner Frau Leah trinken als Interviews geben, sagte Tutu damals.

Nun ist das leibhaftige Gewissen wieder schlagartig ins Zentrum der Öffentlichkeit gerückt. Kommentatoren beklagen den „unbeschreiblichen Schanden“, den Südafrikas Regierung angerichtet habe. Es sei ein riesiges PR-Desaster, meint Universitätsprofessor Tinyiko Maluleke. So schnell wird das nicht vergessen: Die Feierlichkeiten mit einem Gottesdienst, öffentlichen Vorträgen und einem privaten Picknick werden bis Sonntag andauern. Im Gegensatz zum Dalai Lama erhielten der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter, Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan sowie der britische Rockstar Bono und der britische Unternehmer Richard Branson ihre Einreisegenehmigung. Auch sie werden aus ihrer Enttäuschung kein Geheimnis machen.

Neben dem „kleinsten Riesen der Welt“, wie Rockstar BonGeldof Tutu einst nannte, und dem vom Alter zum Schweigen gebrachten Nelson Mandela hat keine andere Persönlichkeit am Kap das nötige Gewicht, um der immer fragwürdiger auftretenden Regierungspartei Paroli bieten zu können. Der rhetorisch brillante Erzbischof hat sich seine Reputation in den 70er Jahren als Sprecher des Anti-Apartheidkampfes verdient: Schon damals suchte die weiße Minderheitsregierung Tutu mit massiven Drohungen und sogar einem Bombenanschlag zumindest mundtot zu machen. Der 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete und 1986 zum ersten schwarzen Erzbischof Südafrikas erhobene Geistliche positionierte sich mit seiner Befürwortung der Wirtschaftssanktionen gegen das Apartheidregime, was mitunter in seinem Freundeskreis umstritten war.

Bitte war seine Enttäuschung über die Entwicklung im freien Südafrika. „Ich hatte schon erwartet, dass sie sagen würden: „Ach Mann, er wird jetzt 80, lasst uns nett zu ihm sein“, sagte der nie um eine humorvolle Bemerkung verlegene Jubilar in einem Presseinterview. Man hätte ihm fürwahr ein schöneres Geschenk gewünscht.

© Frankfurter Rundschau 07.10.2011
Hervorhebungen: Ben


"...von vorgestern!"

Der Streit um den Vorschlag der Bundesjustizministerin, homosexuelle Lebenspartnerschaften endlich der Ehe rechtlich komplett gleichzustellen, ist – in der Tat - "unproduktiv und vorgestrig". In einem Leitartikel am 4. August 2011 schreibt Christian Bommarius dazu:

Manche Debatten sind derart von gestern, dass der interessierte Zeitgenosse sie eher in Geschichtsbüchern als in der Tageszeitung erwartet. Denn alle Argumente für und wider sind längt ausgetauscht, eine politische und gesellschaftliche Mehrheit tendiert seit Jahren für den einen oder den anderen Standpunkt, die Sache ist im Kern schon längst entschieden – wozu also erneut eine Debatte, die nichts mehr voranbringt. Der Streit um den Vorschlag der Bundesjustizministerin, homosexuelle Lebenspartnerschaften endlich der Ehe rechtlich komplett gleichzustellen, ist eine solche Debatte, unproduktiv, vorgestrig und nicht einmal denen hilfreich, die sie jetzt wieder betreiben. Denn die konservativen Politiker der Union haben sich mit ihrem Protest gegen die Pläne Sabine Leutheusser-Schnarrenbergers nicht nur mit der Ministerin und sämtlichen Oppositionsparteien angelegt, der heftigste Widerspruch kommt inzwischen aus den eigenen Reihen, nicht nur von den Lesben und Schwulen in der Union (LSU). Mit anderen Worten: Die Konservativen bekommen zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn die Zeit über einen hinweggegangen ist.

Dafür hat sich die Zeit allerdings sehr viel Zeit gelassen. Zwischen dem Edikt des römischen Kaisers Justinian , der "Novella 77" von 538, mit dem er neben der Gotteslästerung den männlichen Geschlechtsverkehr verbot, weil beide Hungersnöte, Erdbeben und Pest hervorriefen, und der Bemerkung eines bayerischen Kultusministers im Jahr 1987, Homosexualität sei "naturwidrig", dieser "Rand" müsse "dünner gemacht, er muss ausgedünnt werden", liegen mehr als 1 400 Jahre. Mehr trennt sie nicht – die 1 400 Jahre umschließen die Epoche der Homosexuellenverfolgung. Bis 1969 war männliche Homosexualität strafbar nach § 175 Strafgesetzbuch. Allein im Jahr 1955 wurden noch 1 628 Männer deshalb verurteilt.

Erst mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001 der damaligen rot-grünen Bundesregierung hat die Epoche der Emanzipation der Homosexuellen begonnen. 23.000 schwule und lesbische Paare haben seitdem von dem Angebot Gebrauch gemacht, das zwar keine Gleichstellung der Lebenspartnerschaft mit der Ehe gewährt, aber immerhin eine rechtliche und soziale Absicherung verheißt. Damals wie heute erhob sich in der Union ein moralisches Speikonzert, wurde die "planmäßige Zerstörung der Ehekultur" beschworen, schon damals aber entschied das Bundesverfassungsgericht: "Dem Institut der Ehe drohen keine Einbußen durch ein Institut, das sich an Personen wendet, die miteinander keine Ehe eingehen können."

Das haben die Kritiker schon damals nicht und sie haben es bis heute nicht begriffen. Die Folge ist bis heute, dass die Union die gesetzliche Diskriminierung der Lebenspartnerschaften hütet, als wäre sie der Heilige Gral. Zwar haben die Lebenspartner die gleichen Pflichten wie Eheleute, aber keineswegs die gleichen Rechte. Der Staat behandelt sie wie Eheleute, wenn er sich entlasten kann; er betrachtet sie als Singles, wenn er daran verdient. Wird zum Beispiel ein Lebenspartner arbeitslos, bekommt er kein Hartz IV, wenn sein Partner genug verdient. Doch der unterhaltspflichtige Partner wird vom Fiskus in die Steuerklasse I geschoben, also zur Kasse gebeten wie ein Single.

Weil vom Gesetzgeber nichts zu erwarten war, haben sich die homosexuellen Lebenspartner Verbesserungen auf dem Rechtsweg erstreiten müssen. Zuletzt ist ihnen das vor dem Bundesverfassungsgericht gelungen, der die Benachteiligung homosexueller Lebenspartner gegenüber Ehepaaren bei der Erbschaftssteuer für verfassungswidrig erklärte. Gelingen dürfte ihnen das auch in diesem Jahr wiederum in Karlsruhe im Streit um das Ehegattensplitting, und auch im Adoptionsrecht sollte Bewegung in die Sache kommen. Zwar darf schon heute ein Lebenspartner das leibliche Kind des anderen adoptieren, nicht hingegen ein adoptiertes Kind des Lebenspartners. Das diskriminiert nicht nur die Lebenspartner, es diskriminiert auch die betroffenen Kinder.

Soeben hat Hans-Jürgen Papier, bis vor einem Jahr Präsident des Bundesverfassungsgerichts, beteuert, es gebe "grundsätzlich keine Grenzen der Gleichbehandlung mehr". Wenn die konservativen Unionspolitiker schon nicht Leutheusser-Schnarrenberger glauben wollen, vielleicht hören sie auf die Stimme der Vernunft aus ihren eigenen Reihen: Papier ist Mitglied der CSU.

© Christian Bommarius, Frankfurter Rundschau 4.08.2011;
Hervorhebungen: Ben.

Neu und doch vertraut

Ich habe am 4. September 2010 in Südafrika auf einem Hügel gestanden und eine ganze Weile auf die Stadt hinuntergeschaut, in deren Nähe ich bis 1975 gelebt habe - Pietermaritzburg, Universitäts- und Provinzhauptstadt von KwaZulu-Natal. Ich habe die unzähligen Siedlungen samt den vielen Büschen, Weiden und Feldern ringsherum auf mich wirken lassen und mich dabei sehr gefreut - ich war innerlich bewegt und wurde nachdenklich: Es war mein Geburtstag - mein 60.!

Lange war ich inzwischen ja nicht mehr hier gewesen - 35 Jahre lebe ich schon weit weg von hier. Etliche, mit denen ich aufwuchs, studiert, gearbeitet und gekämpft habe, sind mittlerweile auch nicht mehr hier – etliche nicht mehr am Leben: Waren sie den Wellen der Razzien und Festnahmen 1975-1977 entkommen und hatten sie wie viele andere die fortdauernde Unterdrückung und Verfolgung irgendwie überleben können, sind doch nur wenige von ihnen von den anschließenden bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen verschont geblieben, die sechzehn Jahre lang (1980-1996) in dieser Gegend gewütet und zigtausende Tote und noch mehr Entwurzelte hinterlassen haben. HIV und AIDS forderten ebenfalls ihren Tribut. Gräber, Ruinen, Trauer.

Einige neue Straßennamen erinnern zwar an sie, jene Frauen und Männer meiner Generation, - ihr direkter Beitrag fehlt uns jedoch sehr, wenn heute neue Weichen gestellt werden und um neue Lebensperspektiven gerungen wird.

*

Ein langjähriger Freund fasst zusammen:

Sechs Jahrzehnte miterlebt und mitbewegt:

Erfolge verbucht, Ziele erreicht, viel Glück gehabt;
Missgunst tapfer standgehalten und Unrecht widerstanden;
Enttäuschungen und Misserfolge eingesteckt,
Erschütterungen überlebt
und dabei (hoffentlich) klug und weise geworden.

Mittlerweile endlich (wieder) zu Hause angekommen in Afrika und in Europa, wohlauf und gesund.

Glückwunsch!

*

Ich bin dankbar, schätze mich glücklich und fühle mich reichlich beschenkt. Ich teile und gebe gerne davon etwas weiter.

Im „neuen“ Südafrika lerne ich neuerdings immer wieder „Neue“ und Neues kennen; doch auch Vertrautes begegnet mir noch oft; ich treffe mnchees aus alter Zeit Gewohntes wieder: Menschen, die obdachlos sind, Landlose, Arbeitslose, Flüchtlinge - aus dem Kongo, Somalia, Zimbabwe, aus `Ganzafrika´, Kinder und Jugendliche mit viel Potenzial, jedoch ohne Chance, Enttäuschte und Verbitterte. Es gibt viel zu erzählen und noch mehr miteinander zu entdecken. Wir tauschen uns aus. Wir arbeiten zusammen: ukuBuyisana, das zähe Ringen um Ausgleich und Versöhnung verbindet uns und hält uns in und um die Universitäts- und Provinzhauptstadt in Bewegung – mich, uns, Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen. Das große Versöhnungsfest >> KZN Reinigen und Versöhnen, das wir Anfang November 2010 in Vulindlela gefeiert haben, hat uns wieder zusammengeschweißt und neu motiviert. Ich bleibe gerne Teil dieser Bewegung, um so mehr, da ich weiß, dass auch mein Mann in dieser Stadt genauso verwurzelt ist wie ich. Hier haben sich ja unsere Lebenswege zum ersten Mal gekreuzt – 1973!

Zurück im heimatlichen Nordwestdeutschland, wo mich immer noch Glückwünsche zum 60. Geburtstag erreichen, wird mir erneut bewusst: Die Netzwerke und Freundschaftskreise, in denen ich in Deutschland und Südafrika lebe, bekommen zunehmend stärkere Bedeutung; die Themen, über die wir uns unterhalten und bisweilen auch kontrovers auseinandersetzen, werden vielfältiger. Gerne pflege ich dieses Beziehungsgeflecht weiter und trage dazu bei, dass Pietermaritzburg und Huntlosen – Süd und Nord – auch in den nächsten 60 Jahren unter einem weiten Sternenhimmel bleiben, sich aufeinander zu bewegen und – wie Ubbo und ich – auf gemeinsamem Weg miteinander wachsen!

Also: Weiter geht’s - ins nächste Lebensjahr!

Ben.


Nadine Gordimer - eine Stimme aus Südafrika nach der Fußball-Weltmeisterschaft

Von den Sorgen des Alltags sei die Fußball-Weltmeisterschaft für die meisten Menschen in Südafrika eine willkommene Ablenkung gewesen, meint Nadine Gordimer, Menschenrechtlerin und bekannteste Schriftstellerin Südafrikas. "Nun müssen wir aber darauf achten", mahnt sie jedoch, "dass die Freude über die gelungene Weltmeisterschaft nicht die Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was wirklich wichtig ist: das Wohlergehen meiner Landsleute!"

Gordimer blickt mit Genugtuung zurück: Etwas aufmerksamer habe die Welt in diesen Wochen und Monaten hingeschaut und mitbekommen, wie es den Menschen im Gastgeberkontinent geht und mit welchen Fragen sich die meisten Schwarzen in der jungen Demokratie Südafrika täglich herumschlagen müssen.

Hunderttausende leben ohne Trinkwasser in Obdachlosensiedlungen am Rande der Metropolen, und Millionen sind ohne Einkommen. Seitdem die Apartheid vor fast 20 Jahren abgewählt wurde, hat sich in Südafrika neben der weißen Mittel- und Oberschicht auch eine kleine schwarze Mittel- und Oberschicht gebildet. Doch damit sind die Grundbedürfnisse der übergroßen Mehrheit nicht befriedigt; Arbeitsniederlegungen und Proteste gehören darum zum südafrikanischen Alltag.

Im Freudentaumel seien sich die Menschen, die seit dem Ende der Apartheid sonst immer noch getrennt leben und bisweilen gegeneinander um ihr Recht ringen müssen, näher gekommen und wurden als gemeinsame Ausrichter eines Großereignisses bewundert. Ob das Gefühl „wir gehören zusammen“ auch anhält, wenn Landsleute gleich nach dem Abpfiff wieder um denselben Job konkurieren, wagt die 87jährige Johannesburgerin sehr zu bezweifeln.

Gezeigt habe die WM jedoch, gibt Gordimer zu bedenken, "dass unsere Probleme und Spannungen unter den richtigen Umständen sehr wohl überwunden werden können," Die Stimmung in jenen Tagen könne als gutes Beispiel dafür dienen, "dass sich all die verschiedenen Volksgruppen in Südafrika für eine gemeinsame Sache begeistern können." Die Vision einer 'Regenbogennation' sei erlebbar gewesen.

Nadine Gordimer vergleicht den Tag, an dem Südafrika 1994 eine Demokratie wurde mit jener Nacht, "als die Mauer in Berlin fiel". Sie mahnt aber, dass nicht vergessen werden darf, welchem Ausmaß von Erniedrigung und Ausbeutung die schwarze Bevölkerungsmehrheit bis dahin ausgesetzt war. Unvergesslich bleibt auch der Durchbruch, den der Freiheitskampf unter Nelson Mandela dem Land ermöglichte. Dass inzwischen aber nicht wenige die Macht missbrauchen, öffentliche Mittel veruntreuen und unverhohlen andere bedrohen, sieht die langjährige Weggefährtin Nelson Mandelas mit zunehmender Sorge.

Versäumnisse und Herausforderungen der letzten anderthalb Jahrzehnte beschäftigen sie. Ihr sei leider erst spät bewusst geworden, was angesichts der millionenfachen Ansteckung und Erkrankung an HIV und AIDS viel früher hätte unternommen werden sollen, Die Millionen Menschen aus den Nachbarländern, die auf der Suche nach Schutz und Zukunft ins Land Mandelas fliehen, bezeichnen eine weitere Herausforderung, dass Südafrika und seine Nachbarn zusammenarbeiten und den Ursachen der Flucht vorbeugen müssen. Die immer wiederkehrende fremdenfeindlichen Ausschreitungen findet Gordimer beunruhigend; sie meint aber, dass sie "keine Ablehnung des Fremden" seien, sondern Folge davon sind, dass dort "Menschen aus halb Afrika" gegeneinander als "Rivalen um das eine Stück Brot" auftreten.

Südafrika nach der Fußball-Weltmeisterschaft· Anlass zu Freude und Hoffnung, aber auch zu mancher Sorge.

Ben Khumalo-Seegelken


... und der Alltag holte uns wieder ein!

Mit gemischten Gefühlen schaut Nadine Gordimer auf Südafrika nach der Fußball-WM. Ein Gespräch mit der Literatur-Nobelpreisträgerin über Brot und Spiele, die Eitelkeiten des Präsidenten Zuma und den Rausch der Freiheit in ihrem Heimatland:

Ms. Gordimer, die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika geht zu Ende. Vorher erhofften sich viele Beobachter einen positiven Schub für Ihr Heimatland: für das Zusammenwachsen von Schwarz und Weiß, das weltweite Image, die Wirtschaft. Spüren Sie davon schon etwas?

Nun ja, Sie kennen ja das alte Sprichwort: Die Leute brauchen Brot und Spiele. Aber es heißt eben tatsächlich Brot UND Spiele. Die Weltmeisterschaft hat den Leuten wundervolle Spiele beschert, und das freut mich. Aber was das Brot angeht, hat sich an den riesigen Problemen für die armen Menschen in Südafrika nichts geändert.

Aber haben sich nicht gerade die schwarzen Südafrikaner über die nette Abwechslung von den Alltagssorgen gefreut?

Doch, ganz sicher. Aber ich fürchte, dass die Regierung diese Ablenkung ausnutzen will. Wir haben fast 30 Prozent Arbeitslosigkeit, in manchen schwarzen Siedlungen liegt sie bei 70 Prozent. Tausende leben ohne angemessene Wohnungen. Und in den vergangenen Monaten haben wir die größten Streikwellen seit Ende der Apartheid gehabt. Jetzt kündigen die Staatsdiener neue Streiks für die Woche nach der WM an. Schon während der Spiele gab es gewaltige Streik-Aktionen - unser Präsident jedoch saß im Fußballstadion und ließ sich als Gastgeber feiern.

Es war doch aber auch gut, wieder einmal mit positiven Nachrichten aufzufallen? Ihr Freund, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, sagt, zuletzt war Südafrika das "Lieblingsland der Welt", als Nelson Mandela freigelassen wurde. Das ist nun schon 20 Jahre her.

Ich will kein Spielverderber sein. Sicher war die Fußball-WM für die Menschen eine schöne Erholung von den Sorgen des Alltags. Aber nun müssen wir darauf achten, dass die Freude über die gelungene Weltmeisterschaft nicht die Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was wirklich wichtig ist: das Wohlergehen meiner Landsleute.

Zumindest hat die weltweite Aufmerksamkeit für die WM neues Interesse für Südafrika geweckt. Vielleicht ja nicht nur bei Touristen, sondern auch bei Investoren und der politisch interessierten Öffentlichkeit. Trägt das nun Früchte?

Schwer zu sagen. Wie war es denn in Deutschland, wurde all das dort reflektiert? Vermutlich nicht. Die große Aufmerksamkeit hat sich im Grunde doch nur darauf gerichtet, welche Mannschaft gewonnen hat oder nicht.

Die Deutschen haben zumindest erfahren, dass Fußball in Südafrika der Sport der armen Schwarzen ist. Während die Weißen sich mehr für Rugby und Cricket interessieren. War das auch während der WM so?

Gar nicht. Das Einmalige an dieser Veranstaltung ist: Weiß und Schwarz und alle Farben dazwischen haben gemeinsam gefeiert. Sie saßen zusammen in Bars, in den Eckkneipen oder in Straßencafés und haben sich die Spiele angesehen. Alle hatten ein gemeinsames Gesprächsthema und das Gefühl, zu einem gemeinsamen Fest zu gehören. Das hat auch mich begeistert, obwohl ich gar kein Sportfan bin. Die WM hat die Menschen wirklich zusammengeführt. Aber ob das Gefühl noch anhält, wenn sie morgen wieder um denselben Job konkurrieren, wage ich zu bezweifeln.

Also war die Einigkeit während der WM nur ein Burgfrieden zwischen Schwarz und Weiß, weil die Welt auf Südafrika schaute?

Nein, nein, im Gegenteil, die WM hat vielmehr gezeigt, dass unsere Rassenprobleme und Spannungen unter den richtigen Umständen sehr wohl überwunden werden können. Ich hoffe, dass die WM-Stimmung als gutes Beispiel dafür dient, dass sich all die verschiedenen Volksgruppen in Südafrika für eine gemeinsame Sache begeistern können.

Die Begeisterung mögen Schwarz und Weiß teilen, aber häufig feiern sie dann doch getrennt: Viele weiße Südafrikaner bejubelten zum Beispiel nach dem Ausscheiden ihrer Nationalmannschaft das holländische Team. Ist die Solidarisierung mit den ehemaligen Kolonialherren eine bewusste Provokation der Schwarzen?

Sicher trauern einzelne fundamentalistische "Afrikaaner", wie sich die holländisch-stämmigen Weißen nennen, der alten Zeit nach, als sie sich noch als das auserwählte Volk fühlten. Das ganze Land musste damals ihre Sprache sprechen! Vielleicht leben einige ihre Nostalgie auch im Fußball aus. Aber die meisten fühlen sich den Holländern wohl einfach nahe, weil sie deren Sprache verstehen und das Team so erfolgreich ist. Wäre unsere Mannschaft noch dabei, würden auch die weißen Südafrikaner unsere schwarzen Nationalspieler anfeuern, da bin ich sicher. Dann hätte die WM noch viel vereinender gewirkt.

So wie die Rugby-Welmeisterschaft, die Südafrika 1995 austrug - und gewann?

Ja. Von solchen Ereignissen kann große Symbolkraft ausgehen - das hat Nelson Mandela damals, kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten gut erkannt. Als unser Team den Titel holte, überreichte er den Pokal im Shirt der überwiegend weißen Mannschaft. Damit hat er viele weiße Herzen gewonnen. Er hatte schon immer ein Gespür für solche Gesten. Man darf sich nur nicht einbilden, dass so etwas automatisch die Ursachen für die vielen Spannungen zwischen den Menschen vergessen lässt.

Auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid haben zwei Drittel der schwarzen Südafrikaner keinen Schulabschluss, nur zwei Prozent der Schwarzen studieren. Die durchschnittlichen Einkommensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen sind riesig.

Ja, die einzige Veränderung ist, dass wir heute neben der weißen Mittel- und Oberschicht auch eine kleine schwarze Mittel- und Oberschicht haben. Aber das reicht eben nicht aus, um die Bedürfnisse der übergroßen Mehrheit der Menschen im Land zu befriedigen.

Sie sind seit der Apartheid befreundet mit führenden Aktivisten der Freiheitsbewegung, des African National Congress. Heute gehören die meisten davon zur Elite. Haben sie dadurch den Blick für die Sorgen ihrer verarmten Landsleute verloren?

Natürlich haben viele von ihnen Karriere gemacht und Positionen erreicht, die sie schon die ganze Zeit hätten haben sollen. Die meisten waren und sind ja hochintelligente Leute. Das Traurige ist nur, dass das Sprichwort wahr ist: Macht verdirbt den Charakter. Sie korrumpiert. Sogar einige unserer größten Helden aus dem Freiheitskampf, herausragend kluge Menschen, kamen in Regierungsämter und gerieten in das Gewirr von Korruption, Filz und Vetternwirtschaft. Ich nehme an, wenn dir so lange wirklich alles vorenthalten wurde, ist die Versuchung groß, die Puppen tanzen zu lassen, wenn du es plötzlich kannst. Dann willst du nicht nur einen Mercedes, sondern zwei, und ein Party-Leben mit Champagner in Strömen. Es ist eine Tragödie, dass Menschen, die im Freiheitskampf so tapfer waren, später nicht genug Willenskraft aufbringen konnten, diesem Drang zu widerstehen.

Südafrikas Präsidenten Jacob Zuma wird genau diese Art von Vetternwirtschaft und anrüchigen Geschäften nachgesagt. Sorgen Sie sich deshalb um die Zukunft Ihres Landes?

Ich finde es jedenfalls verstörend, dass der Präsident höchstpersönlich so eine Verbindung zur Korruption hat. Am liebsten würde ich ihm einmal persönlich sagen, wie enttäuscht und desillusioniert ich über die Korruption im ANC bin. Dazu gehört auch sein Verhalten, zum Beispiel die Verstrickung in ein Milliarden-Dollar-Waffengeschäft samt Schmiergeldzahlungen, die ihn 2005 sein Amt als Vizepräsident kostete. Auch die Bestechlichkeit einiger seiner Minister beschämt die vielen anständigen Leute in der Regierung, die sich heute noch genauso ehrenhaft verhalten wie während des Freiheitskampfes.

Relativiert das Ihre Erinnerung an die ersten freien Wahlen, den historischen Sieg des ANC?

Guter Gott, wo denken Sie hin! Kein bisschen! Diese erste freie Wahl war für Leute wie mich ein unglaublich großartiger Tag. Wir erlebten eine Zeitenwende, von der wir dachten, sie würde niemals kommen. Gemeinsam in einer Schlange zu stehen, Schwarz und Weiß zusammen, um zum ersten Mal gemeinsam eine freie Regierung zu wählen - das war ein unschlagbar wundervolles Erlebnis.

Erklärt das, wieso die große Mehrheit der Schwarzen nach wie vor stur den ANC wählt - auch wenn sie immer unzufriedener mit dessen Politik sind?

Zum einen geht es für die ärmsten der Armen immer noch aufwärts im Vergleich zu den Bedingungen, unter denen sie während der Apartheid leben mussten. Aber zum anderen gibt es tatsächlich diese starke Loyalität, die aus den Tagen des Freiheitskampfs herrührt. Auch unter denen, die von unerfüllten Versprechen, Filz und der sozialen Kluft enttäuscht sind. Diese Verbundenheit stimmt viele versöhnlicher.

Waren Sie vor 20 Jahren zu optimistisch, dass der Sturz des Regimes schon das Happy End nach der Apartheid sein würde?

Wir waren so sehr konzentriert darauf, dieses Regime zu stürzen, dass wir uns nicht die Zeit nahmen, darüber nachzudenken, was danach kommen soll. Vielleicht hätten wir sie uns nehmen sollen. Uns hätte klar sein müssen, dass nicht alle Probleme über Nacht verschwinden würden, als wir damals das Ende der Apartheid feierten.

Aber für Sie hat es sich damals kurz wie ein Happy End angefühlt?

Ja. Vergleichen Sie es mit der Nacht, als die Mauer in Berlin fiel. Wir sahen hier im Fernsehen die ausgelassenen Deutschen, die auf den Straßen feierten, sich in den Armen lagen, einander Sekt über den Kopf schütteten. Überall Jubel und Lachen. Wir hatten in Südafrika exakt dieselbe Stimmung, als die Apartheid endete. Als wir endlich gemeinsam frei wählten. Man denkt in solchen Momenten - wie bei jeder guten Party - nicht an den Kater am Morgen danach, an die Kopfschmerzen. Es gibt eben auch politischen Kopfschmerz, und mit dem versuchen wir noch klarzukommen.

In Ihren Post-Apartheid-Romanen "Die Hauswaffe" und "Ein Mann von der Straße" beschreiben Sie die verunsicherten Weißen im neuen Südafrika. Ist denn die Mehrheit der Schwarzen mit dem Leben heute zufrieden?

Vergessen Sie nie die simple, aber schwerwiegende Tatsache, dass die Schwarzen sich jetzt frei durchs Land bewegen können. Sie müssen nicht mehr ständig ihre Papiere bei sich haben und brauchen auch keine Erlaubnis mehr, um von A nach B reisen zu dürfen. Früher wurden sie ins Gefängnis gesteckt, wenn sie keine Erlaubnis dabei hatten. Allein das bedeutet ihnen so viel, dass es viele Probleme aufwiegt.

Welche Probleme hat Südafrika in seiner Feierlaune vor 20 Jahren einfach übersehen?

Vor allem AIDS. Wir wussten nicht, dass wir einst zu den am schlimmsten infizierten Ländern der Welt gehören würden. Auch Mandela weiß heute, dass er sich darum früher hätte kümmern müssen. Aber wir ahnten ja nichts von diesem Ausmaß. Was wir auch nicht kommen sahen, war die Tragödie in Simbabwe, wo Präsident Robert Mugabe zum Diktator wurde und sein Volk verhungern lässt. So kamen Millionen Flüchtlinge und Gastarbeiter zu uns. Auch aus anderen geschundenen Ländern Afrikas.

Willkommen aber waren sie in Südafrika nicht. Die Fremdenfeindlichkeit entlud sich vor zwei Jahren in brutaler Gewalt.

Aber dahinter steckt keine Ablehnung des Fremden, sondern ein harter Wettkampf um Jobs, einen Ort zum Leben, ja: um alles, was zum Mindestmaß für ein normales Leben gehört. Denken Sie sich einmal in die Verarmten, schlecht Ausgebildeten unter den schwarzen Südafrikanern hinein: Hier geboren, hier aufgewachsen, aber all der Möglichkeiten beraubt, die das reiche Land Ihnen hätte bieten können. Und nun finden Sie sich im Wettbewerb um einen gering oder unqualifizierten Job wieder - mit all den Menschen aus halb Afrika. Sie mögen schwarz sein wie Sie, aber sie sind Rivalen um das eine Stück Brot, das Sie versuchen zu greifen.

Leidet Südafrika darunter, die Hoffnung des ganzen Kontinents zu verkörpern?

Ja, das kann eine Last sein. Die Welt muss verstehen, dass sie es uns mit überzogenen Erwartungen nicht leichter macht. Sie in Europa dürfen bitte nicht vergessen, dass wir gerade mal 15 Jahre der Freiheit hatten. Das ist nicht einmal eine Generation. Und schon erwartet man von uns eine perfekte Demokratie, mit politischer und wirtschaftlicher Gleichheit für alle Menschen. Andere Teile der Welt leben ein paar hundert Jahre in Demokratie und dennoch ist sie nicht perfekt.

Südafrika versucht, das Unrecht der Apartheid nachträglich auszugleichen, etwa durch Quoten für Schwarze. Viele junge, gut ausgebildete Weiße wandern verbittert nach Europa oder Nordamerika aus. Schwächt das nicht den Aufbau des neuen Südafrika?

Wie sonst wollen Sie der Mehrheit im Land nach Jahrzehnten der Unterdrückung Anerkennung und Würde geben, ohne den Weißen Zugeständnisse abzuverlangen? Aber auch die meisten unserer schwarzen Politiker ziehen dabei Grenzen. Zum Beispiel sorgt gerade der Ruf nach Verstaatlichung der Minen für heftige Debatten. Südafrika ist der weltgrößte Produzent von Chrom, Platin und Mangan. Der linke ANC-Flügel kritisiert, dass die Gewinne nur an die multi-nationalen Konzerne gehen, die die Förderlizenzen haben. Aber die einflussreichen Leute im ANC sind da sehr vorsichtig. Sie wollen nicht einfach in einer so enormen Industrie, die einst mit dem Abbau von Gold und Diamanten die Basis für unser goldenes Zeitalter geschaffen hat, die Fachleute austauschen, die wissen, wie man einen solchen Wirtschaftszweig betreibt.

Ms. Gordimer, bis 1990 war es Weißen verboten, das schwarze Township Soweto zu besuchen, das mit seinen Millionen Einwohnern direkt an Johannesburg grenzt. Sie waren damals trotzdem oft dort, um ihre schwarzen Freunde und ANC-Kameraden zu besuchen. Was sehen Sie heute, wenn Sie Soweto besuchen?

Ironischerweise bin ich heute viel seltener da als während der Apartheid. Aus dem einfachen Grund, dass meine Freunde sofort dort wegzogen, als sie es durften. Sie wollten nicht länger da leben, einer nach dem anderen zog in die Stadt, in Wohnungen oder in die Eigenheimsiedlungen von Johannesburg.

Dabei hat sich Soweto doch sehr verändert.

Ja, es gibt inzwischen sehr hübsche, saubere Viertel. Manche Ecken sehen aus wie amerikanische Vorstädte, wie man es sich vor 20 Jahren nie hätte vorstellen können. Die Mehrheit lebt da heute mit Fernsehgeräten, viele mit hübsch gepflegten Gärten. Aber schon wenn Sie die Straße überqueren, sehen Sie, wie die Menschen in schrecklichen Wellblechhütten hausen. Die sozialen Gegensätze prallen aufeinander. Es ist also sehr verständlich, dass viele Schwarze, sobald sie die Möglichkeit haben, lieber leben wollen, wo sie nicht die ganze Zeit das Elend so vor ihrem Gesicht haben.

Zur Person
Nadine Gordimer ist weltweit die bekannteste Schriftstellerin Südafrikas. Ihre Romane, Erzählungen und Essays handeln von der Apartheid und deren zerstörerischen Folgen für die Schwarzen, aber auch die Weißen. 1991 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.
1923 wurde sie in Springs, Transvaal, geboren. Ihr Vater war ein jüdischer Juwelier, der aus Litauen emigriert war; ihre Mutter eine Engländerin.
Schon in den 50er Jahren gehörte Gordimer zu einer kleinen Gruppe Weißer, die bewusst die damaligen Rassentrennungsgesetze missachtete. Die Autorin ist eine Weggefährtin Nelson Mandelas und hat bis heute viele Freunde im African National Congress (ANC), der Freiheitsbewegung der Schwarzen. (ber)

Das Interview führte Steven Geyer
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Dokument erstellt am 08.07.2010 um 17:04:02 Uhr
Hervorhebungen im Text: Ben Khumalo-Seegelken

"Afrika ist großzügig"

Boniface Mabanza, Befreiungstheologe aus dem Kongo, Sprecher der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) in Heidelberg, nimmt Stellung und beantwortet Fragen zur „Krise und die Hoffnungen eines Kontinents“ im Jahre der Fußball-Weltmeisterschaft 2010:

Wie steht es aktuell um Afrika?

Ich komme soeben von einem Aufenthalt im südlichen Afrika zurück. Dort fiebern die Leute der Fußball-WM entgegen. Ein Mega-Sportereignis von globaler Bedeutung, so was gab es dort noch nie. Südafrikas Regierung macht daraus klugerweise ein panafrikanisches Projekt, das nicht nur die eigene Nation, sondern alle Afrikaner anspricht.

Wie kritisch sieht ein afrikanischer Befreiungstheologe wie Sie die WM?

Anfangs überwog bei mir stark die Kritik. Denn die raffgierige FIFA, internationale Baufirmen und Tourismuskonzerne machen das große Geschäft. Die Mächtigen stellen sich groß dar, im Glanz der Fußballstars — doch was bleibt von all dem Spektakel am Ende wirtschaftlich bei der Not leidenden Bevölkerungsmehrheit hängen?

Haben Sie Ihr Urteil geändert?

Ja, ich sehe nach jahrelanger Auseinandersetzung nun stärker das Positive. Zum Beispiel werden in den Austragungsstädten leistungsfähige öffentliche Nahverkehrssysteme gebaut, eigens für die WM. Dies geschieht in einem Staat, dessen Verkehrswesen auch anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende des herrschenden Apartheid-Systems immer noch ein Apartheid-Verkehrswesen ist. Konkret: Millionenstädte wie Johannesburg oder Kapstadt haben keine leistungsfähige U-Bahn, kaum Stadtbusse, kein S-Bahnsystem. In der Apartheid fuhren die Weißen eben überall- hin mit ihrem privaten Pkw Diese Misere ändert sich nun — dank der WM. Ohne sie wären diese Investitionen für die Bürger nicht getätigt worden.

Was könnte die WM Südafrika bringen?

In der Republik Südafrika, die im Innern fragil, zwischen Reichen und Armen tief gespalten sowie bis heute vom Rassismus der Apartheid verwundet ist, geht es um Nation Building. Das heißt: Trotz aller schwer zu überwindenden Gegensätze soll eine neue, vielfarbige, moderne Nation entstehen, eine Regenbogen-Nation. Hierfür bietet die WM eine Chance. Der weise Nelson Mandela weiß, wie das gelingt: Er holte die Rugby-WM nach Südafrika und brachte die schwarzen und weißen Südafrikaner dazu, dem nahezu rein weißen Rugby-Team Südafrikas zuzujubeln. Großartig! Vor allem wenn man bedenkt, dass Rugby bis 1994 ein Prestigesport des Apartheid-Systems gewesen war. Auch beim Jubeln in den Stadien oder vor den Bildschirmen wächst eine neue Nation.

Erhoffen Sie sich das von der Fußball-WM?

Es gilt, den Moment, wo sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf Südafrika richtet, zu nutzen. Zum Beispiel, um Da im- 1er an den Pranger zu stellen und von dem Konzern, dessen Stern auf dem Trikot der deutschen Nationalelf prangt, Wiedergutmachungen zu fordern. Denn Daimler lieferte dem Apartheid-Regime die Unimog-Lkws, von denen aus das Apartheid-Militär mit Flammenwerfern und Geschützen in Schwarzen-Gettos schoss. In den zurückliegenden 15 Jahren ignorierte Daimler die Bitten um Wiedergutmachung permanent.

Wer wird nach Ihrem Wunsch Weltmeister?

Als Panafrikaner wünsche ich mir die Equipe der Elfenbeinküste im Endspiel gegen Gastgeber Südafrika ... (lacht). Doch als Afrikaner, der gerne in Deutschland lebt und arbeitet, hoffe ich, dass unsere deutsche Elf optimal abschneidet. Zumal in ihr ja auch Profis mit afrikanischem oder türkischem Migrationshintergrund spielen.

Können Europäer Afrika echt verstehen?

Ich habe selten in Europa Menschen getroffen, die in der Lage sind, die extrem komplexen und widersprüchlichen afrikanischen Wirklichkeiten zu verstehen und einander richtig zuzuordnen. Auch diejenigen wohlmeinenden Europäer, die sich für eines der Länder Afrikas interessieren, etwa weil sie dort ein Entwicklungsprojekt unterstützen, verstehen das, was sie bei Besuchen oder aus Mails, Filmen oder Briefen erfahren, oft zu eindimensional.

Wie ist, im Kern, Afrika?

Afrika ist, im Tiefsten, so großzügig und großherzig. Mehr als sämtliche übrigen Teile der Welt. — Afrika wurde von europäischen, amerikanischen und arabischen Sklavenhaltern im Verein mit einheimischen Despoten ausgebeutet und erniedrigt, Jahrhunderte lang. Später litt Afrika unter Europa und den Kolonialmächten, die es 1884 in Berlin aufteilten und ausbeuteten. Bis heute erleidet Afrika Rassismus und Herablassung sowie brutale Ausbeutung. Hierbei wirken Afrikas Eliten auf das Massivste mit. Doch Afrikas Menschen begegnen den Weißen, den Fremden aus den früheren Täter-Nationen, in der Regel freundlich, ohne Ressentiment und mit Respekt. Afrika ist nicht nachtragend, anders als manch andere Region der Erde.

Woran krankt Afrika am meisten?

Afrika leidet am meisten unter der rücksichtslosen Außenorientierung seiner Eliten. Denn sie verhindert eine endogene, innere Entwicklung Afrikas. Deshalb fehlt eine nachhaltige Entwicklung. Die Wirtschaft ist auf den Export gerichtet, stärker als sonst wo in der Welt. Weil die Preise für die Güter, die Afrika der Welt liefert, so gering gehalten werden, vegetiert der potenziell reiche Kontinent, abgesehen von wenigen Ausnahmen, materiell im Elend.

Das Interview führte Thomas Seiterich: Publik-Forum 9/2010.

Zukunftskontinent Afrika

Hierzulande haben wir uns angewöhnt, bei Afrika fast automatisch an Armut, Korruption, Krankheit und auch Krieg zu denken. „Das alles gibt es leider.“ so Horst Köhler, und fährt fort: „ Doch es ist Zeit, genauer hinzuschauen und Klischees über Bord zu werfen. Ich habe bei meinen Besuchen ein anderes Afrika kennengelernt - ein Afrika voller Potenzial und Kreativität. Ob es der Gründer eines Telekommunikationsunternehmens ist, die Modeschöpferin, die ihre Kreationen auf der ganzen Welt verkauft, der Rapper aus Nigeria, der in Köln und Lagos zu Hause ist, oder die vielen afrikanischen Frauen, die für sich und ihre Familie mit Hilfe von Kleinkrediten eine neue Existenz aufbauen: Überall in Afrika habe ich Menschen getroffen, die Ideen haben und durch ehrliche Arbeit für sich und ihre Kinder eine gute Zukunft sichern wollen.

“Die jungen Führungskräfte aus Afrika und Deutschland, die im Rahmen der von mir initiierten `Partnerschaft mit Afrika´ in Ghana zusammengekommen sind, haben mir deutlich gemacht, dass ihre Ideen für eine gute Zukunft gar nicht so weit auseinander liegen. Sie wollen einen Beitrag dafür leisten, dass die drängenden Herausforderungen der Zukunft partnerschaftlich bewältigt werden. Sie haben ein waches Empfinden dafür, dass unser Mitgefühl angesichts der Flüchtlingswellen aus Afrika zur folgenlosen Floskel zu erstarren droht. Und sie haben verstanden, dass es Europa nicht egal sein kann, wenn im Kongo-Becken der Regenwald abgeholzt würde.

“Partnerschaft erfordert Interesse aneinander, aber auch ausreichendes Wissen übereinander. An diesem Wissen mangelt es leider oft auch in Europa. Deshalb setze ich mich für Begegnungen und einen verstärkten Austausch zwischen Europäern und Afrikanern ein. Warum bauen wir nicht kraftvoll ein europäisch-afrikanisches Jugendwerk auf? Beide Seiten können voneinander lernen. Mittlerweile gibt es eine junge, bewegliche, international ausgebildete afrikanische Elite, die überzeugt und überzeugend auftritt. Ihr schöpferischer Elan, ihre Urteilskraft und ihr ungeduldiger Gestaltungswille sind bemerkenswert. Man hüte sich vor der Vorstellung, allein ein Geburtsort und eine Ausbildung in Europa stellten die eigene Überlegenheit sicher!

“Insgesamt setzt Subsahara-Afrika immer stärker auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen. Der Kontinent hat jüngst beachtliche politische und wirtschaftliche Fortschritte gemacht. Die Afrikanische Union hat für den eigenen Kontinent mit dem Prinzip der Nichteinmischung gebrochen. Sie schließt nicht mehr die Augen, wenn in einem Mitgliedstaat schlimme Verbrechen geschehen, sondern bemüht sich um Lösungen. In vielen Ländern haben Wahlen stattgefunden, die demokratischen Ansprüchen genügen. 16 Länder in Subsahara-Afrika weisen seit zehn Jahren ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich über fünf Prozent auf. Diese Entwicklungen stimmen optimistisch.

“Mich ermutigt nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch das wachsende Selbstbewusstsein, das in den politischen Projekten der Afrikanischen Union und des afrikanischen Entwicklungsprogramms "New Partnership for Africa's Development" (Nepad) zum Ausdruck kommt. Dass Nepad sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellt, beweist etwa das Programm "e-school", das Schulen durch ein afrikaweites Satellitennetz an das Internet ankoppelt und so Lerninhalte und Qualität des Unterrichts verbessert. Der Anschluss an die weltweite Datenautobahn ist heute auch in den Weiten Afrikas oft nur einen Mausklick entfernt. Solche afrikanischen Reformansätze verdienen Unterstützung. Wir im Norden sollten begreifen: Es geht darum, dass wir den Menschen helfen, sich selbst zu helfen, dass sie ihre Stärken entdecken und ihre Potenziale entfalten. Allen, auch uns in Deutschland und Europa, wird eine positive Entwicklung in Afrika mehr Vorteile bringen. Manchmal frage ich mich, ob wir die Kraft zu diesem Perspektivenwechsel haben.

“Wer sich bei uns vor einer Antwort auf diese Frage scheut, weist zur Rechtfertigung gern auf die Rückschläge auf dem Weg zu Sicherheit, Demokratie und guter Regierungsführung in Afrika hin. Und es gibt diese Rückschläge, wie in Darfur, Simbabwe oder Somalia. Ohne Zweifel gehören gewaltsame Konflikte, Missmanagement und Korruption zu den größten Entwicklungshindernissen. Sie zeigen, dass in Afrika noch viel zu tun ist. Afrika braucht Richter, Parlamentarier und Beamte, die sich am Allgemeinwohl orientieren und nicht an der eigenen Tasche. Wenn sich die wirtschaftlichen Potenziale Afrikas entfalten und mehr ausländische Investitionen angezogen werden sollen, müssen Rechtssicherheit und ein verlässlicher staatlicher Ordnungsrahmen geschaffen werden.

“Viele afrikanische Länder sind reich an Rohstoffen. Ich hoffe sehr, dass Vernunft und internationale Regeln sicherstellen werden, dass die Einnahmen aus diesen Rohstoffen vor allem den Afrikanern selbst zugute kommen. Afrika muss auch in die Lage versetzt werden, eine verarbeitende Industrie aufzubauen, die Arbeitsplätze schafft. Hier bieten sich große Chancen für deutsche Unternehmen.

“Wichtig ist, dass wir uns von Doppelstandards verabschieden. Zur Korruption gehören immer zwei. Korruption und undemokratisches Verhalten werden leider immer noch auch von Beteiligten aus dem Ausland gestützt. Wie rechtfertigen wir es zum Beispiel, dass die Hälfte der G8-Länder, darunter Deutschland, die Konvention der Vereinten Nationen zur Korruptionsbekämpfung bisher nicht ratifiziert hat? Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind in der interdependenten Welt, in der wir leben, überlebenswichtig. Doppelstandards finden sich auch in der Handelspolitik. Wir, die reichen Industrienationen, subventionieren unsere Exporte, etwa für Agrarprodukte, und wir haben Abwehrmechanismen, die uns vor Einfuhren aus den Entwicklungsländern schützen sollen. Dasselbe Verhalten bei Entwicklungsländern stößt dagegen auf Ablehnung. Dabei ist ein faires internationales Handelsregime entscheidend für eine erfolgreiche Armutsbekämpfung. Handel ist die beste Hilfe zur Selbsthilfe.

“In unserer zusammenwachsenden Welt sind wir alle aufeinander angewiesen. Kein Staat und keine Staatengruppe kann das eigene Wohlergehen im Alleingang sichern. Ohne eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Afrika wird es uns nicht gelingen, die Herausforderungen zu bestehen. Dafür setze ich mich ein. Lassen Sie uns mit anderen Augen auf den afrikanischen Kontinent blicken. Es ist ein Kontinent der Zukunft.“

Copyright © FR-online.de 2009;
Hervorhebungen: Ben.

" ... alles futsch?"

Ein paar Fragen an Henning Mankel: über die Folgen der Finanzkrise und über die Zukunft Südafrikas unter der Regierung von Präsident Jacob Zuma.

Herr Mankell, Sie leben die Hälfte des Jahres in Afrika und werden nicht müde, das Potenzial des Kontinents zu preisen. Nun ist im Vorzeigestaat Südafrika der umstrittene Präsident Jacob Zuma 100 Tage im Amt, in der letzten Zeit lähmten Streiks und Unruhen das Land. Verliert da nicht selbst ein Optimist wie Sie die Hoffnung?

Immer der Reihe nach! Afrika ist keine homogene Einheit. Es tut sich sehr viel auf dem Kontinent. Was in Südafrika passiert, hat nichts mit Ghana oder dem Senegal zu tun.

Aber Südafrika galt seit Ende der Apartheid als Leuchtturm. Sie werden nicht bestreiten, dass die Strahlkraft nachgelassen hat.

Die Situation dort ist extrem kompliziert. Da gibt es zunächst Probleme wie die Armut oder die Aids-Epidemie. Aber das größte Problem ist die Korruption innerhalb des ANC, der von der Widerstandsbewegung zur Regierungspartei wurde, aber die Postenschacherei und Vetternwirtschaft nie überwunden hat. Darüber sind die Menschen enorm verärgert, auch viele ANC-Anhänger, denen seit Jahren ein besseres Leben versprochen wird - ohne dass sich etwas ändert.

...

Kann Südafrika es trotzdem schaffen, die Zugmaschine des Kontinents zu bleiben?

Vieles spricht dafür. Vor allem, weil das Land im Vergleich zu anderen armen Ländern eine starke Zivilgesellschaft hat: Vereine, Gewerkschaften, Frauenorganisationen. Darauf stützte sich Mandela damals, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Im Vergleich zu Südafrikas Zivilgesellschaft fällt auf, wie sehr solche Vereine und Gruppen zum Beispiel in Mosambik fehlen, wo ich lebe.

In den Industrieländern teilen viele Ihren Optimismus nicht: Zuma wirkt überfordert, die Streiks konnten nur mit ruinösen Lohnerhöhungen beendet werden. Das nährt Zweifel, ob die noch abgeschlageneren Länder Afrikas wirklich die Kraft zur Modernisierung haben.

Zu Unrecht. So sehr Südafrika die Lokomotive der Region ist, geben auch die Fortschritte in anderen Ländern Grund zur Hoffnung. Nehmen Sie Mosambik und Namibia: Da gibt es heute ziemlich stabile Demokratien.

Aber gerade haben Sie Mosambik doch noch wegen der fehlenden Zivilgesellschaft kritisiert.

Man muss differenzieren. In Mosambik haben wir eine garantierte Meinungsfreiheit. Jeder kann heute im mosambikanischen Fernsehen den Präsidenten kritisieren, ohne Ärger zu bekommen. Natürlich gibt es nach wie vor viele Probleme. Aber wir dürfen uns nicht nur darauf konzentrieren, das macht hoffnungslos.

Auf dem Gipfel in Heiligendamm versprachen die G-8 Afrika vor zwei Jahren milliardenschwere Hilfe bis 2010. Bisher ist nicht mal die Hälfte gezahlt worden. Was sind solche Versprechen in Zeiten der Krise noch wert?

Ich habe nie daran geglaubt. Etwa an das Ziel, die Armut bis 2015 zu halbieren. Vergessen Sie all die Versprechen. Die Afrikaner haben auch nie daran geglaubt. Dafür ist jetzt in Afrika eine viel interessantere Diskussion im Gange: über die richtige A r t der Hilfe. Immer mehr Afrikaner glauben, die heutige Struktur der Hilfe stört den Aufbau in Afrika.

Sie bekommen in Mosambik zu hören, Europa soll sich aus Afrika ganz zurückziehen?

Nur mit Hilfsprojekten, die die Abhängigkeit verstärken. Die Afrikaner sagen mir, "Wir wollen Handel treiben!" Afrika müsste bei G-8-Gipfeln nicht mehr Geld verlangen, sondern einen radikalen Umbau des Welthandels. Die EU unterstützt Europas Bauern mit einer Milliarde Dollar am Tag - und Afrikas Bauern mit Entwicklungshilfe von einer Milliarde Dollar pro Jahr. Das ist grotesk.

Wie wirkt sich die Krise des Nordens in Afrika aus?

Sie ist allgegenwärtig. Die Leute haben Angst. Weil sie ihre Arbeit verloren haben, alles. Was mich so wütend macht: Vor der Krise gab es in vielen afrikanischen Staaten gutes Wachstum. Das ist nun alles futsch. Wir haben in unser Finanzsystem drei Billionen Dollar Rettungsgeld gesteckt. Gleichzeitig suchen wir seit Jahren nach 20 Milliarden, um das Risiko von Hungerkatastrophen in Afrika zu verringern. Das Geld ist nicht aufzutreiben.

Wie kommentieren das Ihre afrikanischen Kollegen?

Mit sehr viel Bitterkeit. Sie sagen: "Wir sind ein wenig aufwärts geklettert - und landen jetzt wieder im Dreck." Und ich gebe ihnen Recht. Ich frage mich, woran zum Teufel es liegt, dass keiner von euch Journalisten über die wirklichen Leidtragenden der Krise berichtet: die Menschen im armen Teil der Welt.

Henning Mankell, 61, lebt seit mehr als 20 Jahren für die Hälfte des Jahres in Mosambiks Hauptstadt Maputo. Er hat etliche Bücher und Essays über das Leben in Afrika geschrieben und leitet seit 1986 das "Teatro Avenida" in Maputo.

Interview: Steven Geyer, (c) Frankfurter Rundschau 06.08.2009, 40; Hervorhebungen: Ben.


03. Juni 2009

Offener Brief:

Deutscher Evangelischer Kirchentag
- Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin -
Magdeburger Straße 59
36037 Fulda

Nachbarkontinent Afrika - jetzt erst recht!

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Dr. Ueberschär,

uns ist während des Kirchentages in Bremen zu Ohren gekommen, dass Leitungsgremien des Kirchentages erwägen, künftig kein Veranstaltungszentrum zum Thema Afrika mehr zulassen zu wollen.

Für den Fall, dass der DEKT tatsächlich beabsichtigt, künftig kein Veranstaltungszentrum zum Thema Afrika mehr anzubieten, bekunden wir hiermit unseren Protest und rufen Sie dringend dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag sich gerade jetzt und in absehbarer Zukunft verstärkt den Fragen und Belangen unseres Nachbarkontinents Afrika öffnet und ihnen Raum zur öffentlichen Erörterung gewährt.

Schon alleine die wirtschaftlichen und sozio-politischen Folgen des Klimawandels im nachkolonialen Afrika heute, den wir in Europa besonders mitzuverantworten haben, verpflichten uns dazu, uns den Menschen in unserm Nachbarkontinent bei deren Anstrengungen und Lösungskonzepten verstärkt zuzuwenden und sie im öffentlichen Bewusstsein zu halten. Die andauernden Krisen im Dafur, in Somalia, im Kongo, in Simbabwe und andernorts sowie die sich anbahnende Zuspitzung der Konflikte um die Landfrage und Lebensmittelproduktion in Südafrika und Namibia im Zuge der fortschreitenden Weltwirtschaftskrise fordern gerade uns in Europa dazu auf, das öffentliche Interesse an Entwicklungen in Afrika wach zu halten und zumindest so zu angestrebten Lösungen beizutragen.

Das Afrika-Zentrum auf Kirchentagen ist einer der bewährten Orte, an dem Begegnungen, Informationen, Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu aktuellen und dauernden Themen stattfinden und oft zu nahhaltigem solidarischem Handeln führen, das der Lösung anstehender Fragen unserer Zeit dient.

Wir sind gerne bereit, eventuell im Gespräch mit Ihnen zu beraten, dass und wie der Deutsche Evangelische Kirchentag gerade jetzt und in nächster Zukunft die Menschen im Nachbarkontinent Afrika im Blick behält und ihnen Raum zur Mitwirkung gewährt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr Ben Khumalo-Seegelken, Huntlosen; Ubbo Khumalo-Seegelken, Huntlosen; Christian Hohmann, Regionalpfarrer für Mission, Ökumene und Weltverantwortung (MÖWe) der Evangelischen Kirche von Westfalen; Dr. Markus Braun, Tübingen; Ilse Braun, Tübingen; Barbara Klingbeil, Uelzen; Gerhard Küsel, Schortens; Ulrike Hoffmann, Oldenburg; Esther Seedorf, Berlin; Dr. Sebastian Seedorf, Berlin; Klaus Gockel, Brüggen; Hans Blum, Frankfurt/M; Christiane Teichner-Diabate, Berlin; Herbert Stegmaier, Hermannsburg; Klaus Matthes; Elisabeth Hannusch; Frauen wagen Frieden, Pfalz; Nulf A. Schade-James, Frankfurt/M; Henning Schlimm, Bad Boll; Christoph Beninde, Bielefeld; Karin Saarmann, Aktion Bundesschluss; Heinz-Dieter Beushausen, Kirchengemeinde Walle;

Weitere Unterschriften folgen.

Koordination:

Dr. Ben Khumalo-Seegelken, Alte Ziegelei 4, 26197 Huntlosen www.benkhumalo-seegelken.de

"Nachbarkontinent Afrika - jetzt erst recht!": Unterschriftenliste zum OFFENEN BRIEF

Schon alleine die Auswirkungen des Klimawandels im nachkolonialen Afrika heute, den wir in Europa besonders mitzuverantworten haben, verpflichten uns dazu, uns den Menschen in unserm Nachbarkontinent verstärkt zuzuwenden und sie im öffentlichen Bewusstsein zu halten.

Ich schließe mich dem Aufruf "Nachbarkontinent Afrika - jetzt erst recht!" an: Unterschriftenliste einsehen / eintragen

... eine neue Bewegung von unten?

Ich grüße euch!

"War das der Anfang einer neuen Bewegung von unten - Ausdruck von Zorn über die Weltwirtschaftskrise und ihrer Ursache?" fragt Joachim Wille in einem Zeitungsartikel im Anschluss an die Demonstrationen in Frankfurt/M und Berlin am letzten März-Wochenende 2009, die unter dem Motto "Wir zahlen nicht für Eure Krise!" durchgeführt worden waren.

Was war geschehen?

Weit über 55 000 Menschen waren in Frankfurt/M und Berlin auf die Straße gegangen - 35 000 in London - um ihre Unzufriedenheit mit der andauernden Krisenpolitik kundzutun und sich für eine "gerechteren" G20-Gipfel der großen Industrie- und Schwellenländer auszusprechen. Die Initiatoren klopften sich auf die Schultern, wie gut sie mobilisiert hatten. Doch nüchtern betrachtet, gilt es: Bundesliga und Premier League holen mehr Leute von der Couch ins Stadion.

Wieder einmal brachten die Menschenmassen auf der Straße zum Ausdruck, dass "die lange gehegte Hoffnung, dass wirtschaftliches Wachstum durch technischen Fortschritt nachhaltig oder klimafreundlich gestaltet werden kann, bröckelt." Es wird immer deutlicher, dass ein auf permanente ökonomische Expansion getrimmtes System kein Garant für Stabilität und soziale Sicherheit sein kann.
Ein Umdenken, das tief greifende Veränderungen bei uns und in der weiten Welt nach sich ziehen könnte, wird hoffentlich immer mehr Menschen erfassen und einbeziehen, solange wie ansatzweise am letzten März-Wochenende 2009 öffentlich über Alternativen und gangbare Wege diskutiert und gestritten wird. Die Fragen stehen an und pochen auf Antwort:

  • Was wären die Merkmale einer Ökonomie jenseits permanenten Wachstums?
  • Welcher Wandel, welche Institutionen, welche Konsum- und Produktionsmuster gingen damit einher?
  • Welche Wege führen in eine Wirtschaftsordnung, die auch ohne permanentes Wachstum für soziale Stabilität sorgen könnte?

Eine Mobilisierung wie zu Zeiten der Anti-Apartheidbewegung der 70er Jahre oder Friedensbewegung, als 1983 rund 300 000 Menschen in Bonn gegen die Nato-Nachrüstung protestierten, ist noch nicht in Sicht. Die meisten Menschen in Deutschland heute schauen gelähmt zu, wie Milliarden von Euros auf den Konten von Pleitebanken verschwinden, während früher Millionen für die Sanierung von Schulen und Unis fehlten.

"Wenn Massenentlassungen etwa bei den Banken beginnen und die Gewerkschaften einsteigen, verändert sich die Lage.", sagt Claus Leggewie, Politikwissenschaftler und Präsident des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Finanznöte der Bundesagentur für Arbeit seien bereits absehbar. "Da tun sich Milliardenlöcher auf." Es ist zu befürchten, dass der nächste Aufschwung nicht schon 2010 wieder einsetzt, sondern "auch fünf oder zehn Jahre" auf sich warten lässt. Eine tiefe System-Krise also.

Daher seien die Ziele des derzeitigen Protestes zu kurzfristig, moniert Leggewie. "Joberhalt ist wichtig", sagt er, "aber es müssen die richtigen Jobs sein." Die Verschränkung der Finanzkrise mit der Klimakrise werde zu wenig beachtet. Die Autoindustrie zum Beispiel solle durchaus „gesundschrumpfen" und nicht durch die Abwrackprämie künstlich auf hohem Niveau stabilisiert werden, meint der Politologe. Für deren Arbeiter und Ingenieure gebe es genügend Tätigkeitsfelder in anderen, zukunftsfähigen Brauchen, wie etwa bei den erneuerbaren Energien.

Unter den Demo-Teilnehmern in Frankfurt und Berlin waren nicht wenige, die zum ersten Mal demonstrierten. Es habe sich nicht um die "übliche Klientel von Sozialprotest-Demonstrationen" gehandelt, sagte ein Attac-Sprecher. Offenbar lasse sich auch das ansonsten nicht so mobilisierungsbereite Spektrum auf das Thema Finanzkrise doch eher ansprechen und zum Umdenken anregen.

Leggewie meint, hier könne sich eine Basis für neue, unkonventionelle Protestformen entwickeln. "Wer nicht will, dass der Staat Steuergelder falsch einsetzt, muss einen Steuerboykott machen", sagt er. "Und wenn Pleite-Banken Millionen-Boni an Manager raushauen, muss man sein Konto dort auflösen."

Endlich kommt etwas mehr in Bewegung in den Alltag. Neue Rahmenbedingungen für eine "gerechtere" Weltwirtschaft sind aber erst denkbar, wenn Menschen in der Basis - "unten, wo wir sind" - nicht mehr länger gleichgültig und uninteressiert bleiben, sondern sich regen und bewegen und einmischen!

Ben.
01. April 2009

Rassismus fängt im Kopf an!
Trailer zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus

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Die Würde des Menschen

... dass der Mensch dem Menschen wieder Mensch werde!

Ich grüße euch,

mitten unter uns - in Berlin - keineswegs nur im Kongo, im Nahen Osten oder am fernen Hindukusch, tun Menschen sich fast täglich gegenseitig Gewalt an. Es ist bedrückend.

Darum bedeuten auch die herausragenden Ereignisse dieser Tage, wie die Vereidigung Barak Obamas, des ersten Präsidenten schwarzer Hautfarbe der Weltmacht USA eine unmittelbare Herausforderung, die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen zu schützen. Die gleich von ihm in die Wege geleitete Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo, des Inbegriffs primitivster Unmenschlichkeit, könnte eine erste Antwort sein.

Das Jahr 2009 gibt verschiedentlich Anlass dazu, ein neues Blatt aufzuschlagen, denn es ist ein Jahr vieler besonderer Gedenktage:

  • Wir erinnern uns, dass die Nachkriegsdemokratie in Deutschland 60 Jahre alt wird.
    Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet und der erste Bundespräsident gewählt. Im September konstituierten sich der erste Deutsche Bundestag und der Bundesrat; der erste Bundeskanzler bildete seine Regierung. Vor 60 Jahren gründete sich auch die Deutsche Demokratische Republik (DDR).
  • Wir erinnern uns in diesem Jahr aber auch daran, dass das von Deutschland ausgehendes Unrecht und Staatsterror tiefe Wunden hinterlassen haben.
    Vor 70 Jahren, am 1. September 1939, überfiel Nazi-Deutschland Polen. Der zweite Weltkrieg begann, der die Welt erschütterte und 20 Millionen Menschen das Leben kostete.

Seit 60 Jahren gilt bei uns: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Angesichts mancher nach wie vor auch bei uns vorhandener Verletzungen der Menschenrechte frage ich mich: Wie kann es uns besser gelingen, selbstverständlich gewaltfrei miteinander zu leben? Wie weit werden wir damit in weiteren 60 Jahren sein?

Während ich mir diese Gedanken mache, ist mir meine zweite Heimat, die junge Demokratie am Kap der Guten Hoffnung, stets vor Augen. Ich bin gespannt, wie die Menschen in Südafrika das Jahr 2009 mit seinen anstehenden Parlamentswahlen erleben und wie auch dort die Würde eines jeden Menschen tatsächlich unantastbar wird.

Ben
24. Januar 2009

Wann ist endlich Schluss?

Ich grüße euch,

seit Tagen hören und lesen wir:

»Im Nahen Osten stehen die Zeichen weiter auf Eskalation. Nach drei Tagen Krieg und mehreren Hundert Toten deutet sich gar eine Bodenoffensive Israels an. Verteidigungsminister Ehud Barak erklärt, sein Land führe einen "Krieg bis zum bitteren Ende"

»In den arabischen Hauptstädten hält man den Atem an. Denn die Kriegshandlungen Israels im Gazastreifen könnten sich zu einem Flächenbrand in der ganzen Region ausweiten. Noch halten sich die Proteste der jeweiligen Bevölkerung in Grenzen. Doch der innenpolitische Druck wächst, besonders auf die Regierungen von Ägypten und Jordanien, die Friedensverträge mit Israel haben.«

Weit über den Nahen Osten hinaus wurde durch den andauernden Vernichtungskrieg die niedrigste Stufe menschlichen Anstands in erschreckendem Maße unterschritten, die Grundlagen rechtsstaatlicher Mitverantwortung für Wahrung des Weltfriedens und das ethische Gebot gegen mutwillige Vernichtung mitmenschlichen Lebens verletzt.

Wann ist endlich Schluss damit?

Ich meine: Zum "bitteren Ende" darf es um Gottes und um der Menschheitswillen nicht kommen! Der Krieg muss beendet und die Kriegstreibenden entwaffnet werden. Das militärische Gleichgewicht im Konfliktfeld Nahen Osten muss dringend durch Entwaffnung wiederhergestellt werden, damit die Zivilbevölkerung überleben und Bemühungen um Verständigung und Konfliktlösung eine Chance bekämen.

Ich rufe die Bundesregierung dazu auf, sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen dafür einzusetzen, dass die Kriegstreibenden unverzüglich entwaffnet und zur Rechenschaft gezogen werden und einen Friedensplan entwickelt und umgesetzt wird, der dann auch zum Wohle aller - nicht nur Israels! - gehandhabt wird.

Aufruf mitunterzeichnen: https://epetitionen.bundestag.de

Ben Khumalo-Seegelken.

Gerichtsurteile

Ich grüße euch,

in diesen Tagen ging vor dem Landgericht Dessau ein Strafverfahren gegen zwei Polizeibeamte zu Ende, denen die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage vorwirft, für den grausamen Verbrennungstod des schwarzafrikanischen Asylbewerbers Oury Jalloh verantwortlich zu sein. Zeitgleich wurde in Bremen ein Arzt vor Gericht freigesprochen, der einen tödlichen Brechmitteleinsatz gegen einen Tatverdächtigten afrikanischer Abstammung zu verantworten hatte.

Zum Ende des Verfahrens (Urteilsverkündung) in Dessau zieht die Flüchtlingsorganisation PRO ASYL (Frankfurt/M.), die diesen Strafprozess durch RA Dr. Rolf Gössner hat beobachten lassen, eine Bilanz, die ich informativ und erhellend finde und die ich zum Anlass nehme, auch mit euch ernsthaft darüber nachzudenken, was wir tun können, damit diese sich häufende Vorkommnisse und Erschütterungen ein Ende finden:

hier: Bilanz.

Dazu:

Dessau. Bremen. ...

Hier wie dort: Ein Mensch kommt gewaltsam ums Leben;
ein Gerichtsverfahren wird eröffnet.
Hier wie dort: Gerichtsverhandlungen werfen Fragen und Rätsel auf.
Fragen bleiben offen.

Hier wie dort: Ein Gerichtsurteil wird gefällt.
Das Gerichtsurteil löst Empörung aus
- nicht ohne nachvollziehbaren Grund:

Bremen: Freispruch im Brechmittel-Fall - "Grausam, unmenschlich"
Dessau: Jalloh-Prozess - Tumult nach dem Freispruch

In Trauer um Oury Jalloh und viele Namenlosen
schweige ich bestürzt und zutiefst enttäuscht darüber,
dass Gerechtigkeit doch oft ein Traum bleibt
- Genugtuung oft vergeblich herbeigesehnt werden muss.

Ben.

Persönlich & daheim

Ich grüße Euch,

zwar haben Ubbo und ich inzwischen unsere Reisetaschen bereits ausgepackt, aber die Seelen sind lange noch nicht wieder hier angekommen! Sie brauchen eben länger.

Herbstlich ist es hier inzwischen geworden; am `Kap der guten Hoffnung´ bricht gerade der Frühling an. Etwas länger wären wir ja schon alleine deswegen dort geblieben, aber auch für uns ist zu Hause nach wie vor am besten!

Pondering: uMzimvumbu & Indian Ocean

Die zurückliegenden 6 Wochen sind unglaublich ereignisreich verlaufen: Sowohl mit unseren Angehörigen in und um Johannesburg und im ländlichen KwaZulu-Natal sowie im näheren und weiteren Freundschaftskreis quer durch das ganze Land haben wir Südafrika in diesen Wochen so intensiv und facettenreich wie selten zuvor in all den inzwischen 14 Jahren unserer Jahresbesuche erlebt.

Die unterschiedlichen landschaftlichen Besonderheiten des Riesenlandes zwischen dem Atlantischen und dem Indischen Ozean und die große Vielfalt unter seinen 45 Millionen Einwohnern der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Hautfarben und Einkommensklassen machen beinahe jeden einzelnen Tag zum unwiederholbaren Erlebnis - besonders in diesem Jahr der vielen Turbulenzen!

In kurzer Abfolge haben sich einschneidende innenpolitische Umwälzungen ereignet und wir konnten die verschiedensten Regungen und Positionierungen unmittelbar erfahren. Von Gauteng über Mpumalanga, KwaZulu-Natal, Ostkap, Karoo bis Kapstadt und Westkap führte unsere selbstbestimmte Route und brachte uns mit Menschen aller Bevölkerungsgruppen und Schichten ins Gespräch und zum Meinungsaustauch: "San! - not Bushman!" bekräftigten immer wieder die Internatsschüler auf der ehemaligen Missionsstation "Wupperthal" (1830-1965) in den Cedarbergen nordöstlich von Kapstadt - Nachkommen der Ureinwohner jener Gegend Südafrikas -, mit denen wir uns bis sehr spät abends ausgefragt und ausgetauscht und unterhalten haben: Von A wie "Apartheid" oder "ANC" bis Z wie "Zwangsumsiedlung" oder "Zuma" ging es!

Interessant ist es gewesen, bei Begegnungen und Ereignissen festzustellen, dass und wie differenzierter die derzeitigen parteipolitischen Turbulenzen im allgemeinen beurteilt werden und wie das Bewusstsein um Rechtsstaatlichkeit (`rule of law´) gerade in der Beurteilung der groben Rechtsbrüche und der gewalttätigen Ausschreitungen der letzten Wochen gewachsen ist und wächst. Die "Constitution" ist in aller Munde und wird zurecht oder zu unrecht von den einen oder den anderen bemüht, die die eine oder die andere Position im Meinungsstreit zu begründen versuchen! Die junge Demokratie am Kap kommt mir vor krisentauglicher und lebensfähiger geworden zu sein.

Die lang ersehnte Normalisierung der parteipolitischen Landschaft etwa durch Entstehung neuer Interessengemeinschaften und politischer Parteien aus der bisherigen Sammelbewegung ANC, die themenorientiert argumentieren und arbeiten und auf gelingende Verhandlungen zur Zusammenarbeit mit andern angewiesen sind, scheint endlich unaufhaltsam in Gang gekommen zu sein. Mit wachsendem Interesse verfolgen wir die Entwicklungen der nächsten Wochen und Monate und sind gespannt, wie der anstehende Wahlkampf sich entfaltet und wer der nächste Staatspräsident - die nächste Staatspräsidentin - sein wird!

Vorerst müssen wir aber versuchen, hier wieder anzukommen! Das kühle Herbstwetter macht uns zu schaffen. Dass wir aber wieder zu Hause sind, freut uns selbstverständlich sehr.

Für heute grüße ich euch auch von Ubbo herzlich.
Euer Ben.

Oktober 2008

Dr. Ben Khumalo-Seegelken
"KwaMachanca"
Alte Ziegelei 4
D-26197 HUNTLOSEN
eJalimane/Deutschland
Tel/Fax: 0(0 49) - 44 87 - 75 02 85

www.benkhumalo-seegelken.de

"KwaMachanca" = "Wo die Antilope selbst am helllichten Tage angstfrei und sorglos grasen kann" / "KwaMpunz'edl'emini!"