…erbost!

Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu wird 80 Jahre alt. Die Regierung seines Landes aber beugt sich dem Druck Chinas.

Johannes Dieterich berichtet:

Desmond Tutu, einer der Väter der südafrikanischen Regenbogennation, feiert heute (7. Oktober 2011) seinen 80. Geburtstag. Dem anglikanischen Erzbischof und Friedensnobelpreisträger wurde die Freude an dem runden Termin allerdings gründlich vergällt. Wütend wie ihn schon seit Jahrzehnten niemand mehr erlebt hatte, geißelte der Jubilar die Weigerung der ANC-Regierung, seinem Geburtstagsgast Dalai Lama rechtzeitig ein Visum auszustellen.

Vermutlich auf chinesischen Druck hin hatte Pretoria über Wochen hinweg seine Entscheidung über die Einreiseerlaubnis hinausgezögert – bis das geistliche Oberhaupt der Tibeter schließlich seinen Besuch zwei Tage vor dem Abflug selbst absagte. „Unsere Regierung ist schlimmer als die Apartheidregierung“, tobte Tutu: „Von dieser hatte man ja nichts anderes erwartet.“

Als sich der Jubilar in Kapstadt am Dienstag an die Presse wandte, brach aus ihm heraus, was sich bereits seit Jahren angestaut hat: eine abgrundtiefe Enttäuschung über die eigene Regierung, für deren Machantritt vor 17 Jahren der Anti-Apartheidkämpfer sein Leben eingesetzt hatte. „Mr. Zuma, Sie und Ihre Regierung repräsentieren mich nicht“, fauchte der Erzbischof im Ruhestand. „Eines Tages werden wir genauso für den Sturz der ANC-Regierung beten, wie wir für den Sturz der Apartheidregierung gebetet haben.“

Es ist der Verlust einer moralischen Politik, die Südafrikas „Gewissen der Nation“ besonders peinigt. Mit der Brüskierung des Dalai Lama, der den gewaltlosen Widerstand gegen die „brutale chinesische Unterdrückung“ repräsentiere, habe die ANC-Regierung „unseren eigenen Widerstandskampf verraten“, polterte Tutu.

„Alle, die in unseren Kampf verwickelt waren, werden sich im Grab herumdrehen.“ Dass die Verantwortlichen des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) immer prinzipienloser und selbstsüchtiger handelten, beklagt der charismatische Kirchenmann bereits seit Jahren: Dem selbst in Korruptionsvorwürfe verwickelten Präsidenten Jacob Zum empfahl Tutu einst, wegen seiner „moralischen Mängel“ auf sein Amt zu verzichten. Eigentlich hatte der Freund Nelson Mandelas bereits vor einem Jahr seinen Rücktritt aus dem öffentlichen Leben angekündigt. Er wolle künftig lieber Tee mit seiner Frau Leah trinken als Interviews geben, sagte Tutu damals.

Nun ist das leibhaftige Gewissen wieder schlagartig ins Zentrum der Öffentlichkeit gerückt. Kommentatoren beklagen den „unbeschreiblichen Schaden“, den Südafrikas Regierung angerichtet habe. Es sei ein riesiges PR-Desaster, meint Universitätsprofessor Tinyiko Maluleke. So schnell wird das nicht vergessen: Die Feierlichkeiten mit einem Gottesdienst, öffentlichen Vorträgen und einem privaten Picknick werden bis Sonntag andauern. Im Gegensatz zum Dalai Lama erhielten der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter, Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan sowie der britische Rockstar Bono und der britische Unternehmer Richard Branson ihre Einreisegenehmigung. Auch sie werden aus ihrer Enttäuschung kein Geheimnis machen.

Neben dem „kleinsten Riesen der Welt“, wie Rockstar Bob Geldof Tutu einst nannte, und dem vom Alter zum Schweigen gebrachten Nelson Mandela hat keine andere Persönlichkeit am Kap das nötige Gewicht, um der immer fragwürdiger auftretenden Regierungspartei Paroli bieten zu können. Der rhetorisch brillante Erzbischof hat sich seine Reputation in den 70er Jahren als Sprecher des Anti-Apartheidkampfes verdient: Schon damals suchte die weiße Minderheitsregierung Tutu mit massiven Drohungen und sogar einem Bombenanschlag zumindest mundtot zu machen. Der 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete und 1986 zum ersten schwarzen Erzbischof Südafrikas erhobene Geistliche positionierte sich mit seiner Befürwortung der Wirtschaftssanktionen gegen das Apartheidregime, was mitunter in seinem Freundeskreis umstritten war.

Bitter war seine Enttäuschung über die Entwicklung im freien Südafrika. „Ich hatte schon erwartet, dass sie sagen würden: „Ach Mann, er wird jetzt 80, lasst uns nett zu ihm sein“, sagte der nie um eine humorvolle Bemerkung verlegene Jubilar in einem Presseinterview. Man hätte ihm fürwahr ein schöneres Geschenk gewünscht.

© Frankfurter Rundschau 07.10.2011
Hervorhebungen: Ben

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Kommentare zu »…erbost!«

  1. […] derart Vorrang bekommen, dass das Eintreten für Menschenrechte  darüber fallengelassen wird? Desmond Tutu musste unlängst seinen 80. Geburtstag ohne einen seiner eingeladenen Gäste, den Dalai Lama, dem […]

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