Neu und doch vertraut

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Ich habe am 4. September 2010 in Südafrika auf einem Hügel gestanden und eine ganze Weile auf die Stadt hinuntergeschaut, in deren Nähe ich bis 1975 gelebt habe – Pietermaritzburg, Universitäts- und Provinzhauptstadt von KwaZulu-Natal. Ich habe die unzähligen Siedlungen samt den vielen Büschen, Weiden und Feldern ringsherum auf mich wirken lassen und mich dabei sehr gefreut – ich war innerlich bewegt und wurde nachdenklich: Es war mein Geburtstag – mein 60.!

Lange war ich inzwischen ja nicht mehr hier gewesen – 35 Jahre lebe ich schon weit weg von hier. Etliche, mit denen ich aufwuchs, studiert, gearbeitet und gekämpft habe, sind mittlerweile auch nicht mehr hier – etliche nicht mehr am Leben: Waren sie den Wellen der Razzien und Festnahmen 1975-1977 entkommen und hatten sie wie viele andere die fortdauernde Unterdrückung und Verfolgung irgendwie überleben können, sind doch nur wenige von ihnen von den anschließenden bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen verschont geblieben, die sechzehn Jahre lang (1980-1996) in dieser Gegend gewütet und zigtausende Tote und noch mehr Entwurzelte hinterlassen haben. HIV und AIDS forderten ebenfalls ihren Tribut. Gräber, Ruinen, Trauer.

Einige neue Straßennamen erinnern zwar an sie, jene Frauen und Männer meiner Generation, – ihr direkter Beitrag fehlt uns jedoch sehr, wenn heute neue Weichen gestellt werden und um neue Lebensperspektiven gerungen wird.

*

Ein langjähriger Freund fasst zusammen:

Sechs Jahrzehnte miterlebt und mitbewegt:

Erfolge verbucht, Ziele erreicht, viel Glück gehabt;
Missgunst tapfer standgehalten und Unrecht widerstanden;
Enttäuschungen und Misserfolge eingesteckt,
Erschütterungen überlebt
und dabei (hoffentlich) klug und weise geworden.

Mittlerweile endlich (wieder) zu Hause angekommen
in Afrika und in Europa,
wohlauf und gesund.

Glückwunsch!

*

Ich bin dankbar, schätze mich glücklich und fühle mich reichlich beschenkt. Ich teile und gebe gerne davon etwas weiter.

Im „neuen“ Südafrika lerne ich neuerdings immer wieder „Neue“ und Neues kennen; doch auch Vertrautes begegnet mir noch oft; ich treffe mnchees aus alter Zeit Gewohntes wieder: Menschen, die obdachlos sind, Landlose, Arbeitslose, Flüchtlinge – aus dem Kongo, Somalia, Zimbabwe, aus `Ganzafrika´, Kinder und Jugendliche mit viel Potenzial, jedoch ohne Chance, Enttäuschte und Verbitterte. Es gibt viel zu erzählen und noch mehr miteinander zu entdecken. Wir tauschen uns aus. Wir arbeiten zusammen: ukuBuyisana, das zähe Ringen um Ausgleich und Versöhnung verbindet uns und hält uns in und um die Universitäts- und Provinzhauptstadt in Bewegung – mich, uns, Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen. Das große Versöhnungsfest >> KZN Reinigen und Versöhnen, das wir Anfang November 2010 in Vulindlela gefeiert haben, hat uns wieder zusammengeschweißt und neu motiviert. Ich bleibe gerne Teil dieser Bewegung, um so mehr, da ich weiß, dass auch mein Mann in dieser Stadt genauso verwurzelt ist wie ich. Hier haben sich ja unsere Lebenswege zum ersten Mal gekreuzt – 1973!

Zurück im heimatlichen Nordwestdeutschland, wo mich immer noch Glückwünsche zum 60. Geburtstag erreichen, wird mir erneut bewusst: Die Netzwerke und Freundschaftskreise, in denen ich in Deutschland und Südafrika lebe, bekommen zunehmend stärkere Bedeutung; die Themen, über die wir uns unterhalten und bisweilen auch kontrovers auseinandersetzen, werden vielfältiger. Gerne pflege ich dieses Beziehungsgeflecht weiter und trage dazu bei, dass Pietermaritzburg und Huntlosen – Süd und Nord – auch in den nächsten 60 Jahren unter einem weiten Sternenhimmel bleiben, sich aufeinander zu bewegen und – wie Ubbo und ich – auf gemeinsamem Weg miteinander wachsen!

Also: Weiter geht’s – ins nächste Lebensjahr!

Ben.

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