„Was sind denn schon 50 Jahre?“

In einem Interview in einer überregionalen Tageszeitung, das wir im Folgenden leicht verkürzt wiedergeben, nimmt der Soziologe Elísio Macamo* Stellung zur Frage, warum die Entwicklung Afrikas eine so große Herausforderung sei und fährt fort:

Herr Macamo, was sind die Industriestaaten Afrika schuldig?

Ich glaube nicht, dass Schuld die richtige Kategorie ist, auch wenn die Kolonialgeschichte uns da einige Hinweise liefert. Ich würde lieber von Verantwortung sprechen, die existiert, da wir in einer gemeinsamen Welt leben. Die einen haben diese Welt durch ihre Wirtschaftspolitik so gestaltet wie sie ist, andere mussten sich damit zurechtfinden. Das ist das Schicksal vor allem der afrikanischen Nationen. Jetzt geht es darum, ob man diese Länder weiter außen vor lassen will. Es geht um die Frage, wie die Industrienationen zu den eigenen Werten stehen. Lässt sich die Verweigerung der Hilfe mit den eigenen Werten vereinbaren?

„Wer Afrika helfen will, darf kein Geld geben“, sagt der kenianische Ökonom James Shikwati. Hemmt immer mehr finanzielle Hilfe die Entwicklung?

Das sehe ich anders. Natürlich sind in der Entwicklungshilfe auch viele Fehler gemacht worden. Aber ohne die Unterstützung stünden viele Länder heute noch schlechter da. Man muss die großen Fortschritte zum Beispiel im Bildungs- und Gesundheitsbereich anerkennen. Sicher, mit finanzieller Hilfe wächst auch die Gefahr von Korruption, es entstehen Abhängigkeiten. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass man die Hilfe nicht braucht, ist ein Denkfehler.

Warum scheitert Entwicklungshilfe auch immer wieder?

Lassen Sie mich philosophisch antworten.

Wir tun immer so, als wüssten wir genau, wie die Industriestaaten sich entwickelt haben. Und dann leiten wir aus den Geschichten, die die Westler sich erzählen, Handlungsanweisungen ab, wie afrikanische Staaten sich entwickeln sollten. Europäische Länder haben zum Beispiel wirtschaftlich stark davon profitiert, dass sie Kolonien hatten. Und Menschen aus europäischen Staaten, die kein Auskommen fanden, konnten emigrieren. Mehr als 50 Millionen Europäer haben ihren Kontinent Richtung Amerika verlassen. All das darf man nicht vergessen, um zu verstehen, warum die Entwicklung Afrikas eine so große Herausforderung ist.

 Aber ist die Gesamtbilanz nach 50 Jahren Entwicklungszusammenarbeit und weit mehr als zwei Billionen Dollar Hilfe nicht ernüchternd?

Ich kann diese Vorwürfe nicht mehr hören, dass Afrika nach 50 Jahren Unabhängigkeit noch immer wenig erreicht hat. Was sind schon 50 Jahre? Wie lang hat Europa gebraucht, sich zu entwickeln?

Was ist der Schlüssel zur Entwicklung Afrikas?

Vor allem Geduld – und kein Aktionismus immer neuer Ideen in der Entwicklungspolitik, die dann mit quasi religiösem Eifer umgesetzt werden. Für die afrikanischen Länder selbst kommt es vor allem darauf an, sich auf die Bewältigung des Alltags zu konzentrieren. Wir brauchen keine UN-Visionen für die nächsten 30 Jahre. Es muss darum gehen, die Fähigkeit der Menschen zu stärken, ihr tägliches Leben und Überleben zu bewältigen und die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal zurückzugewinnen.

Was würde denn passieren, wenn die Entwicklungshilfe von einem auf den anderen Tag komplett eingestellt würde?

Dann käme es zu einer Art arabischem Frühling in Europa. Entwicklungshilfe ist ein riesiges Geschäft, eine große Beschäftigungsindustrie. Viele Menschen im Westen sind darauf angewiesen.

Und was würde es für die afrikanischen Staaten bedeuten?

Für Menschen, die noch um ihr Überleben kämpfen, wäre es schlicht eine Katastrophe. Für Staaten aber mittelfristig doch auch ein Anlass, sich stärker auf die eigenen Ressourcen und Kräfte zu besinnen.

Werden afrikanische Länder von den Gebernationen als Partner wirklich ernst genommen?

Eine echte Partnerschaft kann es nie geben, wenn die Beziehung so ungleich ist. Wenn sie vor allem von der Vorstellung geprägt ist, dass der eine weiß, wie man es richtig macht. Ich kann mir keine europäische Regierung vorstellen, die offen wäre für afrikanische Partner, die sagen, eigentlich sollten wir das besser so machen. Denn die einen argumentieren immer aus der Position derer heraus, die es geschafft haben. Ich sage es mal mit einem kenianischen Sprichwort: Stirnrunzelnde Frösche werden die Kühe nicht abhalten, aus dem Weiher Wasser zu trinken.

Das ist keine schöne Perspektive.

Auch wenn das komisch klingt: Für mich ist diese Einsicht wohltuend, weil wir uns dann eben darauf konzentrieren können, was wir in Afrika selbst erreichen. Ich glaube, es ist wichtig anzuerkennen, dass wir eine unterlegene Position haben, um unsere Probleme dann aus dieser Perspektive zu betrachten. Auch deshalb weigere ich mich, im Verhältnis von Afrika und europäischen Ländern von Schuld zu sprechen. Denn das hilft uns überhaupt nicht weiter.

[Interview: Tobias Schwab]

* Elísio Macamo ist seit 2009 Professor für African Studies an der Universität Basel. Zuvor arbeitete der Entwicklungssoziologe an der Universität Bayreuth, wo er Gründungsmitglied der International Graduate School of African Studies war. Der 50-Jährige ist in Mosambik geboren und aufgewachsen. Er studierte in Maputo, Salford, London und Bayreuth Soziologie, Sozialpolitik und Übersetzung. In Bayreuth hat er sich in Soziologie habilitiert. Macamo beschäftigt sich unter anderem mit vergleichenden Entwicklungsstudien. [Interview: Tobias Schwab]

aus: Frankfurter Rundschau, Politik, 13. Juli 2015, Seite 7

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Kommentare zu »„Was sind denn schon 50 Jahre?“«

  1. Kein Frühling in der Entwicklungshilfe

    Gäbe es nicht gerade – endlich – die Meldung, dass Deutschland nun den Völkermord an den Hereros anerkennt, würde sich vermutlich niemand mehr mit der mehr als unrühmlichen deutschen Kolonialvergangenheit befassen. Und gerade in diesem Zusammenhang finde ich Macamos Antworten dazu bemerkenswert. Sie sind eine Aufforderung, sich – über den eigenen Schatten springend – damit zu befassen. Auch finde ich seine Antwort auf die Frage „Was würde denn passieren, wenn die Entwicklungshilfe von einem auf den anderen Tag komplett eingestellt würde?“, sehr inspirierend: „Dann käme es zu einer Art arabischer Frühling in Europa. Entwicklungshilfe ist ein riesiges Geschäft, eine große Beschäftigungsindustrie. Viele Menschen sind darauf angewiesen“. Seine Vision, dass sich dann „die“ Afrikaner stärker auf die eigenen Ressourcen besinnen könnten, ist verlockend.

    Ich gehöre zu denen, die jahrzehntelang zu diesem „Industriezweig“ direkt oder indirekt gehört haben. Und ich habe mich – trotz des Vorwurfs der „Nestbeschmutzerei“ – getraut, die vielen Fragezeichen, die sich bei diesem Broterwerb (vor allem im Ausland) ergeben, zu benennen.

    Mit Widersprüchen umgehen

    Mein Resümee ist dennoch: Ich selbst habe viel gelernt, etwa auch mit Widersprüchen umzugehen, viel Mitmenschlichkeit erfahren (mehr als hierzulande). Mein persönliches Leben ist – positiv – geprägt von den Erfahrungen, die ich in der „Entwicklungshilfeindustrie“ gesammelt habe. Aber ich habe mich auch von einigen Wegbegleitern (hierzulande und „draußen“) entfernt, weil sie sich an die ungleichgewichtigen Verhältnisse gewöhnt haben und sich von den (unter anderem materiellen) Privilegien und ihren dortigen führenden „Rollen“ haben einlullen lassen, oft auch alte politische Ideale zugunsten von vermeintlichen Erkenntnissen „vor Ort“ über Bord geworfen haben. Nicht Wenige leben heute wohl behütet in sicheren Verhältnissen und dozieren gerne.

    Nein, Elísio Macamo, ichglaube nicht, dass es hierzulande zu einem Frühling der Entwicklungshilfeindustrie käme. Die meisten haben ihre Schäfchen längst im Trockenen. Die jungen Noch-Idealisten (eine Minderheit) würden vermutlich versuchen, ihren Vorstellungen Gehör zu verschaffen, aber wenn Politiker, Lobbyisten (=Vertreter der allmächtigen Industrie) die Macht in ihren Händen haben und behalten, dann führt es höchstens dazu, dass ein paar tausend arbeitslos werden.

    Es bleiben noch einige, meisten in kleineren (Spender-)Organisationen arbeitende Engagierte, die sich weiterhin einsetzen. Siewerden hoffentlich nicht Opfer des vermeintlichen „arabisch-europäischen Entwicklungshilfe-Todesstoß-Frühlings“.

    Christiane Kimmler-Sohr, Ratzeburg

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