Thomas Grundmann: „… eher ernüchternd“

Flüchtlinge

Intellektuelle haben in der aktuellen Flüchtlingsdebatte wenig Substantielles beizutragen. Oder sie zeichnen wie Peter Sloterdijk Horrorszenarien und richten nur Schaden an. Ein Gastbeitrag von Thomas Grundmann*:

Der Blick auf uns Intellektuelle in der aktuellen Debatte über die Zuwanderung von Kriegsflüchtlingen nach Deutschland fällt eher ernüchternd aus. Angesichts einer der größten politischen Herausforderungen der letzten Jahrzehnte und einer immer stärkeren Polarisierung der Öffentlichkeit üben wir uns in Schweigen, Ratlosigkeit oder selbstverordneter Zurückhaltung. So hat jüngst Thomas Schramme in der „Zeitschrift für praktische Philosophie“ prognostiziert, dass Philosophen auch in naher Zukunft nichts Substanzielles zur Debatte beitragen werden, weil die Problemlage zu komplex sei.

Daneben gibt es die Panikmacher, die Skandalisierer und Polemiker, denen offenbar in ihrer fast lustvollen Beschwörung apokalyptischer Szenarien die Fähigkeit zur sachlichen Argumentation ganz abhandengekommen ist. Dabei bräuchte es in einer Zeit, in der vielen Bürgern, aber auch Politikern der normative Kompass erkennbar verloren gegangen ist, nichts mehr als moralische und normative Orientierung; und von wem sollte die kommen, wenn nicht von uns Intellektuellen?

Bevor ich zu einigen Vorschlägen komme, wie sich der Diskurs über die Flüchtlinge zum Besseren entwickeln könnte und sollte, muss die Chronik der jüngsten Ereignisse im Niedergang der Debattenkultur mit hartem Strich nachgezeichnet werden. In einem Interview für die Februarausgabe des „Cicero“ hatte sich Peter Sloterdijk, verpackt in einige eher harmlose Beobachtungen zu Mechanismen der medialen Verstärkung des Terrors und zu unserer Unfähigkeit, zwischen bloßem Risiko und echter Gefahr zu unterscheiden, auch zu Merkels Politik der offenen Grenzen geäußert. Mit mahnenden Worten baut Sloterdijk in diesem Interview die Drohkulisse einer „Überrollung“ Deutschlands durch die Flüchtlinge auf, plädiert für eine rigide Grenzsicherung und endet mit dem Unsatz: „Es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung.“ Der Satz unterstellt einfach ohne weitere Begründung, dass die Offenhaltung der Grenzen angesichts der Flüchtlingswanderung zur Selbstzerstörung führen würde. Sloterdijk erwähnt mit keinem Wort das Leid der Flüchtlinge oder mögliche moralische Ansprüche der potenziellen Asylsuchenden. Er führt auch keinerlei sachliche Argumente für sein Horrorszenario ins Feld. Nichts als – zugegeben brillante – Rhetorik, Menetekel, Unterstellung in einer ernsten Frage von größter Bedeutung.

Enthemmte Rhetorik

Angesichts dieser Provokation wider die Vernunft musste man einigermaßen erleichtert sein, als kurze Zeit später die Erwiderung des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler in der „Zeit“ erschien. Münkler seziert hellsichtig die Schwachstelle von Sloterdijks Ausführungen – der Begriff Argument verbietet sich hier von selbst. Sloterdijk habe einfach, mit großer Ahnungslosigkeit, die Konsequenzen einer Grenzschließung, insbesondere den drohenden Rückstau der Flüchtlingswanderung auf dem Balkan, völlig aus dem Blick verloren. Ein solches konsequenzenvergessenes Sinnieren darf man getrost „unbedarft“ nennen, wie Münkler es tut.

Bei Sloterdijks Ausführungen verbietet sich der Begriff Argument von selbst

Keinerlei Angriff auf die Person Sloterdijk, sondern nur eine völlig berechtigte Kritik an seiner Art, über so ernste Dinge zu reden. Wer kontrafaktische Geschichten mag: Sloterdijk hätte in Reaktion auf Münklers Artikel auf den Weg einer sachlichen Debatte zurückfinden können. Aber Richard David Precht erschwert diesen Rückweg, indem er Sloterdijk im „Kölner Stadtanzeiger“ den Jargon der Nazis vorwirft und damit das Interview auf falsche und unangemessene Weise skandalisiert. Doch erst die Replik von Sloterdijk auf seine Kritiker Münkler und Precht macht fassungslos, ja entsetzt.

Sloterdijk verwendet, rhetorisch wieder brillant eingekleidet, was man in der Argumentationstheorie ein fragwürdiges Argument ad personam nennt. Er will die Kritik seiner Kritiker entkräften, indem er sie persönlich diffamiert und ihre Kritik durch primitive Reflexe wie „Beißwut“ und „Abweichungshass“ erklärt. Das ist in jedem Fall unredlich und unterschreitet das Minimalniveau, das intellektuelle Debatten eigentlich haben sollten. Da werden die Kritiker zu „Kläffern“, Pawlowschen Hunden oder ungezogenen Kindern verkleinert und unsere Bundeskanzlerin gleich mit in den Strudel der Diffamierungswut gerissen. Sloterdijk schreckt nicht einmal vor einem Vergleich mit den Vergewaltigern der Kölner Silvesternacht zurück. Das ist geschmacklos und verhöhnt die Opfer sexueller Gewalt. Offenbar bemerkt Sloterdijk nicht einmal, dass er mit seiner enthemmten Rhetorik auf vielfältige Weise genau das dementiert, wofür er inhaltlich eintritt.

Philosophische Reflexion jenseits der Polemik

Fachleute nennen das einen „kognitiven Selbstmord“ oder „performativen Widerspruch“. Drei Beispiele mögen das belegen: Sloterdijk mahnt an, dass man sich über so reale Sorgen nicht streiten solle, aber eskaliert durch seinen Beitrag die Polemik ins Phantastische. Sloterdijk wirft seinen Kritikern „Nuancen-Mord“ vor und ist doch in seinem Beitrag selbst der unermüdliche Meister der Vergröberung und Übertreibung. Sloterdijk mokiert sich über das vielfach erwiesene Scheitern der vorausschauenden strategischen Vernunft und weiß oder vielmehr ahnt doch heute schon alles viel besser als seine Kritiker: dass in mehreren Jahren fünf Millionen Asylbewerber in unser Land kommen, dass Merkels Politik scheitern wird, es sei denn, es geschähe ein Wunder usw. Sloterdijk geht seinen Weg der intellektuellen Selbstdemontage offenbar unbeirrbar und lustvoll weiter. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht auch den Diskurs über die Flüchtlinge in Deutschland vergiften und in die falsche Richtung lenken würde.

Was müssen wir also besser machen? Erstens scheint es klar, dass Intellektuelle auch angesichts massiver Ungewissheiten über die Folgen politischen Handelns normative Orientierungshilfe geben müssen. Was wäre denn die Alternative? Dass Politikern derart wichtige Entscheidungen ganz allein überlassen werden? Das kann niemand ernsthaft wollen. Zweitens können wir auch unter Ungewissheit die Wahrscheinlichkeiten von Szenarien abwägen und die Konsequenzen verschiedener Verläufe durchspielen. Das ist in der Ethik und politischen Philosophie durchaus nichts Neues. Drittens sollte man von Intellektuellen und Philosophen zum jetzigen Zeitpunkt keine konkreten Handlungsanweisungen erwarten, sondern Orientierung in grundlegenden Wertefragen.

Daran mangelt es derzeit eklatant. Es gibt in der Flüchtlingsdebatte offenbar verschiedene Werte, die nicht reibungslos miteinander harmonieren, aber allesamt relevant sind: der Erhalt unseres Sozialstaates, die innere Sicherheit, Fragen der kulturellen Identität, aber eben auch ganz wesentlich unsere Hilfepflichten und möglicherweise Wiedergutmachungspflichten gegenüber schutzlosen und notleidenden Flüchtlingen. Philosophen müssen klären, wie diese Werte im Konfliktfall gegeneinander zu gewichten sind. Und sie müssen dies mit kühlem Kopf, den besten Argumenten und einer großen Offenheit für die Fakten tun.

Um zu einer solchen philosophischen Reflexion jenseits der Polemik anzuregen, hat die Gesellschaft für analytische Philosophie kürzlich die Preisfrage gestellt: „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“ Zahlreiche Antworten werden im Mai im Reclam Verlag erscheinen. Sie geben Anlass zur Hoffnung, dass man es besser machen kann als diejenigen Philosophen, die in der deutschen Öffentlichkeit am lautesten tosen.

*Thomas Grundmann, Professor für Philosophie an der Universität Köln, Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie. [Quelle: Frankfurter Rundschau, 16.03.2016, 31]

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