Das Menetekel von Marikana

Viele in Südafrika heute blicken zurück und freuen sich darüber, dass in ihrem Lande Widerstand gegen Unrecht sich bewährt und neue Lebensperspektiven für alle ermöglicht hat. Etliche in und um Südafrika sind dennoch besorgt, dass die schwer errungenen Freiheiten verspielt und leichtfertig in ihr Gegenteil verkehrt werden könnten – dies insbesondere, seitdem am 16. August 2012 die Polizei auf streikende Minenarbeiter in Marikana bei Rustenburg mit scharfer Munition geschossen, gleich 34 von ihnen getötet, 80 zum Teil schwer verletzt und rund 300 festgenommen hat.

Hein Möllers, langjähriger Aktivist der Anti-Apartheid- und Solidaritätsbewegung mit dem südlichen Afrika in Deutschland, nimmt dazu Stellung in seinem Editorial der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „afrika süd“, den ich hier (mit eigenen Hervorhebungen) wiedergebe:

Starke Bilder gebrauchte Pallo Jordan, Mitglied des Nationalen Exekutiv-Komitees des ANC, anlässlich des Bisho Massacres Memorial in King William’s Town Anfang September. Die Bedeutung der Tragödie von Marikana verglich er mit dem 18. Brumaire und der Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes. In beiden Fällen wurde eine revolutionäre, eine demokratische Entwicklung gewaltsam gestoppt. Am 18. Brumaire im Jahre acht des Republikanischen Kalenders – dem 9. November 1799 – machte sich Napoleon Bonaparte in einen Staatsstreich zum Alleinherrscher und setzte damit der französischen Revolution ein Ende. Der Aufstand der Kronstädter Matrosen gegen die bolschewistische Führung wurde am 21. März 1921 von Rotarmisten niedergeschlagen. Damit endete die russische Revolution in einem autoritären zentralistischen Staat.

Historische Vergleiche sind problematisch. In „Marikana“ war eine allgemeine politische Zielsetzung nicht erkennbar, Ursachen und Motive politisch diffus, anders als damals im Frankreich oder Russland ein Jahr vor der Gründung der Sowjetunion. Doch in einem waren sich die meisten Kommentatoren in Südafrika einige: Marikana ist eine Zäsur im neuen Südafrika. Sie zeigte schlagartig die Versäumnisse und Fehlleistungen nach dem Ende der Apartheid auf.

Die Tragödie von Marikana zeigt auf drastische Weise, dass Südafrika keine Führung mehr hat. Die Spitzenleute des ANC sind vornehmlich damit befasst, sich für die Vorsitzwahlen im Dezember keine Blöße zu geben. Beim ehemaligen Hoffnungsträger ANC findet man keine progressiven Konzepte, keine Zukunftsentwürfe. Marikana hat an den Tag gebracht: Die politische Kultur Südafrikas ist verändert.

Während die ANC-Regierung hilf- und kopflos reagiert, ist die Kontrolle offensichtlich auf Staatsorgane wie die Polizei übergegangen. Die Streikenden von Marikana müssen sich wegen Mord verantworten, die Polizisten gehen frei aus. Die Wut der breiten Unterschicht gärt nicht erst seit Marikana. Das Verhalten der Polizei reiht sich nahtlos ein in einer Reihe von Vorfällen der letzten Jahre, auch daran erinnerte Pallo Jordan in seiner Rede. Anfangs stand die Polizei der eskalierenden Gewalt noch hilflos gegenüber. Dann aber ging sie zunehmend brutaler und eigenmächtig vor. In Polizei und Justiz erschient das hässliche Gesicht der Apartheid wieder, die überwunden geglaubt.

In das politische Vakuum stößt erfolgreich ein Scharfmacher vom Schlage Julius Malema, der ehemalige Chef der Jugendliga, den manche seit seinem Rauswurf aus dem ANC vorschnell im Abseits wähnten. Er hat am allerwenigsten die persönliche Statur, einen moralischen Kompass vorzugeben, der im Moment bitter nötig wäre. Doch in den armen Schichten kommt seine Botschaft gut an und wird mit Beifall quittiert.

Die Tragödie von Marikana erinnert auch an den sozialen Sprengstoff, der sich in Südafrika angesammelt und den die Regierung seit Jahren geflissentlich übersehen hat. Während die politische Elite reich geworden ist, sind die Armen stärker belastet als je zuvor. Ihre Erwartungen wurden enttäuschet, die demokratische Dividende zahlt sich für sie nicht aus – die Wut wächst. Immer mehr Menschen sind frustriert, weil 18 Jahre nach dem Ende der Apartheid weiter Millionen Menschen in bitterer Armut leben müssen. Die Versprechen des ANC auf bessere Lebensbedingungen, ein Dach überm Kopf, das tägliche Brot und gerechte Einkommensverteilung – seit Jahren beständig wiederholt – wurde nicht eingehalten. Die Verteilung der Einkommen ist nach Angaben der Weltbank heute ungerechter als zu Zeiten der Apartheid.

Wenn es Südafrika nicht gelingt, die gefährliche Frontstellung aufzubrechen, dann dürfte Marikana lediglich das Vorspiel für weitere Gewalt bedeuten.

Hein Möllers

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