„Maji Maji“ – Deutsch-Ostafrika 1905-1907 …

Der Maji-Maji-Krieg zwischen 1905 und 1907 in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika ist in der deutschen Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Und das, obwohl mehrere hunderttausend Menschen in Tansania auf brutale Weise ihr Leben verloren. Nun rief eine Theaterkooperation von Flinn Works, dem Staatstheater Kassel und dem ASEDEVA-Theater aus Daressalam die Erinnerung an die Verbrechen wach. Rita Schäfer* berichtet und kommentiert:

„Haben Sie schon einmal etwas von Maji Maji gehört?“ Mit dieser eindringlichen Frage richtete sich Isack Peter Abeneko in der Rolle eines Geschichtsprofessors an die Gäste. Irritierte Blicke, Schweigen – erst nach wenigen Minuten wagte jemand aus dem Publikum eine vage Antwort. Es war eines der schlimmsten Kolonialverbrechen, das die Deutsche Schutztruppe im Süden Tansanias beging, dennoch kennt hier kaum jemand diese Tatsache. In Geschichtsbüchern für den Schulunterricht taucht die koloniale Massengewalt nicht oder nur als Randnotiz auf, die Medien ignorieren sie systematisch.

Während deutsche Außen- und Entwicklungspolitiker sich seit Jahren über den Genozid an den Herero und Nama in Namibia streiten und Entwicklungshilfe, aber keinerlei Entschädigung zahlen wollen, ist der anti-koloniale Maji-Maji-Krieg kein Thema bei Tansania-Reisen ranghoher Staatsvertreter, etwa bei Präsident Joachim Gauck 2015. Auch der deutsche Botschafter in Daressalam hielt es im gleichen Jahr Berichten zufolge nicht für nötig, einer Einladung tansanischer Gastgeber zur Erinnerung an den Kriegsbeginn vor einhundert Jahren nachzukommen. Diese Fakten bildeten einen Rahmen für die Auseinandersetzung mit dem Maji-Maji-Krieg zwischen dem 20. Juli 1905 und dem offiziellen Kriegsende am 18. Februar 1907 aus Sicht deutscher und tansanischer Theatermacher.

So stellte Isack Peter Abeneko, Choreograph, Tänzer und künstlerischer Leiter des ASEDEVA-Theaters in Daressalam, zur Vorbereitung der eigentlichen Aufführung aus eindrucksvollem Sprechtheater, zeitgenössischem afrikanischem Tanz und ideenreichen musikalischen Improvisationen die Kontexte des Maji-Maji-Kriegs vor: brutale militärische Eroberungszüge, arrogante und rassistische Habgier, sehr hohe Steuerlast, erniedrigende Zwangsarbeit auf Baumwollplantagen. Diese Nöte schweißte verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammen. Gestärkt durch den Glauben an die Schutzwirkung rituell bedeutenden Wassers (Maji Maji auf Kiswahili) begannen sie einen Guerillakrieg. Das war eine strategische Entscheidung, denn die Waffengewalt der sogenannten kaiserlichen Schutztruppe war aus früheren anti-kolonialen Kämpfen bekannt. Nun reagierten die deutschen Kolonialherren aber mit der militärisch angeordneten Strategie der verbrannten Erde, sie umfasste das systematische Abbrennen von Feldern, Speichern und Häusern. Diese vorsätzliche und planmäßige Zerstörung der Ernten und des Viehs, also der gesamten Lebensgrundlagen, trieb große Bevölkerungsgruppen in den Hungertod.

Die Maji-Maji-Kämpfer wehrten sich über zwei Jahre gegen die koloniale Massengewalt, ihre mutige Guerillataktik mit Speeren konnte jedoch der industriellen Tötungsmaschinerie mit Schnellfeuergewehren nicht standhalten. Angesichts dieser asymmetrischen Kriegsführung hatten die Deutschen nur insgesamt 15 Tote zu beklagen. Hinzu kamen ca. 1000 tote Askaris, also afrikanische Söldner, die von den Deutschen unter anderem im Sudan angeheuert worden waren und im kaiserlichen Auftrag töteten. Wegen der ca. 180.000 Toten – aktuelle Schätzungen gehen von bis zu 300.000 auf tansanischer Seite aus – wurden die Wirtschaft und Gesellschaft in ganzen Landesteilen über Jahrzehnte geschwächt.

Um so wichtiger war es dem binationalen Theaterteam, diese historischen Hintergründe zu erklären. Schließlich geht es um eine offizielle Entschuldigung für die kolonialen Verbrechen und um eine Diskussion insbesondere hier in Deutschland über die politische Verantwortung für heutige Entwicklungsprobleme im Süden Tansanias. Die Aufführungen von Maji Maji Flava in Kassel und Berlin boten einen wichtigen Auftakt dazu. Das Stück wird Anfang 2017 auch in Tansania gezeigt.

Wir müssen die Wahrheit finden und sie mit unserer Kultur verbinden. Das ist wichtig für das Verständnis unserer Gegenwart und Zukunft. Wir schreiben Stücke aus unserer Geschichte heraus und bringen sie dem Publikum nahe. Schließlich geht es um ungelöste historische Fragen – um Macht, Neokolonialismus und verdeckte Rassismen. Es ist ein schmerzlicher Prozess, deshalb ist die Bitte um Entschuldigung so wichtig. Wir öffnen auf friedliche Weise eine Tür zur Auseinandersetzung. Wir suchen Wege zum wechselseitigen Verstehen. Es geht uns auch um eine andere Sicht auf Kunst als Bildungsinstrument.“ Isack Peter Abeneko

Geschichte gemeinsam aufarbeiten

2009 begannen erste Überlegungen zur Koproduktion. Anlass war ein Workshop des Goethe-Instituts in Daressalam. Eine intensive Recherchephase, die unter anderem der Turn Fonds der Bundeskulturstiftung und das Staatstheater Kassel förderten, ermöglichte allen Beteiligten, unterschiedliche Sichtweisen auf die Kolonialzeit, politische Standpunkte und künstlerische Artikulationsformen auszutauschen und in den Arbeitsprozess einzubringen. Um lokale Erinnerungen und Einschätzungen kennenzulernen, fuhren die Mitglieder von Flinn Works und des Staatstheaters Kassel zu den Kriegsschauplätzen und sprachen mit Nachfahren der Überlebenden. Ein gefilmtes Interview wird zum Ende des Stückes gezeigt.

Tansanische Historiker unterstützten die Performer, historische Quellen zu erschließen. Dazu zählten insbesondere die Dokumente des Maji-Maji-Forschungsprojekts, das Interviews mit Zeitzeugen und -zeuginnen umfasst, die tansanische Geschichtsstudierende in den 1960er Jahren führten. Schließlich gilt Maji Maji im postkolonialen Tansania als nationales Schlüsselereignis, zumal damals unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gemeinsam gegen die deutsche Kolonialmacht kämpften.

Koloniale Verbrechen

So hatte auch Isack Peter Abeneko bereits in seiner Schulzeit von den mutigen Maji-Maji-Kämpfern erfahren. Um so wichtiger war es ihm und allen Mitwirkenden nun, den Stimmen der Überlebenden Gehör zu verschaffen. Das Sprechtheater leistete dies auf sehr eindrucksvolle und berührende Weise. Zitate, die vom Schmerz der Überlebenden Zeugnis ablegten, hallten im Theaterraum nach. Ihnen schlossen sich musikalische Improvisationen unter Bezug auf vorkoloniale lokale Rhythmen und den Bongo-Flava-Pop-Musikstil an – ergänzt von zeitgenössischem Tanz, der die gelesenen Texte mit einer ausdrucksstarken Körpersprache kommentierte. Isack Peter Abeneko und Shabani Mugado, ebenfalls Performer und Musiker des ASEDEVA-Teams, veranschaulichten theatralisch Gewaltexzesse der Kolonialherren und die Demütigungen der tansanischen Bevölkerung. Besonders eindringlich für das Theaterpublikum waren Auspeitschungen mit Gummirohren, die auf den Körpern der Geschundenen nach vielfacher Traktierung laut knallend zerbrachen.

Schauder durchfuhr das Publikum, als die Abtrennung der Köpfe von Ermordeten symbolisch dargestellt wurde, während gleichzeitig ein Originaltext eines deutschen Schutztruppenrepräsentanten dazu verlesen wurde. Hier artikulierte sich die Herrenmenschenmentalität der selbsternannten Zivilisationsbringer, wie des sadistischen und sexistischen Carl Peters (`Hänge Peters´) oder des Kolonialgouverneurs Gustav Adolf Graf von Götzen und zuvor des privaten Unternehmers Herrmann von Wissmann. Deren Überlegenheitsdünkel manifestierte sich in ihrer grenzenlosen Macht über Lebende und Tote, konkret in zahlreichen öffentlichen Leichenschändungen zum Zweck der Rassenanthropologie, die sie selbst schriftlich dokumentierten. So konfrontierte die Rezitation einiger ihrer selbstgerechten Äußerungen das Publikum mit unserem düsteren kolonialen Erbe.

Die Verfremdung der Szene durch die Nutzung eines Cellobogens als Säge zeigte eindrücklich die Kluft zwischen der Zivilisierungsmission der Deutschen und den traumatischen Folgen für die lokale Bevölkerung. Noch immer lagern in hiesigen ethnologischen und medizinhistorischen Museen zahlreiche Schädel, die damals auf Befehl deutscher Militärs von Menschen im Süden Tansanias abgetrennt, ausgekocht, getrocknet und verpackt werden mussten, bevor sie deutsche Schiffe in hiesige Metropolen brachten. Seit Jahrzehnten verlangen die Nachfahren der Geschändeten die Rückgabe der Gebeine.

Mit bürokratischen Verweigerungen hiesiger Museumsdirektoren und diplomatischen Affronts sind nicht nur Menschen aus Tansania, sondern auch aus Namibia wiederholt konfrontiert worden. Deshalb fokussierte Flinn Works in seinem früheren Stück „Schädel X – Skull X“ auf dieses Problem. Nun knüpfte eine eindrucksvolle Szene daran an.

Die Regisseurin Sophia Stepf erläuterte im Anschluss an das Stück die Problematik, koloniale Texte zu rezitieren. Denn die Herausforderung bestand darin, keine Rassismen zu reproduzieren. So wiesen bereits Schilder im Foyer das Publikum auf diese Schwierigkeit hin. Im Stück selbst wurden die rassistischen Kolonialtexte ausschließlich über einen Grammophontrichter eingespielt, um ihre Historizität zu verdeutlichen. Und die Wortmacht der Zitate wurde von Maschinensound durchbrochen.

Verfremdungen

Durchaus gewagt war es, sogenannte Fahrtenlieder, die mehrere Generationen junger Deutscher im 20. Jahrhundert als Freizeitvergnügen lernten, in das Stück einzubauen. Denn sie verharmlosten oder glorifizierten die kaiserliche Schutztruppe und ignorierten oder banalisierten deren Massengewalt. In Maji Maji Flava wurden Versatzstücke verfremdet, indem sowohl deutsche als auch tansanische Schauspieler sie sangen. Ähnliches betraf groteske militärische Gruß- und Exerzierrituale. Deren Absurdität wurde übersteigert durch die Kombination von Khaki-Uniformteilen, glänzend gewienerten, aber einzeln getragenen Schutztruppenstiefeln und Kleidung aus grellbunten Baumwollstoffen mit Mustern im Sinne der tansanischen Kanga-Tücher, der sogenannten sprechenden Stoffe mit symbolreichen Ornamenten, die alle Mitwirkende dieses binationalen Teams in unterschiedlicher Zusammensetzung trugen.

Auch bei Szenen zur Entwicklungszusammenarbeit, Diplomatie und heutiger Unterhaltungsmusik im Afro-Partykontext wurden verschiedene Kleidungsstile auf der Bühne entlarvend kombiniert. Während eine Schauspielerin sich als deutsche Diplomatin in vermeintlich lokaler Mode herausputzte, ging mit dieser Anbiederei klares eigennütziges Kalkül einher: selbstgerechte Deutungshoheit über Entwicklung und Ignoranz gegenüber berechtigten Entschuldigungsforderungen von Seiten der tansanischen Maji-Maji-Nachfahren. Untermalt von Partysound trug die Diplomatin ihre zuckersüß klingende Rede mit bitterem Inhalt in einem angedeuteten kolonialen Khakizelt vor. Darin wurde anschließend auf einer Leinwand ein Interview mit Chief Zulu Gama V., einem Nachfahren der wenigen Maji-Maji-Überlebenden aus Süd-Tansania, eingespielt, da Menschen wie ihm zumeist nicht zugehört wird. So wurden Widersprüche im Erinnerungsdiskurs veranschaulicht: konträre Positionen auf Deutsch, Kiswahili und Englisch; abstraktes Theater kontrastiert mit eingängigen tansanischen Rhythmen, Satire contra moderner Tanz, Wissenschaft versus Magie.

Heilendes Wasser

Kritisch karikierte das Flinn Works- und ASEDEVA-Team auch unsere Exotismen. Denn die Theatercrew stellte unseren Glauben an die heilende Wirkung von Flüssigkeiten in der Homöopathie auf die Probe. Absolventen entsprechender Lehrgänge, die Wasser vermengt mit Mikromengen natürlicher Substanzen als Schutzschild gegen Krankheiten verordnen, haben bei uns regen Zulauf, obwohl wir uns nicht vor dem Kugelhagel aus Maschinengewehren hiesiger Rüstungskonzerne schützen müssen, sondern oft nur vor einem Schnupfen. So holte das Stück das Publikum im Alltag ab und spiegelte ihm hiesige Magie, Exotismen und unser koloniales Erbe. Und auf diese Weise wurde Verständnis ermöglicht für die spirituellen Vorstellungen der Maji-Maji-Kämpfer, die Kinjikitile Ngwale folgten, der nach einem religiösen Erlebnis 1904 über zwanzig Bevölkerungsgruppen zum gemeinsamen Widerstand gegen die Kolonialmacht aufrief und Schutz durch rituell aufbereitetes Wasser versprach.

Es gab ein denkwürdiges offenes Ende: Einige Schauspieler meinten, Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich nicht weiter mit unserem kolonialen Erbe auseinandersetzen wollten, könnten gehen. Währenddessen war das Interview mit Chief Zulu Gama V. im Hintergrund zu sehen. So wollte das Flinn Works-ASEDEVA-Team unterschiedliche Meinungen zum Selbstverständnis und der Funktion von Theater künstlerisch darstellen. Denn Isack Peter Abeneko und Shabani Mugado fragten zum Schluss, ob man sich für die kolonialen Verbrechen entschuldigen wollte. Nach anfänglicher Beklommenheit waren etliche Gäste dazu mit sehr persönlichen Worten bereit. Zu hoffen ist, dass auch die Verantwortlichen für die deutsche Außenpolitik diesen Stimmen folgen.

*Rita Schäfer, afrika süd 6/2016

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Flinn Works und ASEDEVA
Flinn Works geht aus dem 1992 gegründeten Flinntheater in Kassel hervor. Seit 2007 erarbeiten Sophia und Lisa Stepf gemeinsam mit Performern und Musikern aus unterschiedlichen Kontinenten Stücke zu Globalisierungsthemen. Dazu zählen mehrfach ausgezeichnete Ko-Produktionen mit indischen Autoren und Schauspielern über die indische Arbeitswelt und Kulturindustrie. Hinzu kam ein Stück über bengalische Textilfabriken, die unsere Billig-T-Shirts produzieren. Flinn Works widmete sich auch dem Stuttgarter Kriegsverbrecher-Prozess gegen den ruandischen FDLR-Kommandanten Ignace Murwanashyaka, der von Mannheim aus Anweisungen an Hutu-Milizen im Ostkongo gab. Flinn Works kooperiert mit dem Staatstheater Kassel und trat bei Festivals in Nigeria, Südafrika, Indien, Singapur und Hongkong auf. http://flinnworks.de/

ASEDEVA – der Name ist Programm: Art for Social and Economic Development in Africa. Die Kulturorganisation wurde 2010 gegründet und erarbeitet seitdem mit unterschiedlichen Zielgruppen wie Schülerinnen und Schülern oder Flüchtlingen moderne Theater-, Tanz- und Musikstücke. ASEDEVA kooperiert mit anderen Gruppen in Ostafrika, auf dem Kontinent und darüber hinaus. So werden Möglichkeiten zum interkulturellen Austausch geschaffen und künstlerische Impulse für Veränderungen gegeben, zumal auch gesellschafts- und entwicklungspolitische Themen gezielt angegangen werden. Zudem setzt sich ASEDEVA für die Professionalisierung und Verbreitung einer modernen Tanzausbildung ein und spricht damit vor allem Jugendliche und Frauen an. www.asedeva.com
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Literatur:
Martin Baer / Olaf Schröter: Eine Kopfjagd – Deutsche in Ostafrika, Spuren kolonialer Herrschaft, Chr. Links Verlag, Berlin 2001. (Es gibt einen gleichnamigen Film)
Becker, Felicitas / Beez, Jigal (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika, 1905-1907, Chr. Links Verlag, Berlin 2005.
Paul Starzmann: Verdrängte Verbrechen. Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte, 1/2, 2016, S.82-84. http://www.frankfurter-hefte.de(zum Downloaden)
Freiburg Postkolonial (mit etlichen Texten zur deutschen Kolonialgeschichte in Tansania) http://freiburg-postkolonial.de/

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