EINDRÜCKE UND EINSCHÄTZUNGEN: Studierendenproteste in KwaZulu-Natal

RSA_Studierendenprotest

#FEESMUSTFALL – WIE GEHT ES WEITER IN SÜDAFRIKAS HAFENMETROPOLE AM INDISCHEN OZEAN? Im Oktober 2015 erreichten protestierende Studierende in sieben Tagen, was in sieben Jahren Bildungspolitik nicht gelang. Die Proteste starteten in Johannesburg und breiteten sich über Kapstadt im Land aus. Schließlich gelang es in der Hauptstadt Pretoria, die Erhöhung der Studiengebühren für 2016 auszusetzen. Das gab Präsident Jacob Zuma am 23. Oktober unter Druck bekannt. Jorim Gerrard* schildert und erläutert einige seiner Beobachtungen und Erkenntnisse:

Dieser beeindruckende und inspirierende Erfolg war besonders darauf zurückzuführen, dass die Protestierenden unabhängig von verschiedenen Hautfarben, Ideologien und politischen Parteien gemeinsam auf die Straße gingen. #FeesMustFall und weitere Hashtags, die durch die sozialen Medien bekannt wurden, sind beispielhaft für die Organisation und Verbreitung der Proteste. Sie änderten sich passend zu jeder neuen Forderung und unterstützten die Vernetzung von Mitgliedern der sozialen Medien.

Die Klausuren zum Ende des akademischen Jahres bedeuteten für die meisten Studierenden Ablenkung und brachten nach dem Teilerfolg zunächst Ruhe in eine Bewegung, die mit einem unglaublichen Momentum ausgestattet war.

Nun, kurz vor dem 40-jährigen „Jubiläum“ der Soweto-Proteste vom 16. Juni 1976, stellt sich die Frage, ob die Bewegung weiter vereint für ein faireres Hochschulbildungssystem kämpft oder in kleinere Fraktionen zerfällt.

Proteste in Durban

Glaubte man den meisten Medienberichten im Oktober 2015, schienen die Universitäten in Durban weniger in die #FeesMustFall-Proteste verwickelt zu sein. Eine gravierende Fehleinschätzung, denn Durbans Universitäten sind für Proteste gegen Studiengebühren oder Studentenunterkünfte zu Semesterbeginn und -ende bekannt. Dort hat Widerstand fast schon Tradition, die Demonstrationen im Herbst setzten also frühere Proteste unter neuen Vorzeichen fort. Die Universität KwaZulu-Natal (UKZN) wurde am 1. Januar 2004 durch Zusammenlegung der Universität von Natal (Durban-Westville) und der Universität von Natal geformt, zwei bereits in der Apartheidzeit von Protesten geprägte Institutionen. Studierende südafrikanisch-indischer Herkunft an der Universität Durban-Westville hatten einen bedeutenden Anteil an der Gründung der Black Consciousness-Bewegung, woran der Soziologe Prof. Ashwin G. Desai erinnert.

Auf den ersten Blick sah es im Herbst 2015 so aus, als ob nach dem protestreichen Auftakt mit der ausbleibenden Studiengebührenerhöhung alles wieder in Ordnung sei. Dies war aber keinesfalls der Fall, da die hohen Gebühren weder abgeschafft noch gesunken sind – höchstens unter Berücksichtigung einer weiter ansteigenden Inflation. Die Gebühren sind für den Großteil der Bevölkerung immer noch unbezahlbar und das trotz alternativer Studienfinanzierung. Ein Studium kann z.B. mit dem National Student Financial Aid Scheme Kredit (NSFAS) finanziert werden. Diese Kreditform ist aber nur für die unterste Einkommensgruppe bestimmt. Zwischen Einkommensstarken und denen, die Unterstützung erhalten, bleibt also eine Mittelschicht, die „missing middle“, die sich die Studiengebühren nicht leisten kann.

Neue Ziele, neue Allianzen

2015 waren 68 Prozent der 43.283 in der UKZN immatrikulierten Studierenden schwarze, 24 Prozent indische und fünf Prozent weiße Südafrikaner/innen. Die Aufteilung nach Hautfarben ist ein noch erhaltenes soziales Konstrukt und steht weiterhin für verschiedene Realitäten. Auch in den Vorlesungen im Herbst 2015 war eine getrennte Wahrnehmung der Proteste spürbar. In einer Vorlesung, die hauptsächlich von indischen und weißen Studierenden besucht wurde, fiel mir auf, wie sehr die Diskussion auf Bilder in den Medien gerichtet waren, die Gewalt und Zerstörung während der Demonstrationen zeigten. Währenddessen konzentrierte sich in einer Vorlesung, die hauptsächlich von schwarzen Studierenden besucht wurde, der Diskurs auf die Bedingungen, unter denen die Proteste zustande kamen. Deshalb wurde hier mehr Verständnis für die Demonstranten gezeigt.

Trotz verschiedener Wahrnehmungen waren die Proteste zum neuen Studienjahr noch lange nicht beendet. In den ersten Wochen des Sommersemesters 2016 flammten sie wieder auf. Diese #OutsourcingMustFall-Proteste wurden im Januar durch Streiks des Reinigungs- und Sicherheitspersonals der UKZN ausgelöst. Es ging um geringe Löhne der Universitätsmitarbeiter, die sich durch Leih- und Zeitarbeit in prekären Situationen befinden. Im Laufe der ersten Wochen bekamen sie immer mehr Unterstützung von Studierenden und vereinten sich mit gemeinsamen Forderungen. So erweiterte sich der Fokus von benachteiligten Studierenden und deren Familien auf die noch ärmere Schicht der Arbeiterinnen und Arbeiter und auf die verbreitete ökonomische Ungleichheit.

Auch andere Bewegungen berücksichtigten größere allgemeine Schieflagen. Einige Bewegungen konzentrierten sich auf die Dekolonisierung der Institution Universität, sie brachten die Rassismusdebatte in Verbindung mit Ungleichheit und Privilegien. Vielerorts, so auch an verschiedenen Standorten der Universität KwaZulu-Natal, erinnern Gebäudename, Hörsäle, Gedenktafeln und Monumente noch an die Apartheid. Ein studentischer Aktivist meinte: „Solange es 2016 mit hoher Aktivität weitergeht, auch mit verändertem Fokus, ist das primär gut.“ Eine Studentin kritisierte: „Die Gebühren sind gar nicht gefallen. Nichts hat sich seit 1994 geändert!“

Ungleichheiten

Den Hintergrund bilden die Auswirkungen der Apartheid, das dokumentieren weiterhin blanke Fakten. Landesweit ist der Anteil der schwarzen Bevölkerung im erwerbsfähigem Alter mit Hochschulabschluss von 1993 um nur 0,9 Prozent auf 1,4 Prozent gestiegen. Der Anteil südafrikanischer Akademiker/innen indischer Herkunft sank seit 1993 sogar um 0,2 Prozent auf 5,5 Prozent. Hingegen stieg der Anteil weißer Akademiker/innen um 5,4 Prozent auf 19,6 Prozent. Das ist ein weiterer Indikator für die fortbestehende Ungleichheit in Südafrika.

Dennoch argumentiert Prof. Damtew Teferra, Professor für höhere Bildung an der UKZN, aus einer fiskalischen Perspektive: Wegen der Verschuldung in den meisten afrikanischen Staaten sollten deren Regierungen keine günstigere Hochschulbildung erlauben. Öffentliches Geld sollte eher für die Infrastruktur in den Gemeinden ausgegeben werden, z.B. für die Wasserversorgung und sanitäre Anlagen. Auch in Südafrika ist das nationale Budget stark belastet. Angesichts der Ungleichheit ist der Protest gegen Studiengebühren laut Prof. Teferra eine „Torheit“.

Professor Patrick Bond, UKZN Durban und Witwatersrand Universität Johannesburg, gelangt zu einen anderen ökonomischen Ergebnis. Der bekannte Kapitalismuskritiker beschreibt globale Schieflagen als zentrales Problem. Von den Protestierenden, die sich ursprünglich nur gegen die Universitäten wandten, später vor Regierungs- und ANC-Gebäuden demonstrierten, fordert er, sie sollten auch die internationalen Ratingagenturen, wie z.B. Moody’s, zur Rechenschaft ziehen. Denn diese übten als Botschafter der internationalen Finanzmärkte besonderen Druck auf Südafrikas Finanzminister Pravhin Gordhan aus, stellten die Kreditwürdigkeit des Staates in Zweifel und erzwangen so eine fiskalische Austerität. Welche Meinung Bestand hat, wenn die Bewegung der Studierenden weitere internationale Aufmerksamkeit für globale Schieflagen erreicht, wird sich zeigen.

Studierenden- oder Jugendproteste?

Ob die Studierendenproteste so weit kommen werden, ist noch lange nicht in Stein gemeißelt. Die extremen Proteste um #AfrikaansMustFall zeigen teilweise schockierende Trennlinien in der Gesellschaft. Hier fühlten sich viele afrikaanssprachige Studierende weißer Hautfarbe von den schwarzen und `Coloured´-Studierenden in ihrer Kultur bedroht, punktuell trafen die verschiedenen Gruppen gewaltsam aufeinander. Das war zwar nicht in Durban der Fall, aber dort kommentiert Prof. Gerard Boyce, Professor für Ökonomie und Umweltaktivist, die Geschehnisse: „Es gibt einige interessante Entwicklungen in den ersten Momenten des neuen Jahres, allerdings keine zum Besseren.“ Für ihn spiegeln diese Tendenzen zur Konfrontation einen aktuellen Trend und bilden die Spaltung innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft ab. So ist es für Prof. Boyce fraglich, ob die vielerorts von anderen Bevölkerungsgruppen unterstützten Studierendenproteste des letzten Jahres „einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel verkündeten“, ob sie also Ausdruck eines neu entstehenden Jugendbewusstseins sind.

Dies scheint die zentrale Frage zu bleiben. Sehr wahrscheinlich werden die Proteste weitergehen. Spätestens Ende 2016, wenn die Regierung die Gebühren für das nächste Jahr angekündigt, werden die Studierenden auch national wieder vereint für ihre Ziele kämpfen. Letztendlich bleiben die Kernpunkte: Solidarität, Emanzipation und der Kampf für den fairen Zugang zu Bildung. Dies gilt besonders für akademische Bildung, besteht doch ein Konsens, dass Bildung ein – wenn nicht der – Weg aus weltweiten Schieflagen ist.

*Jorim Gerrard studierte 2015-2016 für ein Auslandssemester an der Universität KwaZulu-Natal (UKZN) in Durban. Er ist Mitbegründer des Netzwerkes Citizen of the World„. Es arbeitet in Südafrika, Simbabwe und Deutschland zu Flucht, Umwelt und Austausch.

Quelle: afrika süd | 2016, 28-29

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