Fußball und Homophobie

Lob und Kritik für Werbestreifen, der sich um schwulen Fußballer dreht.
Daniel Baumann* kommentiert:

Er jubelt auf der Tribüne und vor dem Fernseher, er leidet mit bei einem Foul und freut sich über einen verwandelten Elfmeter, und in der Wohnung steht ein Bild mit seinem Lieblingsfußballer, der Nummer 9 seines Teams. Echte Liebe halt, wie sie von vielen Fans gelebt wird.

Doch im Werbespot, den die Deutsche Bahn seit der vergangenen Woche schaltet, geht es um mehr. Denn zum Ende des gut 100-sekündigen Streifens wird klar: Der Fan und die Nummer 9 sind ein homosexuelles Pärchen. Sie treffen sich am Bahnhof, wo der Spieler vom Mannschaftsbus abgesetzt wird, um seinen mit dem Zug anreisenden Freund abzuholen.

Mit dem Clip zum 25-jährigen Jubiläum des ICE kratzt die Bahn unmittelbar vor der Fußball-EM in Frankreich an einem Tabu, nämlich der Homosexualität im Fußball. Das kommt offenbar gut an. Auf YouTube haben innerhalb von wenigen Tagen schon mehr als 1,3 Millionen Menschen den Werbespot gesehen. Rund 3400 bewerteten den Clip bis Montagnachmittag positiv, nur etwas mehr als 220 lehnten ihn ab.

Auch der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland [LSVD] freut sich über den Spot. „Man muss das wertschätzen“, so ein Sprecher. Allerdings schließt sich der Verband der Kritik an, die verschiedentlich an dem Werbespot geübt wurde. Denn während es für heterosexuelle Pärchen völlig normal ist, sich mit einem dicken Kuss am Bahnsteig zu begrüßen oder zu verabschieden, bleibt es im Werbespot der Bahn bei einer innigen Umarmung. Ganz so offen sollen homosexuelle Beziehungen dann offenbar doch nicht gelebt werden. „Der Spot wäre mit Kuss besser“, heißt es deshalb beim Lesben- und Schwulenverband, der sich zu der Frage aber nur sachte äußert, da man froh ist, dass die Bahn das Thema Homosexualität im Fußball überhaupt aufgegriffen hat.

Den ebenfalls geäußerten Vorwurf, dass die Bahn das Thema Homosexualität für ihre Zwecke instrumentalisiere, teilt man hingegen nicht. Man fühle sich nicht instrumentalisiert, sagt ein Sprecher dazu.

*Daniel Baumann, FrankfurterRundschau, 07.06.2016, 13

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