Ein letztes Mal in Afrika

Paul Theroux: Ein letztes Mal in Afrika.
Aus dem Englischen von Sigrid Schmid u. Reiner Pfleiderer.
Hoffmann und Campe 2017. 416 Seiten

[Der amerikanische Reiseschriftsteller Paul Theroux ist noch einmal nach Afrika gefahren
und rät für die Zukunft davon ab]

Buchvorstellung durch Sabine Vogel*:

„Die besten Menschen haben nackte Hintern.“ Sie sind weise, sanftmütig und unverwüstlich, ihr Stammbaum reicht bis in die Abgründe der Zeit. Mit federnden Schritten laufen sie durch das dürre Buschland, sie haben eine lustige Sprache und der goldgefleckte Himmel leuchtet stets über ihnen. Die „wahren Menschen“, wie sich die Buschleute der namibischen Halbwüste nennen, sind friedlich wie Lämmer, schön wie Außerirdische, und es gibt sie eigentlich gar nicht mehr.

Das Glück, das der Schriftsteller Paul Theroux in ihrer Gesellschaft empfindet, basiert auf einer billigen Illusion. Die elfenartige Buschfrau mit den Hängebrüsten, die gerade noch eine kartoffelartige Wurzel ausgegraben und mit ihm geteilt hat, spielt wie der Rest der Truppe das ursprüngliche Leben als Jäger und Sammler nur noch für den Touristen. Das Paradies ist eine gefällige Inszenierung in einem lebendigen Museum, ausgedacht von einem netten jungen NGO-Mitarbeiter aus Deutschland. Nach der Show ziehen die Buschleute wieder ihre lumpigen T-Shirts und gespendeten Hosen über den nackten Hintern und lehnen ein Flaschenbier nicht ab.

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Diese Episode ist der Auftakt für Therouxs neues Buch „Ein letztes Mal in Afrika“. Er stellt damit alles zur Disposition, was er gesehen, erlebt und hernach zu berichten hat. Wenn Reiseliteratur bedeutet, vor einem fremden Hintergrund die eigene Position zu bestimmen, dann stellt Theroux damit seine Schreiberei und somit sich selbst in Frage. Aber das ist ja der eigentliche Sinn und Zweck allen Reisens: die eigene Position ins Wanken zu bringen, Standpunkte zu verlassen, Sichergeglaubtes zu entsichern. Kurzum, sich selbst fremd zu werden.

Wer wüsste mehr darüber als der höchst belesene und immer gerne spöttisch-fiese Paul Theroux. In seinem köstlichen Brevier über „Das Tao des Reisens“ (Atlantik bei Hoffmann und Campe 2015) versammelte der große amerikanische Reiseschriftsteller so ziemlich alle unterhaltsamen Anekdoten und Zitate aller literarischen Lagerfeuerlöwen und Salonaufschneider. Die Abscheu vor Dinnerparties und die Flucht vor bräsiger Saturiertheit sind ihm als Reisegründe durchaus bekannt, aber die Neugierde auf das Leben anderer Leute steht bei Theroux immer im Vordergrund. Und insgeheim glaubt er ja doch noch an die Wahrhaftigkeit der eigenen Zeitzeugenschaft.

Nun also ein letztes Mal Afrika: Zehn Jahre zuvor war er für seine „Dark Star Safari“ mit dem Zug und allen verfügbaren Verkehrsmitteln über Land von Kairo nach Kapstadt gereist. Fast genau fünfzig Jahre zuvor hatte hier die Liebe zu seinem „Königreich des Lichts“ begonnen. 1963 ging er für die amerikanischen Friedenstruppen nach Malawi. Da war er 22, unterrichtete in einer Dorfschule Englisch, lernte seine Frau kennen und schrieb seine ersten Novellen. Es war eine Zeit des Übergangs, der Anarchie, des Aufbruchs, der Dekolonialisierung, und der junge Amerikaner kam nicht aus dem Staunen darüber hinaus, was alles menschenmöglich ist. Das machte ihn zum Schriftsteller.

Wie auf all seinen Reisen wollte sich der inzwischen 72-jährige Erfolgsautor auch bei dieser Abschiedstour fortbewegen wie die einfachen Leute. Ohne Flugzeug, auf dem Boden, mit öffentlichen Verkehrsmittel vom Kap über Namibia, Angola, Kongo, Nigeria bis nach Mali.
In Kapstadt besichtigt Theroux zuerst ein paar Slums. Zufrieden kann er notieren, dass sich die „informellen Siedlungen“ durch ein wenig Infrastruktur (Dank der Bürgermeisterin Helen Zille gibt es jetzt Klohäuschen!) zu festen Bleiben gemausert haben. Auch Namibia mit seiner Hauptstadt Windhuk, die Bürgersteige voller fesch aufgebrezelter Sonntagsschüler, ist noch in Ordnung. Aber jenseits des großen Viehzauns, weiter Richtung Norden, werden Armut und Hoffnungslosigkeit anstößig und die „Landschaften der Verlassenheit“ sind nur noch trostlos. Der Aufenthalt in einer Luxuslodge, wo Superreiche ökologisch korrekt auf Elefanten reiten können, macht die himmelhohe Ungerechtigkeit nur noch anschaulicher.

Spätestens beim Grenzübertritt nach Angola, wo Theroux von dumpfen Zollbeamten gedemütigt und von Schleppern getriezt wird, ist klar, dass sein Reiseplan eine schlechte Idee ist. Es ist gefährlich, leichtsinnig, extrem nervig, ziemlich teuer und ohne Erkenntnisgewinn. In Nordnigeria wüten die Krieger von Boko Haram, die jeden weißen Ausländer ausnehmen, kidnappen oder ermorden, im nördlichen Mali führen bärtige Kerle die Scharia ein, in Timbuktu werden uralte Bibliotheken geplündert, verbrannt und vergraben. Es ist Krieg, ideologisch aufgehetzte Halbstarke marodieren durchs Land, analphabetische Warlords, die mit Raketenabwehrsystemen bewaffnet sind, terrorisieren die heillos verarmte und wehrlose Bevölkerung. Kein Land für alte Männer.

Nach einem deprimierenden Aufenthalt im absurd teuren und schwerst korrupten Luanda und einem missglückten Ausflugsversuch in eine weitgehend tierlose Natur, bricht Paul Theroux seine Reise ab. Die Fahrt ins Blaue hinein, ohne Zeitdruck, ohne Buchungen, offen für Zufälle und Umwege ist gelaufen.

Drei Menschen, die er getroffen und geschätzt hat, auf eine Art Weggefährten, sind gestorben. Es hat keinen Sinn mehr, weiter an unwirtlichen Vorortbrachen auf klapprige Busse zu warten, die von Betrunkenen gefahren werden, an Straßensperren desolate Kleinganoven zu bestechen, nur um weitere Slums von ausufernden Megastädten zu passieren, wo Horden junger Männer vor Langeweile und Perspektivlosigkeit nur auf leichte Beute wie den alleinreisenden Herrn aus Amerika zu warten scheinen.

Es kommt nichts mehr, was er nicht zur Genüge gesehen hat. Es ist eine Welt der Grobheiten, des Mülls, der Gewalt ohne eine Zuflucht zur Melancholie. Ein Ort, an dem man stirbt. Für andere, jüngere, sind Kinshasa, Lagos und Luanda heiße Orte, es gibt Clubs, Musik- und Modeszene, Galerien, sogar Künstlerkollektive, aber dazu findet der alte Mann mit der gehackten Kreditkarte keinen Zugang mehr.

Dies könnte nun auch ein Buch über das Scheitern einer Herangehensweise sein, über das Ende einer langsamen, manchmal abenteuerlichen und oft mühseligen Methode, die im Zeitalter des Internets ausgedient hat: Das Bild des Barfußhistorikers mit faltbaren Khakihut als lächerliche Figur. „Als das Reisen noch schön war“ heißt ein Buch des britischen Snobs Evelyn Waugh aus den 1940er Jahren, das Theroux in seinem „Patagonien-Express“ (1979) zitiert. Als der Eisenbahnfan Theroux dann in Angola einen Zug nicht mehr nehmen will, ist das sein Signal zum Umkehren.

Aber das Reisen selbst ist nicht vorbei. Am Steuer eines Autos reist Theroux nach dem desillusionierenden Afrikadesaster in den „Tiefen Süden“ (2015 auf Deutsch) der USA. Die Südstaaten seiner eigenen Heimat sind ihm plötzlich exotischer als die fernen Fremden. Mit Faulkner, dem erklärten Provinzkosmologen, im mentalen Tornister, findet Theroux ein Universum herzlicher aber bornierter Rassisten, er treibt sich auf Waffenbörsen herum, besucht Fußballspiele und Gottesdienste, unterhält sich mit Tankstellenverkäuferinnen, Bürgermeistern und schwarzen Predigern, er gurkt durch verfallende Geisterstädte und wird an der Atomic Road von einem einsamen Wachschutzmann verscheucht.

Sein Bericht aus dem Amerika der Armen, Abgehängten und Rückständigen, auf deutsch merkwürdigerweise schon vor dem letzten Afrikabuch erschienen, erhellt in bester Tradition der teilnehmenden Beobachtung, warum Amerika jetzt diesen Präsidenten hat. Es zeigt so auch, wie nötig wir solche literarischen Reportagen haben.

*Sabine Vogel, Frankfurter Rundschau, 05.05.2017, Seite 32.

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