Ganz einfühlsam das Schlechte tun

Bodo Morshäuser* stellt die in diesen Tagen erscheinende Veröffentlichung von Fritz Breithaut, Die dunklen Seiten der Empathie“, vor:

Wozu sind Menschen fähig, weil sie über Mitgefühl verfügen? In „Die dunklen Seiten der Empathie“ konzentriert sich der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt auf schlechte Taten in Verbindung mit dieser positiv besetzten Empfindung.

Es gibt Menschen, die können den Schmerz anderer genießen. Diesen „empathischen Sadismus“ kennen nicht nur Psychopathen. Der Begriff beschreibt auch alltägliche Verhaltensformen wie das Strafen, Demütigen, Herabsetzen oder Bloßstellen. Sadisten berichten manchmal, dass ihre Lust nicht in der Qual des anderen besteht, sondern dass sie ihre Einfühlung in dessen Schmerz auskosten.

Eine weitere gefährliche Variante von Empathie wird Vampirismus genannt – wenn ein Mensch mittels anderer sein Erleben erweitert. Fritz Breithaupt nennt als Beispiele überfürsorgliche Helikopter-Eltern und kindesruhmsüchtige Bühnen-Mütter, die in ihren Zöglingen erleben wollen, was sie selbst nie geschafft haben, und auch Stalker.

Beobachtungen zur Flüchtlingskrise: „Mitleid kann manipulativ sein“

Und selbst die Empathie angesichts schrecklicher Ereignisse hat ihre dunklen Seiten, stellt Breithaupt klar. Da wir Empathie nur zeitlich begrenzt aufbringen können, denn sie ist anstrengend, muss das Ende in Sicht sein. Deshalb erfahren chronisch Kranke weniger Empathie als kurzzeitig Kranke. Und, so lautet eine der Thesen dieses Buches: Empathie gilt oft gar nicht den Leidenden oder Opfern, sondern unausgesprochen ihren Helfern. Und Breithaupt geht noch weiter. Wer mit dem Helfenden statt mit dem Leidenden mitfühlt, empfindet sich selbst ein bisschen wie ein Helfer. Womit wir bei der Flüchtlingskrise und bei Angela Merkel und einer interessanten Beobachtung sind, die Breithaupt macht:

Im Frühsommer 2015 befindet sich Angela Merkel in Rostock in einem Kreis von Schülerinnen und Schülern. Das aus dem Libanon stammende palästinensische Mädchen Reem erzählt, dass ihre Familie seit vier Jahren in Deutschland nur geduldet sei und wohl bald ausgewiesen werde.

Reem: „Ich habe ja auch Ziele, so wie jeder andere. Ich möchte studieren, das ist wirklich ein Wunsch und ein Ziel, das zu schaffen.“

Die Kanzlerin versucht darzulegen, dass der Libanon keine Kriegszone sei und dass Deutschland die Menschen nicht aufnehmen könne. Sie gibt dem Mädchen aber auch recht, dass vier Jahre Wartezeit zu viel seien.

Merkel: „Das müssen wir ändern, und da haben wir jetzt auch mit den Ländern darüber geredet …“

Die Kanzlerin spricht weiter. Das Mädchen weint.

Merkel: „Och komm, du hast das doch prima gemacht …“

Was meint die Bundeskanzlerin?

Was meint Angela Merkel mit der Bemerkung „Du hast das doch prima gemacht“? Fritz Breithaupt interpretiert das so: In einem Moment, in dem die Kanzlerin ihre Empathie unter Beweis stellen will, unterläuft ihr ein Lapsus, der ihre Empathielosigkeit offenlegt.

Moderator: „Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums Primamachen geht, sondern dass das natürlich eine sehr belastende Situation ist …“

Merkel: „Das weiß ich.“

Merkel reagiert gereizt auf die Bemerkung des Moderators, weil er ihren Fehler anspricht. Hört man einen anderen Ausschnitt derselben Szene, fällt eine Formulierung auf, die leicht abgewandelt der Kanzlerin-Satz des Jahres werden wird.

Merkel: „Du weißt auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch tausende und tausende und wenn wir jetzt sagen ihr könnt alle kommen, und ihr könnt alle aus Afrika kommen, und ihr könnt alle kommen – das können wir auch nicht schaffen.“

Breithaupt meint, es gebe kaum stärkere Empathie-Auslöser als markierte empathische Fehler. Und er fragt: War vielleicht der empathische Fehler der Kanzlerin gegenüber dem palästinensischen Mädchen einer der Auslöser für die inhaltliche Kehrtwende und die Nicht-Schließung der Grenzen zwei Monate später?

Ein empathischer Fehler als Wendepunkt

Jedenfalls, im Sommer galt noch dieser Satz:

Merkel: „Das können wir nicht schaffen.“

Und im Herbst galt das genaue Gegenteil:

Merkel: „Wir schaffen das.“

…     …

„Die dunklen Seiten der Empathie“ ist ein lesenswertes Buch.

*Bodo Morshäuser, Deutschlandradio Kultur, 04.02.2017.

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