Heiliger Dietrich – Der Theologe Dietrich Bonhoeffer …

Dietrich Bonhoeffer

   Wolf Krötke*

Heiliger Dietrich

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer war wach und kritisch – deswegen darf er nicht zum Mythos stilisiert werden

Lichtgestalt, Märtyrer, Heiliger: Die Nachwelt hat Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet wurde, viele preisende Titel verliehen. Seine Faszination ist bis heute ungebrochen.

Dietrich Bonhoeffer ist eine „Lichtgestalt“. Das ist nur einer von den Ehrentiteln, die ihm heute verliehen werden. Er ist der „Märtyrer“, der „Heilige“, „der Prophet“, „die Persönlichkeit“, der „Kämpfer“ und „Held“, der „Kluge“, der „Authentische“ und „Glaubwürdige“, der „große Theologe“. Dergleichen entnehmen wir der Werbung, die für den Vertrieb von Bonhoeffer-Texten und Arbeiten über Bonhoeffer gemacht wird.

Kein evangelischer Theologe wurde nach meiner Erinnerung in den letzten Jahrhunderten in vergleichbarer Weise stilisiert. Ich verdanke einer langen Beschäftigung mit dem Werk und Leben Dietrich Bonhoeffers sehr viel. Aber mir bereiten diese überschwänglichen Töne doch ein Unwohlsein. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass meine Erstbegegnung mit diesem Theologen so gar nichts von der Begegnung mit einem „Helden“ an sich hatte. Als ich 1959 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wurde, in das man mich wegen „Hetze und staatsgefährdender Propaganda“ gesperrt hatte, schenkte mir mein Vater die DDR-Ausgabe von „Widerstand und Ergebung“. Noch ganz in der Seele ausgefüllt mit dem bedrückenden Klima einer Zellenexistenz, konnte ich das Buch damals gar nicht zu Ende lesen.

Als ich dann später an der Kirchlichen Hochschule in Ostberlin studierte und lehrte, habe ich ein paar Häuserecken vom Dorotheenstädtischen Friedhof entfernt gelebt. Dort liegen Bonhoeffers Weggefährten Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher begraben; vielmehr, sie wurden dort mit vielen anderen Toten der letzten Kriegstage in einem Bombentrichter verschafft, nachdem sie von der SS in der Näher des Lehrter Bahnhofs erschossen worden waren. Ich bi oft zu diesem Platz gegangen, an dem ein großer Stein unter einem Eisenkreuz auch an den in KZ Flossenbürg hingerichteten Dietrich Bonhoeffer erinnert. Von daher kann ich mir die Annäherung an das Leben, den Weg und das Werk Dietrich Bonhoeffers gar nicht anders vorstellen als so, dass ich an einem Grabe stehe welches mir alle aufgeblasenen Töne austreibt.

Und noch was anderes kommt hinzu. Im Laufe der Zeit habe ich ziemlich allen kennengelernt, was Dietrich Bonhoeffer literarisch hinterlassen hat. Es ist für mich sehr wichtig geworden, besonders unter den Bedingungen der DDR. Dort hatte unterdessen die Einordnung Dietrich Bonhoeffers in die Reihe der „antifaschistischen Widerstandskämpfer“ begonnen. An der Humboldt-Universität in Berlin wurde Bonhoeffer als ein Vorkämpfer des dialektischen und historischen Materialismus gefeiert. Ich habe eine Veranstaltung in der Humboldt-Universität erlebt, bei der es mich nicht gewundert hätte, wenn man ihn zum Ehrenoffizier der Nationalen Volksarmee ernannt hätte.

Ein Widerwille gegen die Funktionalisierung des Werks, des Lebens und des Todes dieses Theologen hat mich seitdem nicht verlassen. Wir tun ihm Unrecht, wenn wir ihn in Dimensionen der Unangreifbarkeit erheben, in denen er als eine Art Papst für alles Mögliche in Anspruch genommen wird. Als Mitherausgeber des Bands 16 der „Dietrich Bonhoeffer Werke“ habe ich Texte von ihm ediert, die mir – ehrlich gesagt – die Zähne ausziehen. Siewerden in der Sammlung seiner „Sinnsprüche“ verschwiegen. Denn wer ist heute noch empfänglich für ein „recht verstandenes Gottesgnadentum der Obrigkeit“? Wer kann einer Predigt etwas abgewinnen, die den Tod für das Vaterland preist? Wer möchte unterschreiben, dass die Bibel nicht in die Hand der Gemeinde gehört? Welche Frau will sich in dem patriarchalischen Tone angesprochen wissen, in dem Bonhoeffer mit seiner 18-jährigen Braut umgegangen ist?

Das alles ist auch Dietrich Bonhoeffer Aber dann ist da noch etwas anderes. Ich habe es einmal so ausgedrückt, dass dieser Theologe mit dem, was er als wahr erkannte, immer aufs Ganze gegangen ist. „Keine halben Sachen“ – das ist offenkundig ein Cantus firmus seines Denkens und Lebens gewesen. So begegnet er uns als Pazifist und als Teilnehmer an einer militärischen Verschwörung zum Tyrannenmord. So begegnet er uns als Protagonist einer Klosterexistenz und als Theoretiker eines „religionslosen“ Christentums. So ist er mir eindrücklich geworden als ein „Konservativer“ und dann wieder als einer, der Grenzen überschritten hat. Und beide Male hat er ohne Kompromisse gelegt, was er als wahr erkannte.

Vielleicht ist es gerade das, was viele Menschen heute an ihm fasziniert. Da steht jemand zu seinem Glauben, auch wenn ihn das in die Isolation und in die persönliche Erschöpfung treibt und sein Leben in Gefahr gerät. Da ist einer „authentisch“, während es unserer Zeit an Wahrheiten gebricht, für die man sein Leben aufs Spiel setzen würde.

Im Pluralismus gilt: Alles könnte vielleicht auch nicht wahr sein. „Ein Stück weit“ ist deshalb auch ein sehr beliebtes Wort auf Kanzeln und in der kirchlichen Praxis. Aber wenn man dann Bonhoeffer zitieren kann, dann kommt die Sache irgendwie zum Stehen. Da haben wir, was uns fehlt, nämlich einen Menschen, dem der Glaube und seine Konsequenzen für das Handeln so wertvoll sind, dass er mit seinem Leben dafür einsteht. Können wir so weit gehen und sagen: An Bonhoeffer fasziniert in unserer pluralistischen Gesellschaft so viele Menschen gerade das, was sie nicht sind? Denn das ist ja ein Charakteristikum unserer Zeit, in der die Grundgewissheiten für das Leben zerfasern: Sie sucht sich „Lichtgestalten“, bei denen Menschen Haft finden.

Einerseits freue ich mich, dass eines der Ziele der über die ganze Welt verbreiteten Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft realisiert wird. Dietrich Bonhoeffer ist heute der weltweit bekannteste deutsche evangelische Theologe der jüngeren Zeit. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch nüchtern bleiben. Werbegestützte „Bonhoeffer-Faszination“ als Ventil für den Druck der Probleme des religiösen Pluralismus entfernt sich von diesem Theologen, Pfarrer und Christen. Sie droht, ihn zu einem Mythos zu machen.

„Faszinieren“ heißt im lateinischen Wortsinn „behexen“. Das Kennzeichen des „Behexens“ aber ist, dass es nichts mit Wahrheit, dafür umso mehr mit dunklen, Herz und Sinne betäubenden Emotionen zu tun hat. Dergleichen sollte nicht auf einen Menschen projiziert werden, der alles in das kritische und Leben spendende Licht der Wahrheit Gottes gestellt hat.

Die Möglichkeit, die in der breiten Veröffentlichung von Bonhoeffer-Texten schlummert, besteht demgegenüber darin, Menschen zu ermutigen, selbst an der Erkenntnis der Wahrheit mitzuarbeiten, die für Bonhoeffer durchweg den kurzen Namen „Jesus Christus“ trug: Gott konkret mitten unter uns Menschen. Das kann hart werden. So leicht, wie Bonhoeffer es dem frommen Gemüt in seinen aus dem Zusammenhang seines Denkens gerissenen „Sinnsprüchen“ zu machen scheint, macht er es uns nirgends. So leicht hat er es sich selbst nicht gemacht. Mit Christus wach und kritisch bleiben – das ist ein Imperativ, den wir aus allen theologischen Arbeiten von Bonhoeffer vernehmen können.

Wer sich mit dem Denken und Wollen dieses Theologen beschäftigt, muss sich anspruchsvollen, starken Texten aussetzen. Sie mogeln nicht im Namen irgendeines religiösen oder politischen Interesses um die Sache des christlichen Glaubens herum. Sie konzentrieren sich darauf, worum es im Zentrum dieses Glaubens eigentlich geht. Selbst wenn sie zum Widerspruch reizen, ist das so. Sie währen dann nicht „fasziniert“, sondern vom Geist der christlichen Wahrheit inspiriert. Solche Menschen braucht unsere Kirche heute.

[Dieser Text stammt aus dem aktuellen Thema-Heft „Dietrich Bonhoeffer“ der evangelischen Kirchenzeitungen; zu bestellen beim Wichern-Verlag, Tel. 030/28 87 48 10, Fax 030/28 87 48 12  vertrieb@wichern.de ]

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*Wolf Krötke, Heiliger Dietrich. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer war wach und kritisch – deswegen darf er nicht zum Mythos stilisiert werden, in: Evangelische Zeitung, GLAUBE IM ALLTAG, 05.04.2015, Nr. 14 NK, Seite 3.

Prof Wolf Krötke lehrte systematische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin; er ist Mitglied im Vorstand der Bonhoeffer-Gesellschaft.

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