Ohren zu und Geldbeutel auf!

 „Band Aid“ bringt keine Hilfe für die Ebola-Region.

Es offenbart nur die Klischees der vermeintlich Großmütigen über Afrika.

– Johannes Dieterich

Der in Johannesburg lebende Afrika-Korrespondent Johannes Dieterich nimmt in einer überregionalen Tageszeitung Stellung zu einer der aktuellen Reaktionen, Unternehmungen und Begleitumstände zur Ebola-Epidemie in Westafrika und kommentiert:

Sir Bob Geldof wieder zur Stelle

Oops, jetzt hat er es schon wieder getan! Zum vierten Mal in 30 Jahren trommelte der vom harten Künstlerleben zunehmend gezeichnete Sir Bob Geldof zwei Hände voller Stars zusammen, um den afrikanischen Kontinent zu retten: Damals, 1984, war es das hungernde Äthiopien, das gesättigt wurde; heute ist es das vom Ebola-Virus gegeißelte Westafrika, das Geldofs geadelter Großmut heilen wird. Mit derselben lausigen Melodie und (fast) denselben gruseligen Worten sucht der irische Barde mit „Band Aid“ auch heute wieder die vorweihnachtlich eingeweichten Herzen der wohlständigen Weltbürger zu gewinnen, um sie zum Öffnen ihrer Geldbörse zu bewegen. „Es ist eine grauenhafte Einspielung, vor allem wenn man an die Zahl der beteiligten Talente denkt“, machte Sänger Morrissey schon 1984 aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Die Äthiopier können einem tatsächlich leidtun. Aber das ist noch lange kein Grund, den Rest der Welt mit diesem Song zu quälen.“ Daran hat sich in den vergangenen 30 Jahren nichts geändert.

Er hab einen „Aufruf von den Vereinten Nationen“ erhalten, flunkert der weißhaarige Sänger: Scheinbar hat ihn der Herr Staatenbund persönlich  um eine Neueinspielung von „Do they know it’s Christmas?“ gebeten. Das war schon damals eine blödsinnige Frage: Denn die äthiopische Christenheit feierte bereits die Geburt des Nazareners, als Geldofs Ahnen noch unbehauene Steine anbeteten. „Wo nichts wächst und weder Regen noch Bäche fließen“, hieß es weiter in dem Lied, dessen Autor offenbar geschlafen hatte, als in der Grundschule von Äthiopien als dem Ursprungsland des Kaffees und dem Nil als einem der mächtigsten Flüsse der Welt die Rede war.

Afrika – ein Dorf!

Man muss es Sir Bob zugutehalten, dass er für die diesjährige Einspielung ein paar Verse ausgetauscht hat. „Es wird in Afrika keinen Schnee geben“ musste der späten Einsicht des Songschreibers weichen, dass Afrikaner vom Aral über die nigerianische Hochebene und den Kilimandscharo bis zum Kap der Guten Hoffnung die Eiskristalle sehr wohl kennen. Auch der Vers „Heute Abend sind es zum Glück sie und nicht du“ (die sterben müssen), wich dem mentalen Bauchweh Bonos, der in diesem Fall sein Pseudonym einmal zu Recht trägt. Dafür kam allerdings triefendes  Geschwafel wie „Kein Frieden und keine Freude während dieser Weihnacht in Westafrika“ neu hinzu: Als ob alle 400 Millionen Westafrikaner über die Weihnachtsfeiertage im Bunker sitzend Trübsal blasen würden. „Es macht überhaupt nichts aus, ob Du den Song, die Künstler oder die Einspielung magst“, erwidert Sir Bob seinen Kritikern: „Hauptsache, du kaufst das Ding.“

Nicht alle, die die einstige „Boomtown Ratte“ zum Mitsingen eingeladen hatte, leisteten auch Folge. Unter anderem winkte der britisch-ghanaische Rapper Fuse ODG ab, den Geldof neben Bono, Roger Taylor, Sinead O’Connor und Seal zum vermeintlichen Guttun aufgefordert hatte. Als er den Text studiert und gesehen habe, mit welch grauenhaft-klischierten Bildern aus der Ebola-Region der vertonte Spendenaufruf angereichert werden sollte, sei ihm die Laune zum Mitmachen vergangen, erzählt der junge Musiker: „Der Text ist schräg und das von Afrika gezeichnete Bild vollkommen unzutreffend.“

Nicht nur, dass Geldof dauernd kollektiv von Afrika spricht – als ob es sich bei dem 55 Staaten umfassenden Kontinent um eine über einen Kamm zu scherende Nation handeln würde. Hinzu kommt, dass der Ire seinen Text weitgehend beibehalten zu können meint: als ob sich Afrika in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht grundsätzlich verändert hätte. „Die einzigen Weihnachtsglocken, die dort läuten, sind die klappernden Glocken des Untergangs“, war schon vor 30 Jahren hingeschmierter Unsinn – höchstens dazu geeignet, in überheblicher Sentimentalität schwelgende Europäer zu Tränen zu rühren. Afrika ist nicht das überdimensionierte Jammertal, von dem der Barde sülzt: Er sollte Bonos Privatjet leihen und sich den Kontinent mal wieder selber anschauen.

Fragwürdig ist schließlich auch, ob es tatsächlich Sir Bobs Almosen sind, die die westafrikanische Seuchenregion in erster Linie nötig hat. Vor Ort pflegen Helfer darauf hinzuwesen, dass es keineswegs Geld ist, das fehlt. Eher schon sind es Pflegekräfte und die richtige Einstellung sowohl unter der Bevölkerung der Ebola-Staaten selbst als auch im Ausland, wo man die gesamte Region am liebsten isolieren und versiegeln würde.

„Hör zu und schütze Dich.“

Fuse ODG ließ es übrigens nicht bei seiner Absage bewenden. Der Rapper produzierte gemeinsam mit den westafrikanischen Superstars Salif Keita, Amadou & Miriam, Tiken Jah Fakoly und Mory Kante einen eigenen Song: „Africa stop Ebola“. Der hört sich tatsächlich wie Musik an und transportiert obendrein noch eine sinnvolle Botschaft: Die Westafrikaner werden zu einem vorsichtigen Umgang mit dem Virus ermahnt. „Berühre nicht die Kranken, berühre nicht die Toten. Jeder ist gefährdet. Vertraue deinem Arzt.“ Statt „Mach die Ohren zu und den Geldbeutel auf“ heißt es hier also: „Hör zu und schütze Dich.“

Geldof versprach bereits, dass es sich bei „Band Aid 30“ um den letzten Aufguss seiner zunehmend schal werdenden Wohltätigkeit gehandelt haben könnte. Der nur schwer verständliche Erfolg der Single – sie wurde bereits in den ersten zwei Tagen 200 000 mal heruntergeladen – lässt allerdings Schlimmstes befürchten: Gewiss wird sich auch in zehn Jahren wieder ein afrikanische Krise finden, die der dann 73-Jährige mit seinem recycelten Weihnachtslied wieder aus der Welt schaffen kann. Afrikaner aller Länder, nehmt euch in Acht!

Johannes Dieterich

© Frankfurter Rundschau, MEINUNG |  ANALYSE, 27.11.2014, Seite 10.

 

Ein Kommentar zu diesem Artikel bisher »

Kommentare zu »Ohren zu und Geldbeutel auf!«

  1. Danke für diesen Artikel. Mit Genuss und Erkenntnis gelesen.

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